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"Reise, solange du noch kannst"

Was braucht man zum Glücklichsein? Ihre Reisen um die Welt haben die Dresdnerin Nicole Baumgärtel zur Minimalistin gemacht. Und zur Buchautorin.

Nicole Baumgärtel ist zweimal um die Welt gereist und schreibt jetzt Bücher über Fernweh.
Nicole Baumgärtel ist zweimal um die Welt gereist und schreibt jetzt Bücher über Fernweh. © Sven Ellger

Dresden. So ein Kühlschrank ist schon etwas Tolles, und ein Sofa erst. Viele Dinge, die uns im Alltag selbstverständlich erscheinen, fallen uns erst auf, wenn sie fehlen. "Lange Zeit habe ich mir auch keine Gedanken darüber gemacht", sagt Nicole Baumgärtel. Die studierte Wirtschaftsinformatikerin wollte Karriere machen, arbeitete im Finanzwesen. Der Rest ihres Lebens war mehr oder weniger schmückendes Beiwerk, mal abgesehen von ihrer Sehnsucht, die Welt zu erkunden.

Nach einigen kleinen Abenteuern kratzte die heute 33-Jährige, die ursprünglich aus einem Dorf im Erzgebirge stammt, 2015 ihre Ersparnisse zusammen, und ging auf Weltreise. Ganz allein und ohne Reiseroute. "Es gab nur diese eine Gelegenheit und die wollte ich nutzen", sagt sie. Ein Jahr lang nahm sie sich Zeit, um Länder wie Singapur, Australien und Neuseeland zu erkunden. "Diese Reise machte mich zu dem, was ich heute bin: weltoffen, dankbar und glücklich mit dem, was ich habe."

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"Ab und zu innehalten": Die atemberaubende Natur Neuseelands hält Nicole Baumgärtel in ihrem Herzen fest.
"Ab und zu innehalten": Die atemberaubende Natur Neuseelands hält Nicole Baumgärtel in ihrem Herzen fest. © privat

Schon früh begann Nicole Baumgärtel, ihre Erlebnisse und Gedanken zu Papier zu bringen. Zunächst nur als Reisetagebuch für sich, ihre Freunde und Verwandten. Als die einzelnen Episoden immer mehr begannen, in ihrer Gesamtheit einen Sinn zu ergeben, beschloss sie nach ihrer Rückkehr, ein Buch daraus machen. "Zwischen Rast und Risiko" erschien 2018 und ist auf ihrer Website www.nicolebaumgaertel.de erhältlich. Sogar ein Hörbuch sprach sie ein.

Damit hätte dieses Kapitel in ihrem Leben abgeschlossen sein können. "Ich hatte meine Auszeit hinter mir und wollte eigentlich sesshaft werden", sagt sie. Doch dann kam Michel und mit ihm eine Liebe, die ihre Pläne über den Haufen warf. Als Michel mit 27 Jahren an Krebs erkrankte, wünschte er sich, noch einmal die Welt zu sehen und sich frei fühlen zu können. Es war keine Frage, dass ihn Nicole auf diesem Weg begleiten würde.

Gemeinsam reisten sie von 2018 bis 2019 zunächst nach Asien und von dort weiter in Richtung USA. Auch diesmal schrieb die 33-Jährige viel auf und auch diesmal sollte ein Buch entstehen. Während ihrer Reise arbeitete sie freiberuflich vom Laptop aus, um ihre Lebenshaltungskosten zu decken. "Wegen der Zeitverschiebung war das allerdings herausfordernd und auf Dauer anstrengend für die Gesundheit."

"Die Komfortzone verlassen": hier mit Schutzmaske auf White Island, Neuseelands einziger aktiver Vulkaninsel.
"Die Komfortzone verlassen": hier mit Schutzmaske auf White Island, Neuseelands einziger aktiver Vulkaninsel. © privat

Zurück zu Hause schloss sie ihr Buchprojekt ab und übernahm auch die Gestaltung bis hin zum druckfertigen Werk selbst. "Jetzt oder nie: Reise, solange du noch kannst", erschien vor wenigen Wochen und ist mehr als ein Erlebnisbericht.

Nicole Baumgärtel beschäftigt sich mit der Frage, wie man die begrenzte Menge an Tagen, Wochen, Monaten oder Jahren nutzen kann und sollte, um mit sich selbst ins Reine zu kommen. Michel hat seine Krebserkrankung überstanden und ist immer noch ein wichtiger Mensch in ihrem Leben, der sie inspiriert habe, wie kein anderer.

"Es geht um Achtsamkeit und darum, ab und zu innezuhalten", sagt sie. Am besten gelinge das den meisten erst, wenn sie ihre eigenen vier Wände und damit ihre Komfortzone verließen.

"Gerade in dieser bewegten Zeit träumen sich viele Menschen in die Ferne", glaubt sie zu wissen. Nach ihren zwei Weltreisen, über 75.000 Kilometern und 28 besuchten Ländern wolle sie ihnen gern dabei helfen. "Das Buch soll Fernweh bescheren, aber auch Dankbarkeit, und dafür sensibilisieren, dass wir alle nicht ewig leben."

Nicole Baumgärtel in der Sandwüste im australischen Port Stephens.
Nicole Baumgärtel in der Sandwüste im australischen Port Stephens. © privat

Noch kann Nicole Baumgärtel von ihren Büchern nicht leben. Vielleicht wird sie das auch nie, aber das spielt für sie keine Rolle. "Ich habe für mich eine gute Work-Life-Balance gefunden", sagt sie. Hauptberuflich arbeite sie inzwischen als IT-Prozessmanagerin und habe viele Freiheiten zum Schreiben und für die vielen anderen schönen Dinge des Lebens. Das Mountainbiken, das Wandern durch die Sächsische Schweiz, das Skifahren im Winter.

Ihre Wohnung ist nicht durchdekoriert wie früher. Inzwischen wisse sie selbst sehr gut, was sie brauche und was nicht. Ihr Hang zum Minimalismus macht sie glücklich. "Wenn ich etwas Neues anschaffe, fliegt etwas Altes raus."

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An neuen Büchern schreibt Nicole Baumgärtel zurzeit nicht. Dafür müsste sie ja aber auch erst wieder packen. "Mein Traum ist es, eines Tages mit Rucksack und Zelt den Ostseeküstenradweg zu erkunden", sagt sie. Sofa und Kühlschrank können dann getrost zu Hause bleiben.

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