merken
PLUS Dresden

Was Dresdens schönsten Kleingarten ausmacht

Der Inder Surendra Pratap war vor 35 Jahren einer der Begründer des Vereins Friebelstraße. Nun erhielt seine Parzelle eine völlig unverhoffte Ehrung.

"Auszeichnung nicht angestrebt": Surendra Pratap ist der Rummel um seinen Garten eher unangenehm.
"Auszeichnung nicht angestrebt": Surendra Pratap ist der Rummel um seinen Garten eher unangenehm. © Sven Ellger

Dresden. Da muss doch was im Busche sein, dachte sich Jürgen Viehrig, als die Juroren beim Rundgang durch seine Anlage vor diesem einen Garten besonders lange stehen blieben.

Hinter dem offensichtlich neu gesetzten Zaun reiht sich ein Spalierbaum an den anderen, gestützt von einem geschmackvollen Holzgestell. Pflaume, mehrere Apfelsorten und Birne. Alles fachmännisch verschnitten.

Bauen und Wohnen
Wohnen Sie noch oder bauen Sie schon?
Wohnen Sie noch oder bauen Sie schon?

Hier finden Sie alles, was Sie fürs Sanieren, Renovieren oder Bauen Ihrer eigenen vier Wände brauchen.

Das hier sei doch ein gutes Beispiel, wie gut Neugestaltungen gelingen können, wirbt Viehrig, Chef der Anlage Friebelstraße in Leubnitz-Neuostra, um die Punkte der Juroren. Zu diesem Zeitpunkt erhofft er sich noch den Sieg beim traditionsreichen Wettbewerb "Schönste Kleingartenanlage Dresdens".

Für einen Platz auf dem Treppchen reicht es für seinen Verein bei der Ehrung im Juni zwar nicht, einen Preis gibt es aber dennoch. Genau jener Garten Nummer 84 mit den Spalierbäumen und dem neuen Zaun wird zum "schönsten Einzelgarten" gekürt, eine Auszeichnung, von der die Mehrheit der Anwesenden zuvor noch nie etwas gehört haben.

Die Schaukel erinnert daran, wie viele Kinder hier in den vergangenen Jahrzehnten ihren Spaß hatten. Inklusive der eigenen.
Die Schaukel erinnert daran, wie viele Kinder hier in den vergangenen Jahrzehnten ihren Spaß hatten. Inklusive der eigenen. © Sven Ellger

Auch für Surendra Pratap war diese Kategorie gänzlich neu. Der 71-Jährige und seine Frau Helga sind die Pächter der Sieger-Parzelle in der Anlage Friebelstraße. Dabei sei Helga "die Seele des Gartens", wie ihr Mann wiederholt betont.

Die Auszeichnung löst in ihm gemischte Gefühle aus. Die Freude über die Anerkennung wird durch die Furcht vor Neid getrübt. "Es gibt doch so viele andere schöne Gärten", sagt er. "Wir haben uns ja auch nicht beworben und das auch niemals angestrebt." Auch das Preisgeld beanspruchen sie nicht für sich.

Strenggenommen ist die Auszeichnung "schönster Einzelgarten", bezogen auf ganz Dresden, tatsächlich etwas irreführend. Hat doch die Jury nur die elf Anlagen besucht, die sich für die Endrunde beim Vereins-Wettbewerb qualifiziert hatten. Aus diesen Vereinen konnte daher der "schönste" Garten ausgewählt werden - nicht etwa aus allen rund 23.000 Parzellen in der Stadt. Freuen darf sich der Sieger natürlich trotzdem.

"Unmittelbares Bedürfnis zur Nachahmung": Gurken-Dschungel im Hochbeet.
"Unmittelbares Bedürfnis zur Nachahmung": Gurken-Dschungel im Hochbeet. © Sven Ellger

Seine Zurückhaltung ehre ihn, sagt Vereinschef Viehrig, "aber verdient hast du das schon, wenn man sich deinen Garten anschaut".

Diese Einschätzung unterstreicht auch Frank Hoffmann, Vorsitzender des Stadtverbandes "Dresdner Gartenfreunde": "Die Jury war sich schnell einig, dass in diesem Kleingarten die Liebe zum Detail, gärtnerisches Fachwissen und der Wunsch, jeden Zentimeter Gartenerde sinnvoll zu nutzen, in ihrer schönsten Form vereint werden. Der Garten weist eine hohe Arten- und Formenvielfalt auf, lebt von liebevoll gestalteten Details und beeindruckt mit einer Fülle an kreativen Ideen und deren sorgsam durchdachter Umsetzung."

