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Lichtermeer: Dresdner zeigen Haltung gegen "Querdenker"

Mehr als 3.500 Menschen sind am Samstag auf dem Neumarkt in Dresden dem Aufruf "Haltung zeigen" gefolgt. Zeitweise führte die Warteschlange durch die halbe Altstadt.

Von Henry Berndt & Christoph Springer & Levin Kubeth
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Mehr als 3.500 Menschen stellten am Samstagabend Kerzen vor der Frauenkirche auf, um an die Opfer der Corona-Pandemie zu erinnern und ein Zeichen gegen Querdenker zu setzen.
Mehr als 3.500 Menschen stellten am Samstagabend Kerzen vor der Frauenkirche auf, um an die Opfer der Corona-Pandemie zu erinnern und ein Zeichen gegen Querdenker zu setzen. © Symbol: Jürgen Lösel

Dresden. Unter dem Motto "Haltung zeigen" haben am Samstag viele Menschen auf dem Dresdner Neumarkt Kerzen abgestellt. Die Aktion richtete sich gegen die sogenannten "Querdenker", gegen Corona-Leugner und Impfgegner und sollte gleichzeitig eine Möglichkeit bieten, der bislang etwa 1.500 verstorbenen Corona-Patienten in Dresden zu gedenken.

Die abgesperrte Fläche, die wegen der Corona-Beschränkungen nur von zehn Personen mit FFP2-Maske gleichzeitig betreten werden durfte, füllte sich bereits am Nachmittag schnell mit Lichtern. Die Schlange davor wuchs innerhalb weniger Minuten enorm an und führte bald um die ganze Frauenkirche herum und dann noch einmal quer über den Neumarkt. Zeitweise standen die Menschen bis zur Wilsdruffer Straße an.

Zeitweise warteten mehr als 500 Menschen in der Kälte und wärmten sich dabei an ihren eigenen Kerzen, darunter viele Senioren, aber auch junge Paare und Familien mit Kindern. Trotz der langen Wartezeiten war die Stimmung positiv und nach Einbruch der Dunkelheit fast andächtig. Ein Straßenmusiker mit Gitarre gab den Klassiker "Blowing in the Wind" von Bob Dylan zum Besten und einige stimmten ein.

Das Einbahnstraßensystem für den Bereich mit den Kerzen mit vorgegebenem Ein- und Ausgang bewährte sich. Jeweils nur für wenige Sekunden verharrten die Menschen direkt auf der Fläche.

Zu den ersten Besuchern auf den Neumarkt - die noch nicht über eine Stunde warten mussten - zählten am Nachmittag Werner und Sibylle Neugebauer aus Dresden. "Uns ärgert schon lange, dass Nazis, Querdenkern, Coronaleugnern und Impfgegnern, die sich nicht an die derzeit geltenden Demonstrationsregeln halten, die Straße überlassen wird“, sagte der Mann. "Eine Aktion wie diese war längst überfällig." Aus seiner Sicht habe die Politik in Sachsen nichts aus Pegida gelernt und diesmal bei den "Querdenkern" die gleichen Fehler gemacht. "Das wurde viel zu lange einfach laufen gelassen."

"Ich protestiere gegen die Dummheit und Ignoranz der Corona-Leugner", sagt die 74-jährige Lilo Bär. Schon seit Pegida schäme sie sich für ihre Stadt. "Jetzt will ich endlich ein anderes Zeichen setzen."

"Gegen Dummheit und Ignoranz": Auch die 74-jährige Lilo Bär stellte eine Kerze ab.
"Gegen Dummheit und Ignoranz": Auch die 74-jährige Lilo Bär stellte eine Kerze ab. © Levin Kubeth

Einige, die nicht so lange warten und dennoch ein Zeichen setzen wollten, stellten ihre Kerzen direkt auf den Sockel des Martin-Luther-Denkmals, nur wenige Meter von der vorgesehenen Fläche entfernt.

Auf einem Plakat am Zaun war "Geimpft, Gemeinsam, Solidarisch" zu lesen. Doch auch ablehnende Stimmen gab es auf dem Neumarkt von Anfang an zu hören. Es kam zu Wortgefechten zwischen Befürwortern und Gegnern der Impfpflicht. Dabei blieb es jedoch beim teilweise lautstarken Austausch der Meinungen.

Zuvor hatten "Querdenker" unter anderem über Telegram-Kanäle dazu aufgerufen, selbst an der Aktion teilzunehmen. "Wir als Zivilgesellschaft, als diejenigen, die für Frieden, Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit stehen, die diese Werte seit fast zwei Jahren auf die Straße tragen, werden dieser Einladung nur zu gerne folgen", schrieb der selbsternannte "Querdenkeranwalt" Ralf Ludwig.

Vor Ort sprachen unterdessen am Rande der Szenerie immer wieder Menschen Polizisten an und machten sie darauf aufmerksam, dass die derzeit strengen Corona-Regeln für Versammlungen bei der Aktion nicht eingehalten würden. Tatsächlich kam es immer wieder zu Gruppenbildungen rings um den abgesperrten Bereich. Annalena Schmidt, Mitinitiatorin der Aktion, und die eingesetzten Ordner bemühten sich, die Menschen auseinanderzudrängen und auf die Abstandspflicht hinzuweisen. Schmidt, die bei der Diakonie Sachsen unter anderem für das Projekt "Demokratie gewinnt" zuständig ist, hatte die Aktion "Haltung zeigen" gemeinsam mit CDU-Stadtbezirksbeirat Lutz Hoffmann ins Leben gerufen.

