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"Da wird mir Angst und Bange"

Jeder braucht Toilette und Heizung. Doch Installateur wollen zu wenige Jugendliche werden. Thomas Heine erzählt, warum sein Beruf das nicht verdient.

Firmengründer Thomas Heine mit seiner Tochter Stephanie Degenkolbe und dem Jung-Meister Martin Merker. Die Chefriege steht, doch sie braucht Mitarbeiter.
Firmengründer Thomas Heine mit seiner Tochter Stephanie Degenkolbe und dem Jung-Meister Martin Merker. Die Chefriege steht, doch sie braucht Mitarbeiter. © Christian Juppe

Dresden. Pedantisch genau oder eher zack-zack? Das war die Frage, nach der sich vor mehr als 40 Jahren Thomas Heines Berufsweg entschied. 

Ausreichend exakt war er und ein Anpacker. Also wäre Bauzeichner nicht gerade sein Ding gewesen. Das erkannte sein Vater und schickte ihn zu einem Klempner und Installateur in die Lehre. Damals war vieles anders, doch etwas lässt sich auch heute nicht vermeiden: Das Rechnen.

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"Wenigstens eine drei in Mathe und Physik sollten junge Leute auf dem Zeugnis haben, wenn sie sich bei uns bewerben", sagt der 58-Jährige. Dass die Ausbildung gerade in diesen Bereichen fordert, weiß er noch aus seiner Zeit als Lehrling. "Was ich in der Schule nicht verstand, das konnte ich zum Glück meinen Vater fragen, und dann viel sofort der Groschen", erinnert er sich.

Heute ist Thomas Heine nicht nur Meister sondern Inhaber seiner eigenen Firma. Heine Haustechnik steht auf den Fahnen des Betriebsgeländes. Acht Leute, ein Azubi und volle Auftragsbücher. Eigentlich kann sich der Chef nicht beschweren. 

"Anders als viele andere Handwerksbetriebe haben wir ja immerhin die Firmennachfolge geklärt", sagt er. Seine Tochter Stephanie hat Bankkauffrau gelernt und BWL studiert. Vor sechs Jahren ist sie ins Unternehmen eingestiegen. Irgendwann wird sie es übernehmen. 

Was tun, wenn der Spülkasten hakt?

Aber wen wird sie dann zu Frau Lehmann schicken, deren Spülkasten hakt? Welchen Mitarbeiter beauftragt sie mit der zerbrochenen Duscharmatur von Herrn Schulz? 

"Wenn ich bei uns so in die Runde sehe, mache ich mir wirklich Sorgen", sagt Thomas Heine. Das Gros seiner Mannschaft hat die 50 überschritten. 

Ein Azubi, ein junger Geselle und ein frisch gebackener Meister gehören zum Team. Die beiden hat Heine ausgebildet, doch nun kommen schon das dritte Jahr keine Bewerbungen mehr bei ihm an.

Mit Start des neuen Ausbildungsjahres haben laut Handwerkskammer Dresden 2.161 junge Frauen und Männer ihre Ausbildung in ostsächsischen Handwerksbetrieben begonnen. Das sind gut 50 mehr als vor einem Jahr und ähnlich so viele wie vor zehn Jahren. Aktuell informiert die Dresdner Handwerkskammer dennoch über 70 freie Lehrstellen in Handwerksbetrieben, mit der Option, selbst jetzt noch ins aktuelle Ausbildungsjahr einzusteigen. 

Die meisten offenen Ausbildungsplätze gibt es in Dresden im Bereich Anlagenmechanik für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik. Genau der Beruf also, in dem Thomas Heine Nachwuchs braucht, um ruhiger in die Zukunft schauen zu können. Körperlich schwere Jobs haben es bei der Jugend generell schwer. Dazu zählen auch Ausbaufacharbeiter, Dachdecker, Bodenleger, Beton- und Stahlbetonbauer.

