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Weniger HIV-Infektionen in Dresden gemeldet

Das Gesundheitsamt führt die Entwicklung auf die Corona-Pandemie zurück. Dabei könnten Infektionen vermehrt unerkannt geblieben sein. Wo Betroffene Hilfe finden.

Von Julia Vollmer
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Ein Arzt nimmt bei der Aids-Hilfe e.v. an dem Finger eines jungen Mannes Blut ab.
Ein Arzt nimmt bei der Aids-Hilfe e.v. an dem Finger eines jungen Mannes Blut ab. © Britta Pedersen/ dpa-Zentralbild

Dresden. Die Coronalage in Dresden ist dramatisch. In den Köpfen der Menschen ist das Thema so präsent, dass andere wichtige Themen kaum Platz haben. Doch eines soll an diesem Mittwoch wieder in das Bewusstsein geholt werden: Zum Welt-Aids-Tag am 1. Dezember informieren die Aids-Hilfe und das Gesundheitsamt über die Krankheit, die in diesem Jahr bereits das Leben mehrere Dresdner verändert hat.

"In diesem Jahr haben sich bislang 15 Dresdner neu mit HIV angesteckt", so Frank Bauer, Leiter des Dresdner Gesundheitsamtes. Das sind 14 Männer und eine Frau. 2020 waren es zwölf Menschen, 2019 noch 24. HIV steht für Humanes Immundefizienz-Viren. Es schädigt die körpereigenen Abwehrkräfte. Ohne Behandlung führt eine Infektion nach einiger Zeit fast immer zu schweren Krankheiten, man nennt das Aids, so die Deutsche Aids-Hilfe. Mit einer Therapie lässt sich Aids verhindern oder hinauszögern. "So können Menschen mit HIV heute gut und lange leben", so die Experten.

Weniger Tests, aber auch weniger Risiko-Kontakte

"Der Rückgang 2020 und 2021 gegenüber 2019 lässt sich durch die Corona-Situation erklären", so Bauer. Dabei wird vermutlich weniger getestet als vor der Pandemie. Bauer mutmaßt, die Dresdner würden sich derzeit mehr mit Corona als mit dem Gedanken an eine HIV-Infektion beschäftigen. "Wir nehmen aber auch an, dass es insgesamt zu weniger schnellen, unverbindlichen Sexualkontakten gekommen ist", so Bauer weiter.

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Ein offenes Ohr und Hilfe finden Betroffene bei der Dresdner Aids-Hilfe auf dem Bischofsweg. Allerdings gebe es aktuell zu wenige Testmöglichkeiten, so Sozialpädagoge Christian Willno. Das sei ein Problem. "Die Sexualkontakte finden statt, aber die Menschen hab ein Probleme, Testoptionen zu finden."

Die Hausärzte sind wegen Corona überlastet, und im Gesundheitsamt sind Tests derzeit nur eingeschränkt möglich. "Wir bieten jetzt bei uns die Möglichkeit zum Testen und führen rund 40 Tests im Monat in der Beratungsstelle durch." Die Aidshilfe bietet auch persönliche Beratungen an, unter Einhaltung aller Hygieneregeln.

Für viele ist HIV immer noch eine Schock-Diagnose

"Wir merken, dass HIV immer noch ein großes Thema bei den Betroffenen ist: Wem muss ich von meiner Infektionen erzählen und wann. Muss ich es dem Arbeitgeber erzählen? Und wie sage ich es meiner Familie oder meinem Partner?" Wichtig sei ihm und seinen Kollegen, die Menschen gut zu begleiten. "Wir reden viel mit den Menschen, damit niemand nach der Diagnose in ein Loch fällt", so Willno. "Für Menschen aus einem anderen Kulturkreis etwa ist es teilweise schwierig, die Themen Homosexualität und HIV mit ihren Familien zu besprechen", sagt der Sozialpädagoge. Viele Betroffene fürchteten nach der Diagnose, die Wünsche nach einer eigenen Familie begraben zu müssen. "Hier ist es wichtig zu sagen: Frauen können auch mit der Diagnose HIV problemlos Kinder bekommen."

Durch Corona gibt es weniger Selbsthilfegruppen-Treffen

Bis Mitte der 1990er-Jahre führte eine HIV-Infektion meist zur tödlichen Erkrankung Aids, da es keine dauerhaft wirksamen Behandlungsmöglichkeiten gab. "Heute stoppen gut verträgliche HIV-Medikamente die Vermehrung des Virus im Körper. Zudem ist HIV unter Therapie auch beim Sex nicht mehr übertragbar", so die Experten der Aidshilfe. Menschen mit HIV könnten Kinder zur Welt bringen, ohne dass es zu einer Übertragung kommt. Dementsprechend müsse eine chronische HIV-Infektion die Lebensqualität nicht mehr beeinträchtigen.

Schwierig für die betroffene Frauen und Männer sei es aber, dass wegen Corona gerade keine oder kaum Treffen von Selbsthilfegruppen stattfinden könnten. "Die Emotionen und Belastungen stauen sich auf, oft sind wir die Einzigen, mit denen die Menschen sprechen", sagt Willno, der gerade auch Unterstützung für sein Team sucht.