Dresden
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"Der Stallgeruch im Leben des Stallgeborenen"

Warum es sich lohnt, Weihnachten das Unmögliche für möglich zu halten - und warum wir große Worte wie "Zeitenwende" skeptisch betrachten sollten. Ein Gastbeitrag.

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Keine erhabene Distanz, dafür Licht und Schatten: Sonnenstrahlen brechen durch eine Wolkendecke
Keine erhabene Distanz, dafür Licht und Schatten: Sonnenstrahlen brechen durch eine Wolkendecke © The Image Bank RF

Von Markus Engelhardt

Dresden. Es war der 24. Februar. Angesichts der damals zugespitzten Lage an der russisch-ukrainischen Grenze hatten wir an der Frauenkirche für den Abend jenes Tages ein Friedensgebet geplant. Dass ausgerechnet an seinem frühen Morgen Putin die Ukraine angreifen würde, hatten wir vorher nicht geahnt. So bekam unser Friedensgebet ungewollt ein tieftrauriges „Momentum“. Aber als die vielen Hundert Menschen in der Frauenkirche Kerzen entzündeten, war es zugleich ein berührender Abend des Zusammenfindens, der Solidarität, des gemeinsamen Schweigens und nicht zuletzt der Hoffnung gegen allen Schrecken.

In einer kurzen Ansprache an jenem Abend erzählte ich von einer eindrücklichen Szene, von der mir eine Kollegin erzählt hatte. Pfingsten 2014, bei der internationalen Peace Academy an der Frauenkirche. Es waren damals auch junge Menschen aus der Ukraine und Russland dabei. Wenige Wochen vorher hatte Russland die Krim annektiert. Nach der gegenseitigen Vorstellung vor dem Mittagessen nahm ein russischer Jugendlicher sein Essenstablett und setzte sich demonstrativ zur ukrainischen Gruppe an den Tisch. Er wolle damit zeigen, sagte er, dass hier und jetzt der Konflikt zwischen ihren Ländern nicht trennend zwischen ihnen stehen solle. Als ich ein Foto des mit den Ukrainern lächelnd zusammensitzenden jungen Russen sah, überfiel mich die Vorstellung, dass dieselben Menschen jetzt ihre Waffen aufeinander richten könnten. Das schneidet ins Herz. Heute, genau 10 Monate nach dem 24. Februar, erscheint es unvorstellbar, dass eine solche Szene in näherer oder auch fernerer Zukunft wieder möglich sein kann.

Aber heute, am 24.12., ist Heiligabend. Weihnachten heißt auch: das Unvorstellbare doch für möglich halten. Die Wirklichkeit auf die in ihr verborgenen, noch unausgeschöpften Möglichkeiten abhorchen.

Am Ende der berühmten Weihnachtsgeschichte im Lukasevangelium wird berichtet, wie die Hirten als erste Zeugen des Geschehens in der Krippe zu dessen Lobbyisten werden, das Erlebte unter die Leute bringen. Dann heißt es lakonisch: „Alle wunderten sich über das, was ihnen die Hirten berichtet hatten“. Nichts von Begeisterung, Faszination, Glaubenserweckung. Nein, Sie wundern sich. Im Klartext: Die Leute sind völlig überfordert von dieser im Wortsinn un-glaublichen Message, dass der große unendliche Gott ein kleiner endlicher Mensch geworden sein soll. Hungrig brüllend wie jedes Neugeborene in einer schäbigen Futterkrippe liegend. Das verstehe und fasse, wer will. Ein Dichter hat das so ausgedrückt: "Wir können das Wunder der Weihnacht nicht fassen, / wir können es uns nur wahr sein lassen."

Weihnachten protestiert für alle nicht gegen sie

Weihnachten verlockt uns, hoffnungsstur daran festzuhalten, dass auch diese Möglichkeit - wenn auch zurzeit noch tief in ihr eingegraben - in der Wirklichkeit "drin" ist: Ukrainer und Russen werden wieder miteinander am Tisch sitzen, Brot und Wein teilen. Der Glaube, so sagte Martin Luther King, ist der Vogel, welcher schon singt, während die Nacht noch dunkel ist. Und es war sehr dunkel in der Nacht von Bethlehem. So wird Weihnachten auch zum Protest gegen die Dunkelheit, die Heillosigkeit der Zeit damals und heute. Ein Protest ganz anderer Art, als die Proteste, die auch in diesem Jahr - nicht selten mit russischen Fahnen - auf den Straßen unserer Stadt laut wurden. Das waren und sind Proteste gegen andere Menschen. Weihnachten protestiert für alle Menschen, gegen die Unmenschlichkeit.

"Zeitenwende" - kürzlich zum Wort des Jahres gewählt. Olaf Scholz traf wohl einen Nerv, als er das Wort am 27.2. im Bundestag erstmals gebrauchte. Aber eine Skepsis gegenüber diesen großen Worten bleibt. Eine Zeitenwende verdient dann so genannt zu werden, wenn daraus ein grundlegend anderes, verändertes Handeln folgt. Ist das (bisher) so? Viele Antworten, die bisher auf die "Zeitenwende" gegeben werden, erscheinen eher bekannt und geläufig.

Weihnachten ist eine Zeitenwende in einem tieferen Sinn. Martin Luther dichtet in einem Weihnachtslied: "Das ewig Licht geht da herein, / gibt der Welt ein neuen Schein". Dieser Schein stellt seit Weihnachten unsere Welt in ein neues Licht. Die Welt, in der geküsst und gefoltert, gestillt und gekillt, geliebt und gehasst, gefuttert und gehungert wird. Deren Menschen das Beste aus sich schöpfen und einander auf großartige Weise helfen wie in diesem Jahr den vielen aus der Ukraine Geflüchteten. Und deren Menschen einander Schlimmes antun, wie zuletzt jene, die offenbar planten, unsere offene Gesellschaft, verächtlich als "System" bezeichnet, zu beseitigen und dabei auch Gewalt gegen führende Politiker planten.

In dieser Welt ist Gott drin, buchstäblich mit Haut und Haaren. Er bleibt nicht in erhabener Distanz zu all dem, was wir in der Welt tun und erleiden, aufbauen und kaputt machen. In Jesus teilt er das alles mit uns. Das ist der Stallgeruch im Leben des Stallgeborenen. In diese Welt hat sich Gott hineingeliebt.

Markus Engelhardt, geboren 1961, ist Pfarrer an der Dresdner Frauenkirche und Geschäftsführer der Stiftung Frauenkirche Dresden. Nach zuletzt fast 14 Jahren als Stadtdekan des Stadtkirchbezirks Freiburg wurde der Theologe im Mai 2021 nach Dresden berufen.