merken
PLUS Dresden

Warum Brigitte ihren Körper spendet

Für die Ausbildung von Ärzten ist das Studium an menschlichen Körpern unerlässlich. Eine Dresdnerin erzählt, warum sie ihren eigenen spenden will.

"Kann mir nichts Besseres vorstellen": Brigitte will ihren Körper nach dem Tod der Wissenschaft zur Verfügung stellen.
"Kann mir nichts Besseres vorstellen": Brigitte will ihren Körper nach dem Tod der Wissenschaft zur Verfügung stellen. © Sven Ellger

Dresden. Noch ein Platz ist frei im Familien-Urnengrab in Tolkewitz. Ihre Mutter liegt hier begraben, ihr Vater und ihr Schwager. Brigitte ist 80 Jahre alt, fit und gesund. Sie hat nicht vor, so schnell aus dem Leben zu scheiden. Aber wenn es irgendwann mal soweit ist, dann wird sie vermutlich nicht den letzten Platz im Urnengrab beanspruchen.

Brigitte will ihren Körper der Wissenschaft spenden, konkret dem Institut für Anatomie an der Medizinischen Fakultät der TU Dresden. Was bedeutet das? Nach ihrem Tod wird ihr Leichnam zum Institut überführt, wo er zunächst konserviert wird. Allein dieser Prozess dauert mindestens ein halbes Jahr, sagt Anja Behr, die am Institut für die Körperspenden verantwortlich ist.

Anschließend werde über mehrere Semester hinweg in Anatomiekursen an dem Körper gearbeitet. "Für die Ausbildung der Medizinstudenten und Weiterbildung von Ärzten ist das Studium an menschlichen Körpern unerlässlich", heißt es in einem Informationsschreiben, und Anja Behr ergänzt, dass jedes Jahr etwa 30 bis 40 Körper benötigt werden, um die Qualität der Lehre sicherzustellen.

Gesundheit und Wellness
Gesundheit und Wellness auf sächsische.de
Gesundheit und Wellness auf sächsische.de

Immer gerne informiert? Nützliche Informationen und Wissenswertes rund um das Thema Gesundheit und Wellness haben wir in unserer Themenwelt zusammengefasst.

Schon vor fünf Jahren hörte Brigitte über Bekannte von Bekannten zum ersten Mal von dieser Möglichkeit, wusste aber lange Zeit nicht, wo sie sich hinwenden kann. Erst mit Hilfe ihrer Cousine, die in München wohnt, fand sie zuletzt die richtige Anlaufstelle - und zögerte keine Minute.

Ein Herz für die Wissenschaft: Am Institut für Anatomie der TU Dresden wird an echten Körpern geübt.
Ein Herz für die Wissenschaft: Am Institut für Anatomie der TU Dresden wird an echten Körpern geübt. © kairospress

"Ich habe die feste Absicht, mich auf diese Art und Weise von der Welt zu verabschieden", sagt sie. "Ich kann mir nichts Besseres vorstellen und habe schon lange nach einer solchen Möglichkeit gesucht." Allerdings kannte sie die in Deutschland geltende Bestattungspflicht und fragte sich, wem sie die Kosten für ihre Beerdigung und die Grabpflege zumuten solle.

Brigitte hat keine Kinder und keinen Mann. Ihre Schwester lebt in einem Pflegeheim und leidet an Demenz. Sonst hat sie nur zu ihrer Münchner Cousine Kontakt.

Der Gedanke, nach ihrem Tod der Ausbildung und Forschung zu dienen und damit womöglich dazu beizutragen, Leben zu retten, erfüllt Brigitte mit Wärme. Bedenken hat sie keine. "Was soll denn schon passieren? Das tut ja keinem mehr weh. Mit der Entscheidung ist allen geholfen." Gerade jetzt, mitten in der Corona-Pandemie, in der so viele Menschen schwer erkranken oder gar sterben, liege ihr die Unterstützung für die Medizin am Herzen.

Angst habe sie keine. "Da hätte ich bei einer Lebendorganspende eher Sorge, was danach mit mir passieren könnte."

