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Ein Papp-Bett für den Notfall

Wissenschaftler der TU Dresden haben nachhaltige Möbel für die humanitäre Hilfe entwickelt. Die produziert ein Verpackungsspezialist.

Schnell und ohne Werkzeug können die Betten in Notsituationen aufgebaut werden.
Schnell und ohne Werkzeug können die Betten in Notsituationen aufgebaut werden. © corrugAid

Wenn Menschen Hilfe brauchen, muss es schnell gehen. Naturkatastrophen, Dürren oder Kriege machen sie heimatlos. In kurzer Zeit errichten Hilfsorganisationen dann Notunterkünfte für sie und richten provisorische Krankenhäuser ein. In Hunderten Zelten, mit Tausenden Betten. Bisher nutzen sie dafür Feldbetten aus Metall und Kunststoff. Diese werden in Fernost hergestellt und aufwendig über Europa in die jeweiligen Einsatzgebiete transportiert. Werden sie vor Ort nicht mehr gebraucht, lassen sie die Helfer bisher zurück. Das verschärft Müllprobleme, die in Krisengebieten sowieso schon erheblich sind. Im Projekt „AidBoards“ haben Forscher um Diplom-Ingenieur Sven Gille vom Lehrstuhl für Holztechnik und Faserwerkstofftechnik der TU Dresden nun eine Alternative entwickelt: medizinische Einwegbetten aus Wellpappe.

Beklemmend und motivierend zugleich. So beschreibt Sven Gille seine Gefühle während des Projekts. Intensiv beschäftigt er sich seit 2014 mit den Katastrophen, die Menschen widerfahren können. Mit den Dingen, die sie in solchen Situationen brauchen. „Das war manchmal erschreckend zu erfahren“, schildert er die Gespräche mit verschiedenen Hilfsorganisationen. „Gleichzeitig war ich froh, dass wir etwas entwickeln, das den Menschen in Notsituationen helfen kann.“

Familien aufgepasst
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Auch Trennwände und Hocker samt Deckel und Stauraum wurden entwickelt.
Auch Trennwände und Hocker samt Deckel und Stauraum wurden entwickelt. © corrugAid

Das Ziel des Projekts: Es sollte ein Feldbett aus nachwachsenden Rohstoffen entstehen, das nicht nur umweltschonend, sondern auch günstig hergestellt werden kann. „Außerdem sollte es auch gut zu entsorgen sein“, beschreibt Gille. Feldbetten nach einem Einsatz im Ausland wieder zurückzutransportieren ist nämlich nicht nur aufwendig. „Bei Seuchen wie Ebola zum Beispiel können Betten, in denen Infizierte gelegen haben, auch aus hygienischen Gründen nicht mehr genutzt werden.“

Zunächst experimentierten die Forscher mit Holz. Das war jedoch zu schwer. Dann erwies sich Pappe als besser: günstiger, leichter und noch nachhaltiger. „Wir haben ein Jahr lang immer wieder an der Konstruktion gearbeitet und sie verbessert“, sagt Gille. Vorher hatten sie Hilfsorganisationen gebeten, ihre Ansprüche an solch ein Bett zu formulieren. Vieles konnten die Forscher erfüllen, eines jedoch nicht: „Ein Mensch von 150 Kilogramm kann in unserem Bett nicht liegen. Da kommt die Wellpappe an ihre Grenzen.“ 

Projektpartner waren in den vergangenen Jahren ein sächsischer Medizinprodukte-Hersteller, ein Logistikberater für humanitäre Hilfe und der Verpackungsproduzent Thimm. Dort arbeitete Maurice Jedlicka, der mit Gille zusammen intensiv am neuen Feldbett arbeitete. Jedlicka hatte immer im Blick, dass das Einweg-Feldbett später auch auf den Maschinen von Thimm produzierbar sein muss.

Maurice Jedlicka hat das Start-up corrugAid gegründet und bringt die Idee aus der TU Dresden noch in diesem Jahr auf den Markt. Die Wellpappe-Feldbetten sollen weltweit Hilfsorganisationen bei ihrer Arbeit helfen – für Menschen in Not.
Maurice Jedlicka hat das Start-up corrugAid gegründet und bringt die Idee aus der TU Dresden noch in diesem Jahr auf den Markt. Die Wellpappe-Feldbetten sollen weltweit Hilfsorganisationen bei ihrer Arbeit helfen – für Menschen in Not. © corrugAid

Das Ergebnis jahrelanger Forschungsarbeit ist nun ein zwei Meter langes und ein Meter breites Papp-Bett. „Als Steckset kann es gut gelagert und später ins Krisengebiet geliefert werden“, beschreibt Jedlicka. Vor Ort ist es mit wenigen Handgriffen und ohne Werkzeug aufbaubar – das dauert nicht einmal eine Minute. Die Auflage aus Baumwolle oder Jute kann für den nächsten Benutzer einfach gewechselt werden, um Desinfektionsmittel zu sparen. Nach dem Gebrauch können die Helfer das Papp-Bett recyceln, kompostieren oder nahezu CO2-neutral verbrennen.

Um das Feldbett weltweit in den Einsatz zu bringen, gründete Jedlicka im Oktober 2019 das Start-up corrugAid. Der Name leitet sich vom englischen Verb corrugate ab, was wellen oder riffeln heißt. Auf Basis des Prototyps soll die Markteinführung der Betten noch 2020 erfolgen. „Wir sind in Gesprächen, unter anderem mit Partnern der humanitären Hilfe“, sagt Jedlicka. Großer Vorteil für die Kunden: Sie müssten nicht mehr große Mengen der Betten lagern. „Im Einsatzfall können wir bis zu 5.000 Betten pro Woche produzieren und liefern.“ Man sei produktionsbereit. Auch wenn die TU Dresden nicht an dem Start-up beteiligt ist, unterstützen die Dresdner Forscher corrugAid weiterhin mit ihrem Know-how, aktuell bei der Anmeldung eines DIN-Standards für Mobiliar aus Wellpappe.

Am Lehrstuhl für Holztechnik und Faserwerkstofftechnik geht unterdessen die Forschung an nachhaltigen Produkten aus Pappe weiter. „Im Rahmen studentischer Arbeiten sind neue Konzepte entstanden“, erzählt Gille. „Wir entwickeln gerade nachhaltige Stühle und Tische, bis hin zu OP-Tischen aus Pappe für den Katastrophenschutz.“ Er kann sich auch eine eigene Ausgründung vorstellen. Dafür ist er aktuell auf der Suche nach interessierten Investoren und Partnern. Denn die Forschung soll nicht in der Schublade landen – sondern dort, wo humanitäre Hilfe gebraucht wird.

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