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Wie die Krise die Chorprobe revolutioniert

Seit Monaten können sich die Mitglieder des Dresdner Jazzchors nicht mehr zum Singen treffen. Dennoch wollen sie gemeinsam vorankommen.

Jazzchor-Leiter Michael Blessing kann sich auf seine Community verlassen.
Jazzchor-Leiter Michael Blessing kann sich auf seine Community verlassen. © Jazzchor

Dresden. Wann sie das letzte Mal „normal“ geprobt haben? „Das muss irgendwann im September gewesen sein“, sagt Franziska Kipsch vom Jazzchor Dresden. Die St.-Josef-Kirche in Pieschen hatte den Sängern damals freundlicherweise ihr Kirchgelände zur Verfügung gestellt, da sie schon nicht mehr in ihren gewohnten Schulräumen proben durften. Chor und AHA-Regeln, das passt schlecht zusammen.

Mitten in das Motivationstief, das auf die neuerliche Zwangspause folgte, platzte der Chorleiter Michael Blessing mit seinem unerschütterlichen Optimismus. Kein Problem, Leute, sagte er, wir machen das alles online.

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Der vor neun Jahren gegründete Jazzchor erinnert mit seinem poppigen Sound eher an eine A-Capella-Formation – allerdings eine mit 40 bis 50 Mitgliedern. Sogar mit Jan Böhmermann stand der Jazzchor schon auf der Bühne.

Doch jede neue Idee will geprobt werden. Nun kann man über virtuelle Konferenzen mit der richtigen technischen Ausstattung recht viel kompensieren. Man kann diskutieren, man kann organisieren, man kann philosophieren. Schwierig wird es allerdings beim gemeinsamen und vor allem synchronen Singen.

Also stellte sich der Chor die Frage, wie sich zwei Stunden virtuelle Chorarbeit effektiv dennoch nutzen lassen. “Wir wollten uns nicht länger darauf beschränken, den gewohnten Probenmodus zu imitieren“, sagt Franziska Kipsch. Stattdessen sollten nun alle gemeinsam die Proben innovativ mitgestalten. Beim Jazzchor nennt sich das „Chorwerkstatt“.

„Ganz im Sinne des Intelligent Choir sind alle für das Gelingen des Probenprozesses verantwortlich“, sagt Chorleiter Michael Bessing. „Meine Aufgabe als Chorleiter ist dabei die fachliche Begleitung, Beratung und Strukturierung, aber auch das Schaffen weiterer musikalischer Weiterbildungsangebote.“

Aufwärmen mit Nackendehnung

Nach einem gemeinsamen Aufwärmprogramm inklusive Nackendehnung, das im Wechsel von verschiedenen Mitgliedern geleitet wird, werden virtuelle Gruppenräume geöffnet, zwischen denen die Sänger je nach Interesse wählen dürfen. In einem der Räume können mit einem Tool namens Soundtrap Stimmen eingesungen und übereinandergelegt werden. In einem anderen Raum singt einer vor, während die anderen lauschen und auf Stolperstellen hinweisen. In wieder anderen Räumen werden Weiterbildungen angeboten oder das musikalische Gehör geschult. „Im letzten Block finden wir dann alle wieder zusammen und studieren mit Micha die Arrangements für die Jubiläums-SZ ein“, sagt Franziska Kipsch.

Für die Vorbereitung hat sich der Chor prominente Unterstützung aus der internationalen A-Capella-Szene gesichert. Unter anderem schauen in diesen Wochen professionelle Sänger aus Dänemark und den Niederlanden bei den Proben vor bei.

Die Probe zusammen mit "echten" Menschen kann auf Dauer kein Online-Meeting ersetzen.
Die Probe zusammen mit "echten" Menschen kann auf Dauer kein Online-Meeting ersetzen. © privat

Fehlt eigentlich nur noch das synchrone gemeinsame Singen, und selbst dafür probiert Michael Blessing gerade ein neues Tool aus, mit dem die Stimmen von acht bis zehn Sängern live zusammenklingen könnten. Nicht zuletzt dieser WLAN-Elan führt dazu, dass die Mitglieder des Dresdner Jazzchors auch in diesen Krisenzeiten „richtig Bock“ auf ihre Gemeinschaft haben. Kurios: Trotz der erschwerten Bedingungen habe es im vergangenen Jahr fünf Zugänge im Chor gegeben. Auch dieses Jahr seien bereits drei neue Mitglieder dazugestoßen.

„Mit all diesen Möglichkeiten können wir auch online qualitativ weiterarbeiten, während wir den ersten Live-Proben mit Masken und baldigen Konzerten entgegenfiebern“, freut sich Franziska Kipsch. Denn eines ist trotz aller Euphorie klar: Auch das tollste und innovativste Online-Meeting wird nie eine Probe oder gar kein Konzert ersetzen können, bei denen sich Menschen in die Augen schauen, die Freude am gemeinsamen Singen haben.

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