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Dynamo-Krawalle: "Mit Pyrotechnik abgeschossen"

Meistgelesen: Nach der Eskalation beim Aufstieg von Dynamo Dresden beantworten Dresdens Polizeipräsident und Detlef Sittel Fragen zum Geschehen.

Pyrotechnik und jede Menge Flaschen flogen am Sonntag in Dresden auf Polizeibeamte.
Pyrotechnik und jede Menge Flaschen flogen am Sonntag in Dresden auf Polizeibeamte. © Sebastian Kahnert/dpa

Dresden. 185 verletzte Polizisten, 40 vorübergehende Festnahmen und etliche Straftaten sind die Bilanz der Randale im Umfeld des Aufstiegspiels von Dynamo Dresden.

Aber es gibt auch Kritik am Einsatz der Polizei und dem Verbot durch die Stadt, vor dem Stadion feiern zu dürfen. Dresdens Polizeipräsident Jörg Kubiessa und Ordnungsbürgermeister Detlef Sittel (CDU) reagieren im SZ-Interview auf diese Kritik.

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Herr Kubiessa, nach dem Einsatz zum Dynamo-Aufstieg gab es auch Kritik an der Polizei – ist diese berechtigt?

Diese Kritik weise ich eindeutig zurück. Die Ausgangssituation war für alle Bürger gleich. Wir sind in einer Krise und die Bewältigung der Corona-Pandemie hat höchste Priorität. Von den Friseur über die Gastronomen sind alle massiv betroffen. Das Spiel war durchzuführen, aber man kann erwarten, dass sich alle an die Regeln halten, das tut ja auch der überwiegende Teil der Gesellschaft. Wir haben als Polizei erst gehandelt, als wir angegriffen wurden. Die Ursache der Eskalation war also eindeutig, dass ein Teil der Menschen dort bereit war, Gewalt anzuwenden. Dann haben wir die Aufgabe, das Gewaltmonopol wieder herzustellen.

Herr Sittel, hätte die Stadt vielleicht besser eine Feier direkt vor dem Stadion zulassen sollen?

Wir hatten ja keine normale Situation mit einem Fußballspiel, sondern Fußball und Corona. Die Coronaregeln galten auch am vergangenen Wochenende. Es wäre ein Wertungswiderspruch, am Samstag die Versammlung von „Querdenken 351“ zu verbieten und damit massiv in Grundrechte einzugreifen und am Sonntag eine noch größere Festsituation zuzulassen. Es muss gewährleistet sein, dass ein Profifußballspiel ungehindert stattfinden kann. Eine Feier danach ist - so schwer das für Fans auch ist - aktuell kein Thema. Corona verlangt von vielen zurückzustecken, da kann Fußball keine Ausnahme machen.
Der vergangene Sonntag war für viele offenbar eine Ausnahmesituation. Es hat sich viel entladen - eine Mischung aus sich eingesperrt fühlen, Gleichgesinnte treffen und dazu Alkohol.

Dresdens Polizeipräsident Jörg Kubiessa und Ordnungsbürgermeister Detlef Sittel ziehen Bilanz nach der Randale im Umfeld des Dynamo-Aufstiegspiels.
Dresdens Polizeipräsident Jörg Kubiessa und Ordnungsbürgermeister Detlef Sittel ziehen Bilanz nach der Randale im Umfeld des Dynamo-Aufstiegspiels. © Sven Ellger

Was war dann der Auslöser für die Eskalation?

Kubiessa: Das 3 : 0? Direkt danach haben sich zwei Gruppen gebildet, aus denen die Angriffe auf unsere Polizeibeamten erfolgten. Aber so eine Stimmungslage fällt nicht vom Himmel. Das passiert, wen man Gewalt als Lösungsmittel akzeptiert und bereit ist, diese einzusetzen.

Eskalation gab es aber auch bereits bei „Querdenken“ in Dresden.

Kubiessa: Am 12. Dezember war es beherrschbar, weil wir wussten, es kommen einige Rechtsextremisten mit der Bahn angereist. Die wurden zurückgeschickt und ansonsten war es unproblematisch. Am 13. März haben sich trotz des Versammlungsverbots zwei größere Gruppierungen gebildet, da mussten wir mehr machen und es gab auch Angriffe auf Polizeibeamte, aber nicht in dem Ausmaß wie beim Dynamo-Spiel. Fußball ist Veranstaltungsrecht, das ist ein Unterschied zum Versammlungsrecht.

Deshalb wurden die Wasserwerfer dieses Mal auch eingesetzt?

Kubiessa: Wasserwerfer sind ein taktisches Einsatzmittel, ein Distanzmittel. Sie kommen zum Einsatz, wenn wir mit massiver Gewalt bedrängt und angegriffen werden. Genau das ist am Sonntagnachmittag im Großen Garten passiert. Die Kollegen hatten den Zaun des Trainingsgeländes im Rücken und wurden von vorn mit Pyrotechnik regelrecht abgeschossen. Damit sind wir in einem anderen Film.

Was heißt das konkret?

Kubiessa: Wir waren bis zu den Angriffen im großen Garten extrem zurückhaltend. Wir haben es bei Lautsprecherdurchsagen belassen, als sich die Menschen mehr und mehr an der Hauptallee ansammelten. Wir haben uns auf das Videografieren beschränkt, als schon in der ersten Halbzeit Pyrotechnik gezündet wurde. Diese Zurückhaltung hatte nur ein Ziel: Deeskalation – fast um jeden Preis. Doch Deeskalation funktioniert nur, wenn es alle wollen.

Wer entscheidet, wann der Wasserwerfer eingesetzt wird?

Kubiessa: Der Polizeiführer. Wir wurden angegriffen. Darauf gab es Lautsprecherdurchsagen, das zu unterlassen, aber die Angriffe gingen weiter. Dann haben wir die Wasserwerfer umgesetzt, also eindeutig gezeigt, dass sei eingesetzt werden können, aber die Angriffe gingen weiter. Dann sind wir mit den Wasserwerfern in die Lennéstraße, die Angriffe gingen weiter. Dann haben wir uns zurückgezogen und die Angriffe gingen immer noch weiter.

Wie viele gewaltbereite Fans standen Ihren Beamten gegenüber?

Kubiessa: Das waren gut 2.000 gewaltbereite Personen in der Lennéstraße, aber einer dreistelligen Zahl wird es kritisch. Wir konnten die illegale Ansammlung aber auch nicht gewähren lassen.

Aber ewig werden Sie Versammlungen wie „Querdenken“ auch nicht verbieten können, oder?

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Sittel: Wichtig ist: Wir verbieten keine Meinung. Es ist einzig den Corona-Vorschriften geschuldet, wenn Versammlungen untersagt werden. Derzeit müssen wir das Versammlungsrecht mit dem Schutz für Leib und Leben abgleichen. Deshalb gelten Verordnungen auch immer nur für kurze Zeit und werden der aktuellen Situation angepasst. Auch stellt sich irgendwann die Frage, ob der Anlass einer Versammlung noch gegeben ist. Wenn keine Maskenpflicht im öffentlichen Raum gilt, gibt es auch keinen Anlass, dagegen zu demonstrieren. Die Vielzahl an Versammlungen zeigt aber - die Demokratie funktioniert.

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