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Können Ehrenamtler die Dresdner Pflege retten?

Die Stadt Dresden sucht freiwillige Corona-Helfer für die Pflegeheime. Muss jetzt das Ehrenamt die Personalnot bewältigen? Ein Dresdner Pfleger zweifelt daran.

Von Luisa Zenker
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Pfleger Tobias K. zum Pflegenotstand: "Die Pflege ist ein Alkoholiker. Sie muss erst halbtot daliegen, bis die Probleme erkannt werden."
Pfleger Tobias K. zum Pflegenotstand: "Die Pflege ist ein Alkoholiker. Sie muss erst halbtot daliegen, bis die Probleme erkannt werden." © Sven Ellger

Dresden. Tobias K. ist Pfleger. Und er ist aufgebracht. Seit dieser Woche bittet Sozialbürgermeisterin Kristin Klaudia Kaufmann(Linke) die Dresdner, freiwillig in den Pflege- und Seniorenheimen mitzuhelfen. Vorerfahrung ist dafür nicht notwendig. Als Tobias den Aufruf sah, sei er wütend geworden, sagt er. "Der Pflegenotstand ist ein chronisches Problem. Der besteht nicht erst seit heute, sondern seit Jahren. Hier wird die Solidarität der Menschen ausgenutzt."

Gerade ist er von seiner Spätschicht gekommen, hat er Parkinson-Patienten gewaschen, Demenzkranke versorgt und Medikamente verabreicht. Dafür fährt der 39-jährige Familienvater täglich durch den Dresdner Südosten und besucht seine Patienten. Seit fünf Jahren arbeitet er in der ambulanten Pflege, davor versorgte er über 15 Jahre alte Menschen in den Senioreneinrichtungen.

Für den Berufswechsel gab es einen Grund: die Personalnot. "Ich konnte das irgendwann nicht mehr, die Patienten wurden nur noch abgestellt, es blieb keine Zeit mehr für Gespräche und gute Pflege."

Aberkennung der Pflege-Arbeit

Tobias hat eine dreijährige Ausbildung und etliche Weiterbildungen hinter sich, er empfindet den Aufruf der Stadt als eine Aberkennung seiner Arbeit. "Allein, wie man einen Patienten richtig wäscht, muss gelernt werden. Das braucht mindestens zwei Wochen."

Fragt man bei der Stadt Dresden nach wird schnell klar: Die Aufgaben der Freiwilligen sollen beschränkt bleiben auf kleinere Hilfstätigkeiten in Küche und Betreuung, es soll für jeden eine fachliche Einweisung geben. 73 Freiwillige haben sich bisher gefunden. "Schauspieler, Kraftfahrer, Studentin - alles ist dabei", teilt Ute Meckbach von der Bürgerstiftung Dresden mit. Sie koordiniert die Freiwilligen.

Personal-Situation in Heimen könnte sich verschlechtern

Im Einsatz sind die 70 Corona-Helfer noch nicht. Erst, wenn die Lage in den Heimen akut werde. Und das wird sie höchstwahrscheinlich, prognostiziert Meckbach mit Blick auf Omikron. Pfleger Tobias K. hat deshalb Angst, dass die Helfer bei akutem Notstand Aufgaben übernehmen sollen, die eigentlich einer entsprechenden Ausbildung bedürfen. Er ist selbst ehrenamtlich aktiv. Weil er in einem Migrationsprojekt aushilft und deshalb Hassbriefe erhält, will er in diesem Text nicht beim Nachnamen genannten werden.

"Ich find es super, dass sich Menschen sowas freiwillig antun wollen", sagt Tobias. "Diese Corona-Ehrenämtler lösen aber das Problem nicht", fährt er fort. "Schon seit langem fehlt es an gut ausgebildeten Pflegefachkräften."

Die Gründe dafür kennen die meisten: geringe Entlohnung, enorme Belastung für Körper und Geist, wenig Respekt. "Das Klatschen fand ich einfach nur peinlich", sagt Tobias, der sich zurzeit mit ungeimpften Kollegen streitet. "Hier müssen die Politiker in die Heime gehen und mit den Ungeimpften sprechen. Ich kenne einige Mitarbeiter, die wegen der kommenden Impfpflicht aufhören wollen."

Wird das Ehrenamt ausgenutzt?

Der Aufruf der Stadt Dresden kann schnell gemischte Gefühle hervorrufen. Wird hier das Ehrenamt angesichts des Pflegenotstands ausgenutzt oder ist das ein Zeichen von Solidarität? Ute Meckbach von der Bürgerstiftung blickt auf zwei Jahre Corona-Hilfe zurück, ihre Erfahrung zeigt: "Die Bereitschaft zu helfen war bisher sehr groß. Die wenigsten wollten Geld haben, sie machen das aus anderen Gründen: Anerkennung, Spaß, sozialer Kontakt, Lebenssinn. Den gesellschaftlichen Missstand gibt es, aber mit der Initiative wollen wir einfach dort helfen, wo Not ist."

Die Bürgerstiftung Dresden gibt es seit 20 Jahren, sie vermitteln Freiwillige an Vereine und Initiativen. Laut einer Umfrage sind knapp 57 Prozent der Dresdner ehrenamtlich aktiv. "Die Dresdner meckern nicht nur, sondern engagieren sich", freut sich Meckbach. In den kommenden Jahren sieht die Freiwilligen-Koordinatorin einen wachsenden Bedarf. "Die typische Großfamilie gibt es nicht mehr, die Gesellschaft vereinzelt sich", sagt sie. "Das Ehrenamt übernimmt nun die Aufgaben der Familie: Kinderbetreuung, Seniorenhilfe, Alltagsbegleitung." Aber auch Meckbach zieht einen Strich: "Das Ehrenamt darf nicht auf Gewinn ausgerichtet sein."

Die Stadt Dresden verspricht den Corona-Helfern teilweise eine finanzielle Entschädigung. "Je nach konkretem Einsatz können sowohl Arbeitsentgelt – beispielsweise für einen 450-Euro-Job – als auch Aufwandsentschädigung für eine ehrenamtliche Tätigkeit geregelt werden", heißt es vonseiten der Stadt auf SZ-Anfrage.

Die Stadtverwaltung selbst hat keinen Überblick, wie viele Corona-Freiwillige momentan im Einsatz sind. Auch was den Pflegenotstand in den 65 Heimen angeht, kann sie keine Angaben machen. Obwohl vier der Einrichtungen der stadteigenen Tochtergesellschaft Cultus gGmbH angehören.

Pfleger Tobias K. wünscht sich, dass sich die Bedingungen in der Pflege grundlegend ändern, sodass die Freiwilligen besonders eine Aufgabe übernehmen können: Den sozialen Austausch mit den Bewohnern in den Seniorenheimen. "Vorlesen, Karten spielen, Unterhalten, dafür hat mal als professioneller Pfleger eigentlich keine Zeit."

Alle Informationen zur Freiwilligen-Hilfe

Die Stadt Dresden baut zurzeit ein Ehrenamtspool auf, wo sich alle Freiwilligen registrieren können. Bis dahin soll man sich per Mail an die Pflegekoordination der Landeshauptstadt unter [email protected] wenden.

In dieser E-Mail sollten folgende Infos vermerkt sein: Vorname und Name, Telefonnummer, Alter, Informationen zum beruflichen Hintergrund, gegebenenfalls pflegerische Erfahrung, das gewünschte Einsatzgebiet, die zeitliche Verfügbarkeit, Mobilität (Ist ein Pkw verfügbar), Impfstatus.