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"Ein Terroranschlag auf ein schwules Paar"

Am Tag der Urteilsverkündung gegen den islamistischen Terroranschlag in Dresden demonstrieren queere Menschen für mehr Respekt im Umgang miteinander.

Am Freitagabend demonstrierte der Verein Christopher-Street-Day Dresden vor dem Kulturpalast und gedachte der beiden Männer, die nur wenige Meter weiter Opfer eines radikalislamischen Anschlags geworden waren.
Am Freitagabend demonstrierte der Verein Christopher-Street-Day Dresden vor dem Kulturpalast und gedachte der beiden Männer, die nur wenige Meter weiter Opfer eines radikalislamischen Anschlags geworden waren. © Philipp Grafe

Dresden. Die Regenbogenfahne flattert vor dem Kulturpalast im starken Wind, das Konzerthaus selbst ist auch in den Regenbogenfarben angestrahlt. Am Freitagabend demonstriert der Verein Christopher-Street-Day Dresden (CSD) vor dem Gebäude und gedenkt der beiden Männer, die nur wenige Meter weiter Opfer eines radikalislamischen Anschlags geworden waren.

Am Freitagvormittag endete der Prozess gegen den 21-jährigen Syrer, der am 4. Oktober 2020 die beiden Männer mit Messern attackiert hatte. Für einen 55-Jährigen Mann aus Krefeld kam jede Hilfe zu spät, sein 53-jähriger Partner überlebte den Angriff. Das Oberlandesgericht Dresden verurteilte den Angeklagten in dem sechswöchigen Prozess wegen Mordes zur Höchststrafe – eine lebenslange Freiheitsstrafe. Darüber hinaus ordnete der Senat vorbehaltlich die anschließende Unterbringung in der Sicherungsverwahrung an.

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CSD-Sprecher Tobias Gehre sagt, er sei erleichtert über dieses Urteil. Sehr lange habe der Staat die Tat nicht als das bezeichnet, was sie sei: „ein Terroranschlag auf ein schwules Paar“. Das jetzige Urteil stärke das Vertrauen in den Rechtsstaat, so Gehre, auch wenn es die Tat nicht ungeschehen mache.

© Philipp Grafe

Schon im November habe der CSD einen offenen Brief verfasst, in dem die Motivation des Täters deutlich genannt wurde. Doch bis heute schwiegen auch führende Politiker wie Bundeskanzlerin Angelika Merkel (CDU). „Diese Tat trifft nicht nur eine Person – sie trifft uns alle!“, heißt es in dem offenen Brief. „Sie trifft alle Menschen, die aus rassistischen, antisemitischen, homo- und transfeindlichen oder anderen menschenverachtenden Haltungen von Gewalt betroffen sind.“ Man müsse die Warnsignale erst nehmen, ehe sie in einer blutigen Tat endeten.

Gehre sagte, er hoffe, dass der CSD und die gesamte Community am 4. Oktober 2021 an einem würdigen Ort dieser Tat und den Opfern gedenken könne. Derzeit liefen Gespräche mit Verantwortlichen der Stadt, um die Erinnerung an diesen Terroranschlag wachzuhalten. Es müsse möglich sein, die Tat zu verurteilen, ohne andere in Mithaftung zu nehmen, nur weil sie so ähnlich aussehen wie der Täter. Es sei jedoch leider so, dass montags in Dresden viele ihren Hass auf die Straße trügen. Gehre: „Wer die Tat instrumentalisiert, steht nicht auf unserer Seite.“

Klartext kam "zu spät"

Albrecht Pallas, innenpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion im Sächsischen Landtag, sagte, mit dem Anschlag sei die Gefahr plötzlich nicht mehr abstrakt gewesen. „Polizei und Justiz haben im Ergebnis nicht genug getan, um Thomas L. und seinen Mann Oliver L. zu schützen.“ Der Anschlag des Terroristen habe der gesamten Gesellschaft gegolten.

Pallas räumte ein, dass man sich in Deutschland schwergetan habe, die Motivation auszusprechen. Das sei nach Anschlägen in Paris oder Wien anders gewesen. Pallas: „Das war zu spät.“ Allerdings habe der CSD schon wenige Tage nach dem Anschlag in der Rosmaringasse eine Mahnwache organisiert. Man dürfe das Mahnen nicht Rechtsextremisten überlassen und denen, die das zum Problem der Migration machen. Islamismus sei keine Herkunft, sondern eine feindliche Ideologie.

Viktor Vincze vom Integrations- und Ausländerbeirat Dresden sagte, er wolle zu offenen, ehrlichen Gesprächen laden, um gemeinsam über das Thema zu diskutieren. Vincze entschuldigte sich auch bei den Opfern des Anschlags, denn „wir haben unter unseren Migranten auch Islamisten“.

Lucie Hammecke, Landtagsabgeordnete von den Grünen, forderte mehr „Sensibilisierung und Weiterbildung für Polizei und Strafverfolgungsbehörden“ im Umgang mit derartigen Taten. Auch die Prävention müsse gestärkt werden. Fanatische Islamisten seien eine Bedrohung für die Gesellschaft.

FDP-Stadtrat Robert Malorny sagt, „vor einem Jahr haben wir hier vor dem Kulturpalast noch gefeiert“, heute würden in der Stadt Davidsterne verbrannt. Malorny sprach von einem „ohrenbetäubenden Schweigen“ nach dem Anschlag im Oktober, bei dem das homophobe Motiv der Tat „unterschlagen“ worden sei. Bei aller politischer Verschiedenheit müssten sich alle Parteien dafür einsetzen, dass sich eine solche Tat nicht wiederholen dürfe.

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Am Ende der Demonstration erinnerte Tobias Gehre daran, dass Respekt der Schlüssel sei im Umgang aller Menschen miteinander, hätten sie nun unterschiedliche sexuelle Orientierungen, Hautfarben, Herkunft oder Behinderungen. Diesen Respekt ließen schon Passanten vermissen, die einfach mitten durch die Demo gelaufen sind anstatt einen kleinen Bogen in Kauf zu nehmen. Immerhin, sagt Gehre tags drauf, habe Katja Meyer von den Grünen, Sachsens Gleichstellungs- und Justizministerin, nach dem Urteil öffentlich die Tat als homophoben Anschlag dargestellt. „Wir haben lange darauf gepocht.“

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