Die Polizei griff nicht ein und blieb in Hintergrund. Es habe keine Zwischenfälle gegeben, teilte ein Beamter mit. Lediglich die Ausrichtung der Schlange sei wohl anders geplant gewesen.

Auch Botschaften wurden innerhalb des eingezäunten Bereichs hinterlassen.
Auch Botschaften wurden innerhalb des eingezäunten Bereichs hinterlassen. © Marion Doering

Gegen 17.30 Uhr flackerten bereits etwa 500 Kerzen innerhalb des abgesperrten Bereichs, der nun mit dem Herausrücken der Zäune um einige Quadratmeter vergrößert wurde. Gegen 19 Uhr waren es schon über 1.000 - angeordnet nach Tropfgefahr. Tropfende Kerzen durften nur auf den Blechen in der Mitte platziert werden, um das Pflaster auf dem Neumarkt nicht zu verschmutzen.

Auch Kränze und Botschaften wurden hinterlassen und Schilder gezeigt. Zu den Botschaften zählten: "Das Brett vor dem Kopf schützt nicht vor Corona" und "Hass ist krass. Nächstenliebe ist krasser".

Initiatorin Annalena Schmidt zog am Abend bereits ein Zwischenfazit: "Wir sind überwältigt davon, was unter Corona-Bedingungen doch möglich ist", sagte sie. Außerdem sei sie "unglaublich zufrieden" mit der Resonanz, die es schon im Vorfeld gegeben habe. Fast 10.000 Menschen hätten inzwischen den Aufruf auf der Website zur Aktion unterzeichnet. "Wir als Organisatoren gehen unserem Motto entsprechend nun wirklich optimistisch ins Jahr 2022."

Noch bis 21 Uhr dauerte die Aktion auf dem Neumarkt an - und das Lichtermeer wuchs. Am Ende bis auf mehr als 3.500 Kerzen.

Auch am Martin-Luther-Denkmal wurden Kerzen abgestellt.
Auch am Martin-Luther-Denkmal wurden Kerzen abgestellt. © Archiv/Jürgen Lösel

Wer unterstützt Aktion "Haltung zeigen"?

Die Initiative "Haltung zeigen" hatte im Vorfeld parteiübergreifend Zustimmung gefunden, unter anderem bei der kompletten Stadtspitze. Umweltbürgermeisterin Eva Jähnigen (Grüne) zählte zu den Erstunterzeichnern. "Jede Form der Demokratiefeindlichkeit, der Ausgrenzung und des Rassismus schadet unserem Miteinander in der Stadt und dem Bild unserer Stadt nach außen", sagte Jähnigen. "Deshalb sollten sie von uns gemeinsam entschieden abgelehnt werden."

Der Dresdner Bundestagsabgeordnete Markus Reichel (CDU) wollte mit seiner Unterstützung des Aufrufs "ein Zeichen setzen, dass wir gemeinsam unser Land und unsere Gesellschaft wirklich voranbringen können". In den letzten zwei Jahren sei er "unter dem Druck der Regeln, der Angst vor Krankheit, der Bürokratie, auch der Ungerechtigkeit, die die Pandemie ... schuf, unsicher geworden", sagte Reichel.

"Bedroht durch Rechte und Beschränkte"

Der Dresdner Arzt Rüdiger von Kummer, ehemals Abteilungsleiter der Neuroradiologie im Uniklinikum, sagte: "Die Leugnung der pandemischen Realität und der notwendigen Konsequenzen für die Gesundheit unserer Mitbürger ist für mich unerträglich. Ich sehe meine Rechte nicht beschränkt oder bedroht. Ich sehe mich bedroht durch Rechte und Beschränkte."

„Wer schreit, hat Unrecht!“, zitierte Christian Striefler seinen Großvater. "Leider aber bekommen die Schreihälse unverdient alle Aufmerksamkeit, was sie wiederum in ihrer grenzenlosen Verwirrtheit bestärkt", fand der Chef des Staatsbetriebs "Staatliche Schlösser, Burgen und Gärten Sachsen.

Der Aufruf wurde unter anderem auch von der Semperoper und dem Staatsschauspiel unterstützt. "Es gilt, mit aller Entschiedenheit gegen jene Gesicht und Haltung zu zeigen, die die Krise der Pandemie nutzen, um Intoleranz, Hass, Verschwörungstheorie und tätliche Gewalt zu verbreiten", heißt es dazu auf der Internetseite der Oper. Das Staatsschauspiel erklärt, angesichts der gewaltsamen Proteste, der Drohungen gegen Einzelne und des Schulterschlusses von „Querdenkern“ mit der rechtsradikalen Szene sei es umso wichtiger, Solidarität zu zeigen.

In einer früheren Version dieses Beitrags wurde die Aussage von Werner Neugebauer verkürzt zitiert, sodass der Eindruck entstehen konnte, er würde "Querdenkern" und Impfgegnern kein Recht auf Demonstrationen zugestehen. Der Dresdner verurteile deren Auftreten jedoch nur, wenn sich die Demonstranten nicht an die geltenden Regeln hielten. Deswegen wurde die Aussage nun ergänzt.