SZ + Dresden
Merken

"Wir leben wie eine Familie zusammen"

Der Dresdner Träger "Natürliches Erleben" betreibt eine Geschwisterwohngruppe. Doch das Geld ist knapp.

Von Julia Vollmer
 3 Min.
Teilen
Folgen
Die Geschwister leben zusammen in der Wohngruppe.
Die Geschwister leben zusammen in der Wohngruppe. ©  privat

Dresden. Überforderung oder eine Suchterkrankung: Wenn Kinder nicht mehr bei ihren Eltern bleiben können, muss das Jugendamt sie aus ihren Familien nehmen.

2020 betraf das über 200 Kinder. Sie kamen laut Jugendamt dann entweder in den Kinder- und Jugendnotdienst, zu einer Bereitschaftspflegefamilie oder in die Mädchenzuflucht. Unter den 205 Kindern waren auch 29 unbegleitete ausländische Minderjährige. Jüngere Kinder werden in der Regel nur einmalig in Obhut genommen. Ältere Kinder und Jugendliche werden oft mehrfach außerhalb ihrer Familie betreut, wenn sie zum Beispiel von Polizei oder Jugendamt auf der Straße aufgegriffen werden.

Die Zahlen bewegten sich in den vergangenen Jahren auf gleichbleibendem Niveau. Im gleichen Zeitraum 2019 wurden 270 Kinder aus ihren Familien geholt, 30 minderjährige Flüchtlinge oder Kinder aus dem Ausland mussten in Obhut genommen werden.

Die 2020 bisher häufigsten Gründe für eine Inobhutnahme waren überforderte Eltern beziehungsweise ein Elternteil, Integrationsprobleme im Heim oder in der Pflegefamilie oder Anzeichen für eine körperliche Misshandlung, so das Dresdner Jugendamt.

"Wir verbringen den ganz normalen Alltag zusammen"

Eine Option für die Kinder ist auch eine betreute Wohngruppe wie die vom freien Träger Natürliches Erleben. "Wir haben seit 2018 eine Geschwisterwohngruppe für Zwei- bis Sechsjährige", erzählt Chefin Kerstin Csizmadia. Die Kinder, die schon traumatische Erfahrungen in ihrer Herkunftsfamilie machen mussten, sollen auch weiter als Familie zusammenleben. Gerade betreut der Träger vier Geschwister und noch zwei weitere Kinder dazu. "Wir verbringen den ganz normalen Alltag zusammen, von früh am Morgen aufstehen, Schule und Kita bis abends zum Geschichte vorlesen", so Kerstin Csizmadia.

Doch, sagt die Chefin, das Jugendamt bezahle nur die Grundsicherung wie Miete für die Wohnung und einen Teil der Personalkosten. Den Erlebnispädagogen, den die Kinder so dringend bräuchten, muss sie selbst zahlen und würde sich über Spenden freuen. "Die Kinder haben teilweise Verhaltensauffälligkeiten und ihnen tut die Bewegung und das Erlebnis an der frischen Luft sehr gut", sagt sie.

Auch ein Problem sind die Fahrten in die Schule und die Kita. "Die Fahrrouten sind festgelegt und da wird nichts dran gerüttelt. Zum Teil kommen die Kinder erst 17.30 Uhr aus der Schule nach Hause und müssen dann noch Hausaufgaben machen. Da sind sie aber schon total müde", sagt sie. Wenn sie die Kinder selbst fahren, bekomme sie die Kosten nicht erstattet vom Jugendamt, so Csizmadia.

Das Jugendamt antwortet auf SZ-Anfrage, es finanziere die Hilfen zur Erziehung nach den gültigen Paragrafen. "Betreuerstellen werden für jede Einrichtung individuell verhandelt, die Grundlage dafür bildet die jeweilige Betriebserlaubnis ausgestellt durch das Landesjugendamt." Auch zum Thema Fahrdienst zur Schule und Kita heißt es, diese Leistungen würden individuell für jedes Angebot verhandelt und könnten somit nicht pauschal beziffert werden.