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"Zum Glück bin ich Pessimist"

Bauchspeicheldrüsenkrebs gilt als Todesurteil. Matthias Mantel lebt seit mehr als zwei Jahren damit, fühlt sich fit und freut sich, ein Mutmacher zu sein.

Die Diagnose traf Matthias Mantel zwar nicht aus heiterem Himmel. Vernichtend fühlte sie sich trotzdem an.
Die Diagnose traf Matthias Mantel zwar nicht aus heiterem Himmel. Vernichtend fühlte sie sich trotzdem an. © Sven Ellger

Dresden. Aus dem Behandlungszimmer dringt freundlicher Plauderton. Als unterhielten sich zwei gute Bekannte. Inzwischen sind sie das auch: Matthias Mantel und sein behandelnder Arzt. Wie oft der Patient nun schon zu ihm ins Krankenhaus gekommen ist, weiß er nicht. Eins aber können beide mit Sicherheit sagen: Professor Sören Mees kennt den Körper des 63-Jährigen in- und auswendig.

Auch seelisch haben sich die Männer über die Zeit angenähert - in einer Art Schicksalsgemeinschaft, die sich keiner aussucht. Der eine verdankt dem anderen sein Leben, und der andere spürt in dem einen seine Berufung auf besondere Weise.

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Krebsdiagnosen halten die Zeit an. In dem Moment, in dem sie ausgesprochen werden. Sie mitzuteilen, ist leidige Aufgabe des Arztes. Die Welt wieder anzuschieben und weiterzuleben, so lange es geht, dafür braucht es die Kraft seines Patienten.

Als Matthias Mantel erfuhr, was die Mediziner des Städtischen Klinikums Dresden in seinem Bauch entdeckt haben, war er bereits auf vieles gefasst. Seit Februar 2019 versuchten sie, der Gelbsucht auf die Schliche zu kommen, an der Mantel litt. Ein Vierteljahr lang ließ sich die Ursache nicht eindeutig ermitteln. "Ich hatte keine Schmerzen und spürte auch sonst nichts Schlimmes", erinnert er sich.

Die Nachricht von einer lebensbedrohlichen Diagnose zu überbringen, gehört zu den schweren Aufgaben der Ärzte. Umso schöner für Professor Sören Mees, seinen Patienten Matthias Mantel wohlauf zu sehen.
Die Nachricht von einer lebensbedrohlichen Diagnose zu überbringen, gehört zu den schweren Aufgaben der Ärzte. Umso schöner für Professor Sören Mees, seinen Patienten Matthias Mantel wohlauf zu sehen. © Sven Ellger

Als Krebs mit der schlechtesten Prognose gilt der Bauchspeicheldrüsenkrebs. Er ist extrem tückisch, weil Tumore lange beschwerdefrei wachsen und meistens erst spät entdeckt werden. "Als mir Professor Mees sagte, dass ich betroffen bin, wusste ich, was das im schlimmsten Fall bedeutet", sagt Matthias Mantel. Der Arzt erklärte ihm jedoch auch, dass zu diesem Unglück eine Spur Glück gehört: Die Gelbsucht hatte die Mediziner auf den Plan gerufen, und sie fanden die bösartige Wucherung vielleicht zur rechten Zeit.

Vielen Patienten bleiben nur noch wenige Monate. Matthias Mantel aber merkt sich seinen nächsten Kontrolltermin fürs Frühjahr nächsten Jahres vor. Dann lebt er wissentlich zwei Jahre mit einem Krebs, der wie ein Todesurteil wirkt . "Es geht mir sehr gut", sagt er und wippt dabei locker in seinen Turnschuhen. Man glaubt ihm aufs Wort. Dass eine schwere Zeit hinter ihm liegt, lässt sich Mantel nicht gern anmerken.

Um Herr des tödlichen Tumors in seiner Bauchspeicheldrüse zu werden, entschlossen sich Prof. Sören Mees und sein Team für eine aggressive Therapie. Sie verabreichtem ihren Patienten eine besonders harte Chemotherapie, in der Hoffnung, dass sich die Krebszellen stoppen lassen würden. Ziel war es, das Karzinom so weit wie möglich zurückzudrängen, um es später operativ entfernen zu können. In seiner ursprünglichen Größe umschloss der Tumor lebenswichtige Arterien. Die sollte er zunächst freigeben.

Warten auf den erlösenden Anruf

Auch Schulmediziner wissen, wie wichtig es ist, dass ihre Patienten den Kampf gegen ihre Krankheit mental stark aufnehmen und die Therapie gut verkraften. Insgesamt 18 Mal ließ Matthias Mantel Chemo-Infusionen über sich ergehen. Heute sagt er: "Ich bin damit gut zurechtgekommen." Zweifel am Erfolg habe er nicht an sich herangelassen. "Ich kann auch nicht sagen, dass ich nach der Diagnose in ein tiefes Loch gefallen sei."

An nur eine Etappe seiner Krankheitsgeschichte erinnert er sich mit Grauen: "Nach meiner Chemotherapie mussten die Ärzte entscheiden, ob mein Krebs operiert werden kann oder nicht." Daran habe alle Hoffnung gehangen, diese schreckliche Bedrohung loszuwerden. "Während des Wartens auf die Nachricht war ich wirklich sehr niedergeschlagen." Doch dann kam der erlösende Anruf aus der Klinik.

Matthias Mantel wirkt gut gelaunt und zuversichtlich. So erstaunt es ein wenig, seine Selbsteinschätzung zu hören: "Ich bin zum Glück ein Pessimist und gehe grundsätzlich erste einmal vom Schlimmeren aus", sagt er. "Umso mehr freue ich mich dann über eine positive Entwicklung."

Seit Februar 2019 leitet Prof. Dr. Sören Torge Mees die Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Thoraxchirurgie am Städtischen Klinikum, Standort Friedrichstadt.
Seit Februar 2019 leitet Prof. Dr. Sören Torge Mees die Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Thoraxchirurgie am Städtischen Klinikum, Standort Friedrichstadt. © Sven Ellger

Über die freut sich auch Prof. Sören Mees: "Es tut wirklich gut zu sehen, dass ein Patient mit derart schwerer Diagnose so wohlauf ist", sagt er. Das gebe anderen Betroffenen Mut und sei großer Ansporn für das behandelnde Ärzte- und Pflegeteam. Nicht jeder Mensch verkrafte eine solch fordernde Behandlung wie Matthias Mantel. Die meisten Erkrankten mit Pankreaskrebs-Diagnose seien zwischen 50 und 80 Jahre alt, Vorerkrankungen mindern die Chancen. "Die Therapieform und ihr Erfolg sind immer abhängig vom biologischen Allgemeinzustand des Patienten", sagt der Chirurg. 

Matthias Mantel lacht. Über seine biologische Fitness kann er nicht klagen - obwohl ihn eine chemotherapeutische Behandlung wohl immer begleiten wird und niemand sagen kann, wie lang sein Leben noch sein wird: "Ich fühle mich weder krank noch wie 63 Jahre alt." 

Anlässlich des Welt-Pankreaskrebs-Tages am 19. November wird das Palais Brühl-Marcolini des Städtischen Klinikums Dresden Friedrichstadt lilafarben angestrahlt. Geplante Veranstaltungen müssen aufgrund der hohen Corona-Infektionszahlen leider abgesagt werden. 

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