Überalterung der Klempnerbranche

"Solange selbst die Schüler aufs Gymnasium gehen, die eigentlich keine Bildungsempfehlung dafür bekommen, wird sich für uns nichts ändern.", sagt Thomas Heine. 

Vor drei Jahren habe er an einer Schulung für Meister seines Faches teilgenommen und dort den Blick schweifen lassen: "Rund 250 Meister, fast alle in meinem Alter. Da wird mir Angst und Bange."

Denn nicht nur ausreichend und gute Mitarbeiter brauchen Handwerksbetriebe wie seiner. Sie benötigen in ihren Reihen mindestens einen Meister. 

"Wir haben Meisterzwang. Ohne Meister, keine Konzession." Wie froh ist Heine, dass ein junger Kollege gerade die Prüfung bestanden hat. Mit 27 Jahren. Eine Leistung, die der Chef sehr zu schätzen weiß. 

"Ich habe damals meinen Meister mit 23 Jahren absolviert und war in Dresden der jüngste in diesem Bereich." Dass er später als Einmannbetrieb in die Selbstständigkeit starten würde, wusste er da noch nicht. Dafür musste die DDR erst Geschichte sein.

Lehre, Armeezeit, Meisterschule - Thomas Heine hat durchgezogen. Nicht zuletzt, dank Klempnermeister Scholz. An ihn denkt er zurück, wenn es um seinen Ausbildungsweg geht. 

"Der kam mit seinem Moped mit Hänger dran bei uns auf den Hof gefahren, um einen Abfluss zu reparieren", erzählt er. Da lag er unter der Wanne und schraubte schnaufend. "Mein Vater hat zu mir gesagt: Wenn du so etwas nicht dein Leben lang tun willst, mach deinen Meister!" 

Die Zeiten der Montage sind vorbei

Sicher hat sich im Berufsalltag des Haustechnikers vieles vereinfacht. "Trotzdem kann es sein, dass man den ganzen Tag nur Klos einbaut. Das gehört halt auch dazu", sagt Heine. 

Seine eigene Firmenstrategie lenkt er jedoch inzwischen in eine andere Richtung: "Allein für einen Bauträger haben wir in Dresden rund 250 Einfamilienhäuser ausgestattet." Weil ihm perspektivisch aber die passenden Mitarbeiter fehlen, übernimmt er nun mit seinen Leuten zunehmend Kundendienstaufträge für verschiedene Hausverwaltungen. 

Das Arbeiten im Rohbau bei Kälte und Nässe, sei ein harter Job, gibt Thomas Heine zu. Zudem habe sich seine Branche in den Nachwendejahren ein schlechtes Image eingehandelt. 

"Damals haben unzählige Leute aus der abgewickelten Maschinenbauindustrie umgeschult. Das wirkte dann so, als könne Sanitär und Heizung jeder. Außerdem bedeutete unser Beruf in den 90er Jahren, die ganze Woche über auf Montage zu fahren." Diese Zeiten sind vorbei.

"Wir arbeiten von 7 bis 15.30 Uhr. Überstunden vermeiden wir und Wochenenddienste fallen nur selten reihum in Form von Notdiensten an." Natürlich mache er sich seine Gedanken, wie er als Arbeitgeber noch attraktiver sein kann. 

An der Wand im Pausenraum hängen Fotos der ganzen Mannschaft beim Stadtlauf und zur Weihnachtsfeier. Auch das gehört für Heine dazu: Teamgeist über den puren Job hinaus.

Wenn Thomas Heine seinen Beruf mit wenigen Worten loben soll, dann fallen ihm drei Dinge ein: "Unsere Arbeit ist extrem abwechslungsreich. Wir finden Lösungen mit Köpfchen und in Ruhe. Wir helfen tagtäglich Menschen aus der Not und treffen auf große Dankbarkeit." Sein Handy klingelt. Wahrscheinlich ist irgendwo die Heizung ausgefallen. 

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