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Wie Laufen von der Sucht ablenkt

Reno Werner war drogen- und alkoholabhängig, wurde immer wieder rückfällig. Nun joggt er Hunderte Kilometer durch Sachsen - und nimmt andere mit.

Reno Werner hat mit dem Laufen einen Weg aus seiner Abhängigkeit gefunden. "Es geht darum, den inneren Schweinehund zu besiegen."
Reno Werner hat mit dem Laufen einen Weg aus seiner Abhängigkeit gefunden. "Es geht darum, den inneren Schweinehund zu besiegen." © Marion Doering

Dresden. Lange Strecken laufen - das bedeutet für Reno Werner Durchhalten, "die Arschbacken zusammenkneifen". Wie schwer es manchmal ist, das Durchhalten, das Dranbleiben an etwas, was einem alles abverlangt - dieses Gefühl kennt Reno Werner sehr genau. Viele Jahre seines Lebens war der heute 37-Jährige abhängig, ohne Drogen und Alkohol ging nichts bei dem gelernten Koch. Von beidem viel und immer wieder, in seinem Job war alles leicht verfügbar. Er suchte den Rausch, der alles abtötet in einem drin, was sonst in den Kopf steigt und böse Gedanken macht. Dass es ihn kaputt macht früher oder später, das wusste Reno Werner.

Immer wieder versucht er damals den Absprung, macht Entziehungskuren und Langzeittherapien. Er schafft es nicht, die berauschenden Mittel aus seinem Leben zu verbannen. Auch nicht 2006, als er eine sechsmonatige Therapie in der Klinik hinter sich bringt, anschließend in Dresden bei den Radebeuler Sozialprojekten, einem Träger der Jugend- und Sozialhilfe, ein neues Zuhause findet. Ein Zuhause auf Zeit, zum Gewöhnen an einen Alltag ohne Drogen, ohne Alkohol. Drei Jahre bleibt er in Dresden, kehrt schließlich zurück in sein normales Leben, verfällt in die alten Muster.

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"Beim Laufen verlasse ich meine Komfortzone"

Bis zum Jahr 2016 - ein Schicksalsjahr, wie Reno Werner sagt, ohne konkreter zu werden. Als "großes Lebensereignis" beschreibt er den Schlüsselmoment, das Wort Unfall fällt, es geht um die eigene Gesundheit. Da sei er aufgewacht ist. Darüber sprechen will er nicht - nur darüber, was es mit ihm gemacht hat. Nach diesem "Lebensereignis" und ohne Drogen fällt er in ein Loch, aber nicht ins Bodenlose. Denn es gibt etwas, das ihn auffängt. Das Laufen.

Ein Jahr zuvor, 2015, geht er zu Fuß von Leipzig nach Weißwasser, will dort seine Familie besuchen. "Es waren drei anstrengende und außergewöhnlich heiße Tage", sagt Reno Werner. Noch heute erinnere er sich mit Herzklopfen an diese Zeit zurück. Dabei entwickelte sich seine Leidenschaft, weite Strecken zu laufen. 2016, im Schicksalsjahr, wird das schweißtreibende Hobby zu seinem Rettungsanker. Um dieses Mal nicht zurückzufallen in die alten Muster, in die Betäubung. "Es war wie eine Initialzündung. Ich dachte, wenn ich jetzt nicht da raus komme, dann gar nicht mehr."

Doch was macht das Laufen mit ihm? Wie hilft es ihm in seiner Abhängigkeit? "Es zwingt mich, mich mit mir auseinanderzusetzen." Am Anfang ist er allein unterwegs, niemand ist da, nur er und seine Gedanken, seine Gefühle. Er ist allein mit dem Wetter, den Zweifeln - und auch dem Stolz, wenn er wieder eine Etappe geschafft hat. Das Laufen tut ihm gut, auch körperlich. Reno Werner zieht Energie aus der Bewegung, die Kraft gibt für den Alltag. "Denn auch dort muss man seinen Schweinehund immer wieder besiegen."

Beim Laufen verlässt er seine Komfortzone, auch das ist damals eine wichtige Erfahrung für ihn. Und die will er weitergeben. Er holt zwei Freunde mit ins Boot und organisiert ein Laufprojekt. "Run and Gone" - rennen und hinter sich lassen, so die freie Übersetzung und das Ziel, das dahinter steht. In diesem Jahr war Reno Werner zum fünften Mal unterwegs, auch die Radebeuler Sozialprojekte auf der Freiberger Straße sind ein Anlaufpunkt auf seiner Tour durch Sachsen. Eine Gruppe Jugendlicher, die in Wohngruppen leben, so wie einst Reno Werner, begleitet ihn auf seiner Etappe nach Freiberg. Ob er sie mit der Leidenschaft fürs Laufen ansteckt, ob ihnen das Hobby ebenso hilft, gegen die Drogensucht anzulaufen - Reno Werner weiß es nicht.

Als Erzieher hilft er bald professionell

"Es ist sicherlich kein Allheilmittel. Bei mir hat es geholfen." Letztlich gehe es darum, diese Leidenschaft zu entdecken, für was auch immer, sagt Reno Werner. Bislang führte "Run and Gone" immer über dieselbe Strecke: von Weißwasser über Niesky und Görlitz, weiter nach Löbau und Bischofswerda, dann von Dresden nach Freiberg und weiter hinein ins Erzgebirge. 2021 hat Reno Werner eine andere Strecke im Blick. Schon jetzt beginnt er mit der Planung, schreibt Sponsoren an, ist in Kontakt mit den Radebeuler Sozialprojekten und anderen Anlaufstellen. 

Seine Drogenerfahrung gibt er nicht nur mit seinem Laufprojekt weiter. Er bringt seinen persönlichen Weg, der hinaus aus der Drogen- und Alkoholsucht führte, heute auch beruflich ein, will anderen professionell helfen. Reno Werner macht eine Ausbildung als staatlich anerkannter Erzieher, im nächsten Jahr schließt er sie ab, will dann in Wohngruppen arbeiten - mit Menschen, die - wie er so viele Jahre lang - einen Ausweg suchen. 

Alle Informationen zum Laufprojekt von Reno Werner gibt es hier: run-and-gone.de 

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