Der Garten 84 lasse das Kleingärtnerherz höher schlagen und wecke das unmittelbare Bedürfnis zur Nachahmung.

"Wenn man stehenbleibt, ist man tot"

Zwei Jahre früher wäre das Urteil vermutlich noch etwas anders ausgefallen. Da thronte vorn am Weg nämlich noch eine stattliche Koniferenhecke, die in Kleingärten generell nicht so gern gesehen ist. Einen Zaun gab es hier bis dahin nie. Jeder durfte ein und aus gehen, wie er wollte. Vor allem die vielen Kinder, die eifrig die Schaukel nutzten. Auch die eigenen natürlich, bevor Tochter und Sohn in Oxford und Cambridge studierten.

2019 entschloss sich Pratap zur Veränderung. Er heuerte eine Firma mit Bagger an, die die Koniferen beseitigte und holte sich Hilfe beim Fachberater, der ihm wichtige Tipps gab.

"Leben ist Bewegung", sagt er. "Wenn man stehenbleibt, ist man tot." Dieser Grundsatz galt nicht nur für seine Gärtnerkarriere. 1973 kam Pratap für sein Maschinenbau-Studium aus seiner indischen Heimat in die DDR. Er machte sein Diplom, promovierte und arbeitete dann im Außenhandel der DDR. "Ich hatte das große Glück, über 100 Länder in aller Welt kennenlernen zu dürfen."

Den kleinen Teich ohne Fische legte Pratap schon vor der Wende an.
Den kleinen Teich ohne Fische legte Pratap schon vor der Wende an. © Sven Ellger

Ab 1986 findet er in Leubnitz-Neuostra den perfekten Ausgleich zum Reisen. Pratap gehört zu den Gründungsmitgliedern des neuen Kleingartenvereins Friebelstraße und leistet selbst seinen Anteil, dass aus der einstigen Schutthalde ein grünes Paradies wird. 1990 erhält er den deutschen Pass.

Aus den Anfangsjahren sind in seinem Garten heute nur noch ein knorriger Flieder und ein Haselnussstrauch übriggeblieben. "Wir legen viel Wert auf Artenvielfalt", sagt Pratap. "Vor allem Kräuter sind unsere Welt." Die gebe es jeden Morgen gleich püriert im Smoothie.

Weiterführende Artikel

"Es wachsen nur noch Unwillen und Dummheit"

"Es wachsen nur noch Unwillen und Dummheit"

Seit Fred Schlicke vor zwei Jahren seinen Kleingarten abgab, beobachtet der Dresdner mit Grausen, was damit passiert. Er will jetzt aufklären.

Das Hoffen der Dresdner Strebergärtner

Das Hoffen der Dresdner Strebergärtner

Drei Vereine aus Dresden sind beim Sachsen-Wettbewerb um die schönste Anlage im Rennen. Vorhang auf für den Titelverteidiger aus Striesen.

Die Dresdner Kleingärtner aus Sibirien

Die Dresdner Kleingärtner aus Sibirien

Der Kleingartenverein "Am Tummelsbach" ist für seinen Beitrag zur Integration ausgezeichnet worden. Larissa und Oleg Elert fühlen sich angekommen.

Das ist Dresdens schönste Kleingartenanlage

Das ist Dresdens schönste Kleingartenanlage

Der Verein "Am Geberbach" in Nickern hatte den Wettbewerb schon einmal gewonnen. Warum er trotz großer Konkurrenz so unschlagbar ist.

Mit der bekannten Regel, der zufolge mindestens ein Drittel der Gartenfläche dem Anbau für Obst und Gemüse dienen muss, hat sich Pratap noch nie befasst. In seinem Garten ist so ziemlich alles essbar. Hier wachsen Aronia, Hopfen, Inkagurken, Schwarzkohl, Maulbeeren, Löwenzahn aus der Schweiz und sieben Sorten Minze, vieles davon wild durcheinander. "Wir mögen es, wenn es natürlich aussieht", sagt er und lächelt.

Ein Fleckchen Erde so natürlich und wild aussehen zu lassen, das wissen viele Kleingärtner, ist häufig eine große Leistung. In diesem Fall sogar eine preiswürdige.

Mehr zum Thema Dresden