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Was gegen ein Krankenhaus in Dresden-Trachau spricht

Warum soll es am Neustädter Krankenhaus keine stationäre Versorgung mehr geben? Klinik-Chef und Sozialbürgermeisterin erklären nun ihre Gründe.

Krankenhaus oder Pflegequartier - was wird aus dem Krankenhaus Dresden-Neustadt?
Krankenhaus oder Pflegequartier - was wird aus dem Krankenhaus Dresden-Neustadt? © René Meinig

Dresden. Das Krankenhaus Dresden-Neustadt ist Ende der 1920er-Jahre eröffnet worden. Damals als Pflegeheim. Die Strukturen - die Pavillon-Gebäude und die Laubengänge - sind bis heute erhalten geblieben. Sie mussten es. Denn das Ensemble steht unter Denkmalschutz. Ja, darin können Patienten auch weiterhin gut versorgt werden, sagen Klinik-Direktor Marcus Polle und Sozialbürgermeisterin Kristin Kaufmann (Linke). Doch ein modernes Krankenhaus könne aus dem Standort in Trachau nicht mehr werden. Aus genau diesem Grund stehen beide zu dem Plan, das Krankenhaus umzuwandeln und die stationäre Versorgung in Friedrichstadt zu konzentrieren. Was aus ihrer Sicht gegen einen Weiterbetrieb mit einer stationären Versorgung spricht.

Problem 1: Zu schmale Flure

Ein Problem sind die schmalen Gänge in den Häusern. Dort passen keine zwei Krankenbetten aneinander vorbei. Eng wird es außerdem, wenn Rollstühle oder Transportwagen mit Essenstabletts im Gang abgestellt werden. Die Flure auf die nötigen 2,50 Meter zu verbreitern, ist unmöglich. Denn dazu müssten tragende Wände abgerissen werden.

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Die schmalen Flure im Neustädter Krankenhaus verhindern, dass Betten aneinander vorbeipassen. Ändern lässt sich das baulich nicht.
Die schmalen Flure im Neustädter Krankenhaus verhindern, dass Betten aneinander vorbeipassen. Ändern lässt sich das baulich nicht. © René Meinig

Problem 2: Patientenzimmer müssten umgebaut werden

Weiter geht es mit den Zimmern, die für bis zu drei Patienten ausgelegt sind. Der zukünftige Standard werden Räume für maximal zwei Patienten sein, sagt Wolfram Tschuck, Leiter für Technik und Wirtschaft im Städtischen Klinikum. 

Wolle man das Neustädter Krankenhaus weiterbetreiben, dann mit weniger Betten als jetzt. Aktuell stehen in Trachau rund 360 zur Verfügung. Die Bettenzahl zu reduzieren wäre auch aus anderen Gesichtspunkten nötig. 

In manchen Zimmern ist so wenig Platz vorhanden, dass die Betten an der Wand stehen, was es Ärzten und Pflegern unmöglich macht, Patienten von beiden Seiten zu versorgen. Darüber hinaus müsste Geld in die Räume gesteckt werden. Denn in nicht allen Bädern können sich Patienten mit Rollstühlen drehen.

Zwei Betten, wo eigentlich nur Platz für eins ist: Die Patientzimmer müssten umgestaltet werden. Das heißt aber auch, dass weniger Patienten gleichzeitig versorgt werden könnten.
Zwei Betten, wo eigentlich nur Platz für eins ist: Die Patientzimmer müssten umgestaltet werden. Das heißt aber auch, dass weniger Patienten gleichzeitig versorgt werden könnten. © René Meinig

Abzüglich der Betten, die aus Sicht des Klinikum in ferner Zukunft nicht mehr gebraucht werden, würden in Trachau 180 stationäre Betten bleiben, wollte man das Krankenhaus weiterbetrieben. 

Polle mahnt allerdings, dass es das Gesamtergebnis des Städtischen Klinikums jährlich um neun Millionen Euro verschlechtern würde, sollte auf eine Zentralisierung aller Abteilungen in Friedrichstadt verzichtet werden.

Problem 3: Teure Generalsanierung für viele Gebäude nötig

"Wenn man Neustadt weiter als Krankenhaus betreiben möchte, müsste ein Haus nach dem anderen durchsaniert werden", so Tschuck. Ein Hauptgrund ist der Brandschutz.  Zwar werden einzelne Mängel bereits behoben, unter anderem durch den Einbau von Brandschutztüren. 

Das reicht auf lange Sicht aber nicht aus. So müssten Holzbalken-Decken in den unsanierten Gebäuden durch Stahlbeton-Decken ersetzt werden. Das Klinikum hat dafür die Kosten geschätzt. 

Auch so sieht es im Neustädter Krankenhaus aus: Die Station für schwergewichtige Patienten ist erst vor zwei Jahren fertig geworden. Das Gebäude wurde dafür komplett entkernt. Eine teure Angelegenheit.
Auch so sieht es im Neustädter Krankenhaus aus: Die Station für schwergewichtige Patienten ist erst vor zwei Jahren fertig geworden. Das Gebäude wurde dafür komplett entkernt. Eine teure Angelegenheit. © René Meinig

Bei den sieben noch unsanierten Häusern wären etwa 80 bis 100 Millionen Euro nötig, so Tschuck. Im laufenden Betrieb würde das bis zum Jahr 2037 dauern. Dabei wäre immer ein Haus gesperrt, was die Durchgänge zu den benachbarten Gebäuden blockiere.

