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Mehr Kinder in Dresden ohne Wohnung

Hunderte Menschen in der Stadt haben keine eigenes Zuhause. Warum auch die Zahl der Kinder unter ihnen gestiegen ist.

Hunderte Menschen in der Stadt haben keine eigene Wohnung, die Zahl der betroffenen Kinder wächst.
Hunderte Menschen in der Stadt haben keine eigene Wohnung, die Zahl der betroffenen Kinder wächst. © Symbolfoto: dpa

Dresden. Auch wenn das Wetter es momentan nicht vermuten lässt, der Herbst ist fast da und mit ihm die kühlen Temperaturen und kalten Nächte. Jahr für Jahr bedeutet dies für einige Menschen noch größere Unsicherheit und Gefahr als schon im Sommer, denn: Nicht alle Menschen in Dresden können in ihrem eigenen warmen Bett schlafen. Hunderte haben gar keine Wohnung. Wie aber kann das sein, in einem reichen Land wie diesem? Die wichtigsten Fragen und Antworten zur Lage in Dresden.

Wie viele wohnungslose Menschen gibt es aktuell in Dresden ?

Zunächst muss man unterscheiden. Als wohnungslos gilt, wer keine eigenen vier Wände hat, sondern in einer Unterkunft der Stadt lebt. Als obdachlos gelten Menschen, die im Freien oder in Abrisshäusern schlafen. Das Sozialamt erfasst nur die wohnungslosen
Menschen statistisch, die in einem städtischen Übergangswohnheim oder in
einer städtischen Wohnung als Wohnungsnotfall untergebracht waren. 

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Aktuell gibt es demnach 310 wohnungslose Menschen, darunter 60 Frauen. Die Zahl stieg damit im Vergleich zum Vorjahr leicht an, damals waren es 287 Personen. Eine offizielle Zahl zu Obdachlosen gibt es nicht, da sich Betroffene nicht bei den Behörden melden müssen.

Wie viele Kinder und Frauen sind wohnungslos?

Einen deutlicheren Anstieg als bei der Gesamtzahl gibt es bei Kindern. Aktuell gelten zehn Mädchen und zwölf Jungen als wohnungslos. 2018 waren es nur 13 Kinder. Laut Stadt werden Kinder nur im Familienverband in den städtischen Unterkünften aufgenommen. Gründe für die Wohnungslosigkeit von Familien können kritische Lebenssituationen wie Trennung, der Verlust der Arbeitsstelle oder Verschuldung sein. Ein Grund ist sicher auch Scham, die Familien daran hindert, rechtzeitig Hilfen anzunehmen. Etwa bevor sie wegen Mietschulden ihre Wohnung verlieren. 

Die Kinder stammen laut Sozialamt überwiegend aus Deutschland. Es werde versucht,  den betroffenen Familien schnellstmöglich eigenen Wohnraum zur Verfügung zu stellen, so dass sie nur verhältnismäßig kurz durch das Sozialamt untergebracht werden müssten. 

Vergleicht man die Jahre 2018, 2019 und 2020, so gab und gibt es
nur sehr wenige ausländische Familien, die eine Unterbringung im
Wohnungslosenbereich in Anspruch genommen haben. Dabei halten
sich über den gesamten Zeitraum hinweg zusammenfassend betrachtet Menschen aus west- und osteuropäischen Länder die Waage, so das Sozialamt.  

"Die hohe Anzahl an wohnungslosen Kindern bereitet mir große Sorge. Für sie und ihre Eltern brauchen wir schnelle Lösungen, die eigenen Wohnraum zur Verfügung stellen", sagt SPD-Sozialpolitiker Vincent Drews. Ähnlich sieht das Linken-Stadtrat Christopher Colditz: "Die steigende Zahl von wohnungslosen Kindern ist eine sehr erschreckende Entwicklung, gerade auch deshalb ist die Schaffung von bezahlbaren Wohnraum durch den kommunalen Wohnungsbau besonders wichtig, um dem etwas entgegen zu setzen."

Woher kommen die Menschen?

87 Prozent der vom Sozialamt untergebrachten Menschen sind deutsche Staatsangehörige. Die Herkunftsländer der Wohnungslosen ohne deutsche
Staatsbürgerschaft sind fast alle in der Europäischen Union. Derzeit sind es vor allem Menschen aus Bulgarien, den Niederlanden, Polen, Portugal, Rumänien sowie Russland und Syrien. Ein Problem für die Menschen aus dem EU-Ausland: Sie haben kein Recht auf Sozialleistungen und müssen daher die Übernachtung in den Unterkünften der Stadt selbst bezahlen. Doch wer keine Wohnung und keinen Job hat, kann das nicht der Regel nicht leisten. 

Tina Siebeneicher, Grünen-Fraktionschefin und sozialpolitische Sprecherin, sagt: "Wohnungslose Menschen brauchen die Hilfsangebote der Stadt im Winter und während der Corona-Pandemie besonders dringend. Hilfen für EU-Bürger ohne festen Wohnsitz sind nicht ohne weiteres möglich, aber nötig. Hier müssen Lösungen gesucht und gefunden werden.“ 

Was sind die Gründe für Obdach- und Wohnungslosigkeit?

Die Ursachen für Wohnungslosigkeit sind vielfältig und potenzieren sich
meist gegenseitig. Dazu gehören oft Alkohol- und Drogensucht, Schulden, vor allem bei der Miete, Arbeitslosigkeit, psychische Erkrankungen, aber ebenso Straffälligkeit und Haft, sowie instabile oder fehlende soziale und familiäre Bindungen. Menschen, die kein sicheres soziales Umfeld haben, können - aufgrund von Lebenskrisen - leicht den Halt verlieren. Neben wirtschaftlichen Notlagen führen in der Regel Überforderung oder Konflikte im persönlichen Umfeld zum Verlust der eigenen Wohnung, so das Sozialamt.

Welche Hilfsangebote gibt es und wie werden sie angenommen?

Die Wohnungsnotfallhilfe der Stadt und der freien Träger wie der Diakonie oder der Kirchen verfügt über verschiedene Instrumente zum Vermeiden, Steuern und Beenden  von Wohnungslosigkeit. Die Kontakt-, Beratungs- und Treffmöglichkeiten der freien Träger der Wohnungsnotfallhilfe sind wichtige Anlaufpunkte für Betroffene. Sie erreichen auch Personen, für die ein Kontakt mit Behörden eine
zu hohe Barriere darstellt. 

Zudem öffnen die Kirchen öffnen im Herbst wieder ihre Nachtcafés. Zuletzt wurden sie stark gefordert und brauchen dringend Unterstützung. „Das ehrenamtliche Angebot der Dresdner Nachtcafés braucht von der Stadtverwaltung und dem Gesundheitsamt dieses Jahr besondere Unterstützung, damit die Kirchen im Winter unter den notwendigen Hygieneauflagen öffnen können, trotz Abstandsregeln ausreichend Platz da ist und niemand deswegen an der Tür abgewiesen werden muss. Denn diese unbürokratische Hilfe ist bei Wohnungslosen bekannt und die Nachfrage ist im letzten Winter stark angestiegen“, so Siebeneicher.

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