Ein Vermächtnis ist kein Vertrag

Ihren Organspende-Ausweis, den sie zuletzt zehn Jahren immer bei sich trug, hat sie nun aus ihrer Geldbörse entfernt. Stattdessen bekommt sie einen Körperspenderausweis. Beides geht nicht, denn die Körper müssen für die Kurse möglichst unversehrt sein.

Überhaupt gibt es einige Kriterien, die Leichen erfüllen müssen, um überhaupt für eine Spende infrage zu kommen. So dürfen die Menschen kein erhebliches Übergewicht haben, keine Amputationen und keine schweren infektiösen Erkrankungen. Sie sollten in der Regel mindestens 60 Jahre alt sein und im Umkreis von 50 Kilometern um das Institut wohnen.

Auch die Todesumstände spielen eine Rolle. Bei einer Selbsttötung oder einer anderen unnatürlichen Todesursache ist eine Spende ausgeschlossen. Dasselbe gilt nach einem schweren Unfall, wenn Teile des Körpers zerstört sind.

"Wichtig ist, zu betonen, dass es keinen Vertrag zwischen Institut und Körperspendern gibt", sagt Anja Behr. Beim Vermächtnis des potenziellen Spenders handele es sich vielmehr um eine Absichtserklärung, von der beide Seiten jederzeit und ohne Nennung von Gründen zurücktreten können.

Brigitte ist stolz darauf, dass sie für die Spende infrage kommt. "Ich hatte in den 70er-Jahren eine Gallen-OP. Ansonsten bin ich aber noch vollständig", sagt sie und lacht.

Die Registrierung sei am Ende viel einfacher gewesen, als gedacht. Zunächst habe sie sich ausführlich über das Thema informieren können. Dazu gibt es online ein Dokument, das die wichtigsten Fragen beantwortet.

Gedenkfeier mit Studenten

Die nötigen Unterschriften hat sie bereits geleistet und will sich nun bemühen, die Möglichkeit der Körperspende in der Region bekannter zu machen. Für die TU Dresden und alle angehenden Ärzte kann das nur gut sein. "Wir brauchen immer wieder Körperspender", sagt Anja Behr.

Aber bei aller Vorfreude - Brigitte hofft nun, dass sie so schnell noch nichts mit dem Institut für Anatomie zu tun haben wird. 40 Jahre lang arbeitete sie im Post- und Fernmeldewesen auf dem Postplatz, bevor sie 1999 in Rente ging. Ihre große Leidenschaft ist das Reisen. Mit ihrer Schwester war sie schon in Mexiko, mit früheren Arbeitskolleginnen unter anderem in Irland, Norwegen und der Schweiz. Zuletzt nutzte sie ein Reiseunternehmen vor ihrer Haustür, auch wenn vergangenes Jahr die Corona-Krise alle Pläne über den Haufen warf.

Um fit zu bleiben, ist Brigitte dennoch viel in Dresden unterwegs. "Ich bin Fußgänger", sagt sie. "Wenn es sein muss, laufe ich bis nach Buxtehude." Ihre Lieblingsroute führe allerdings vom Rosengarten an der Elbe bis nach Pillnitz.

Ihr letzter Weg wird Brigitte wohl eines Tages zum Trinitatisfriedhof führen. Wenn ihr Körper seinen Dienst an der Wissenschaft erfüllt hat, in der Regel zwei bis drei Jahre nach dem Tod, wird ihr Leichnam im Krematorium verbrannt. Anschließend soll die Urne auf dem Trinitatisfriedhof an der Fiedlerstraße anonym beigesetzt werden. "Dem hohen Wert der Körperspende angemessen, erfolgt die Beisetzung im Rahmen einer würdevollen ökumenischen Feierstunde mit aktiver Beteiligung der Studenten", heißt es.

Für Brigitte ist das nicht entscheidend, aber irgendwie doch ein schöner Gedanke.

Abonnieren Sie unseren kostenlosen Newsletter "Dresden kompakt" und erhalten Sie alle Nachrichten aus der Stadt jeden Abend direkt in Ihr Postfach.

Mehr Nachrichten aus Dresden lesen Sie hier.

Mehr zum Thema Dresden