Außerdem würden Ärzte und Pfleger über mehr als ein Jahrzehnt auf einer Baustelle arbeiten. Für das Geld könnte man in Friedrichstadt zwei neue Häuser bauen, sagt Marcus Polle.

Problem 4: Denkmalschutz verbietet Neubau

Auch einen Neubau im begrünten Innenhof haben die Verantwortlichen geprüft, um ein Klinikum mit breiteren Gängen und größeren Patientenzimmern zu bekommen. Das Ergebnis: nicht möglich. 

Der Denkmalschutz verbiete es, die grüne Achse, die von der Schützenhofstraße über die Kopernikusstraße durch das Klinikgelände zur Industriestraße führt, zu bebauen. "Darauf wird sehr geachtet, das ist tabu", so der Technikleiter.

Mit seinem Park kann das Neustädter Krankenhaus punkten. Er ist auch denkmalgeschützt, was einen Neubau im Innenhof verhindert.
Mit seinem Park kann das Neustädter Krankenhaus punkten. Er ist auch denkmalgeschützt, was einen Neubau im Innenhof verhindert. © René Meinig

Problem 5: Patiententransporte unter freiem Himmel

Die östlichen und die westlichen Pavillon-Häuser sind nicht miteinander verbunden. Patienten werden deshalb über den Laubengang transportiert, wenn Untersuchungen und Behandlungen in anderen Abteilungen nötig sind. 

Eine unterirdische Verbindung könne allerdings nicht gebaut werden, da ein Abwasser-Kanal im Weg sei, so Tschuck. Die Patienten weiterhin im Freien zu transportieren sei für die Zukunft keine effiziente Alternative.

Der Plan: Gesundheitsquartier mit Pflege-Wohngemeinschaften, Ambulanzen und Notfallzentrum

Polle und Kaufmann wollen dem Stadtrat vorschlagen, jegliche stationäre Versorgung bis zum Jahr 2035 nach Friedrichstadt zu verlagern. Dabei soll das Neustädter Krankenhaus nicht eine Station um die andere ausbluten, versprechen die beiden. 

Im Gegenteil: Zunächst einmal zieht die Kardiologie vom Weißen Hirsch nach Trachau, außerdem wird ein vierter Kreißsaal eröffnet, alles noch dieses Jahr. Außerdem wird Geld in den Brandschutz gesteckt. "Solange wir den Standort haben, werden wir in ihn investieren", sagt Kaufmann. Erst wenn der Umzug angeschoben wird, vermutlich nicht vor 2030, soll es einigermaßen schnell gehen.

Aus dem Neustädter Krankenhaus soll dann ein Gesundheitsquartier werden. Geplant sind eine Notaufnahme mit einer zehn Betten großen, angeschlossenen Station, ein ambulantes OP-Zentrum, Arztpraxen, Kurzzeitpflege und weitere Angebote für Senioren. "Unser Präferenzszenario ist mit Abstand am besten", sagt Polle.

Der Zeitplan: Hitzige Debatte erwartet

Fix ist Plan noch nicht, der in Zusammenarbeit mit Unternehmensberatern, aber auch mit Stadträten, Chefärzten und Personalräten entstanden ist. In den nächsten Wochen erarbeitet die Stadtverwaltung eine Vorlage für den Stadtrat, in der sie für ihr Zukunftskonzept aus Medizincampus in Friedrichstadt, Gesundheitsquartier in Trachau und psychiatrisches Zentrum in Bühlau wirbt. Zuvor waren drei weitere Szenarien untersucht worden.

Die vier Szenarien im Überblick:

  • Szenario 1: Alles bleibt, wie es ist.
  • Szenario 2: Standorte Trachau und Bühlau ziehen in einen Neubau im Dresdner Norden.
  • Szenario 3: Friedrichstadt wird zum großen Medizin-Campus, in Trachau verbleibt ambulante Versorgung mit Notaufnahme, Bühlau wird zum Zentrum für psychische Gesundheit.
  • Szenario 4: Schließung aller bisherigen Standorte und Neubau im Dresdner Norden

Mehrere Fraktionen haben bereits bekräftigt, dass sie die stationäre Versorgung aus Trachau nicht komplett abziehen wollen. Auch von Gegen-Gutachten ist bereits die Rede. Es ist von einer langen und hitzigen Debatte auszugehen. 

Sozialbürgermeisterin Kristin Kaufmann hat sich am Montag für eine sachliche und nicht vom Wahlkampf dominierte Diskussion ausgesprochen. Sie mahnte gleichzeitig, die Stadt könne den laufenden Betrieb des Städtischen Klinikums nicht auf Dauer kofinanzieren oder subventionieren und darüber hinaus Geld für Investitionen zur Verfügung stellen. 

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Allein im vergangenen Jahr machte der Eigenbetrieb ein Minus von knapp zwölf Millionen Euro. Kaufmann geht davon aus, dass der Stadtrat im ersten oder zweiten Quartal 2021 eine Entscheidung trifft. Im Anschluss könnten sich Stadt und Klinikum um Fördermittel bemühen.

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