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Dresdner Argumente gegen Antisemitismus

Wie ein Projekt aus Dresden Jugendliche mit Migrationshintergrund vor dem Einfluss von Judenfeindlichkeit schützen will.

Mohammad Mohammad (l.), Mitarbeiter des Projekts "Your Story - My Story - Our History", und die Projektleiterin Judith Schweiger engagieren sich in Dresden gegen Antisemitismus.
Mohammad Mohammad (l.), Mitarbeiter des Projekts "Your Story - My Story - Our History", und die Projektleiterin Judith Schweiger engagieren sich in Dresden gegen Antisemitismus. © Marion Doering

Dresden. Antisemitische Anfeindungen gehören in Deutschland und Sachsen zum Leben von vielen Jüdinnen und Juden. Dabei beschränkt sich der Kreis der Täter nicht auf die politischen Ränder. An den verschiedensten Orten des täglichen Lebens können sie mit Ausgrenzung und Verschwörungstheorien konfrontiert werden, wie zuletzt die mutmaßlichen Anfeindungen in einem Leipziger Hotel, von denen der Sänger Gil Ofarim berichtete, zeigten. Vorfälle wie das Zeigen eines antisemitischen Films in einer Schule in Löbau oder der Angriff auf ein jüdisches Restaurant in Chemnitz beschäftigen immer wieder die Ermittlungsbehörden in Sachsen.

So wurden im ersten Halbjahr 2021 96 antisemitische Fälle bei der Polizei bekannt, wie eine kleine Anfrage der Landtagsabgeordneten Kerstin Köditz (Linke) ergab. Doch die Dunkelziffer ist laut der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Rias weit höher. Deswegen soll ab Herbst eine neue Antisemitismus-Meldestelle in Sachsen starten. Sie beginnt allerdings erst mit der Arbeit, wenn etwas bereits geschehen ist. Das Dresdner Projekt "Your Story - My Story - Our History" dagegen möchte mit ihrer Bildungsarbeit das Problem vorbeugend angehen.

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Die Sozialarbeiterin Judith Schweiger und der Student der sozialen Arbeit Mohammad Mohammad arbeiten für den "Landesverband Sachsen der Deutschen Jugend in Europa" (djo), dem Trägerverein ihres Projekts, mit migrantischen Jugendlichen zusammen.

Der Schwerpunkt ihrer Arbeit bei "Your Story - My Story - Our History" liegt auf zwei Gruppen, einmal den Jugendlichen selbst, aber auch auf außerschulischen Jugendarbeitern. Letztere können sich in einer Fortbildungsreihe des Projekts mit dem Thema Antisemitismus auseinandersetzen.

Die Fokussierung auf migrantische Jugendliche komme dabei nicht daher, dass man dort besonderen Handlungsbedarf sehe, sondern weil die djo sich besonders mit den Erfahrungen von migrantischen Jugendlichen und der transkulturellen Jugendarbeit auseinandersetze, so Schweiger weiter.

Zwei unterschiedliche Perspektiven mit dem gleichen Ziel

Schweiger, die bereits seit fünf Jahren für die djo in Dresden arbeitet, hat einen ganz persönlichen Bezug zum Thema Antisemitismus. Ihr Großvater überlebte die Shoah, die Vernichtung der deutschen Juden in Europa. Mit seinem Bruder zusammen wurde er von Sorben in der Lausitz versteckt. Schweigers Urgroßmutter und der Rest ihrer Familie väterlicherseits kamen in Auschwitz ums Leben. Sie teilten damit das Schicksal von sechs Millionen europäischen Juden. Sie habe sich schon früher viel mit ihrer Familiengeschichte beschäftigt, erklärt Schweiger ihre Nähe zum Thema.

Zusammen mit Mohammad Mohammad, der sich seit drei Jahren bei der djo engagiert hat Schweiger das Projekt "Your Story - My Story - Our History" ins Leben gerufen.

"Als Judith auf mich zukam und mir ihre Idee erklärt hat, war ich direkt dabei", sagt Mohammad. Als er vor sechs Jahren nach Deutschland kam, habe er sich gewundert, dass das Thema hier so aktuell sei. Aufgrund der deutschen Geschichte habe er sich gefragt, ob die Leute nicht aus ihrer Erfahrung gelernt hätten.

Er selbst habe in seinem Heimatland zwar einige Erfahrungen zum Thema Antisemitismus gesammelt, allerdings sei eine Beschäftigung mit dem Thema dort tabuisiert. Viele der Teilnehmer seien daher froh über die Bildungsangebote. Das Interesse sei groß, so Mohammad weiter.

Nach seinem Heimatland gefragt stockt er kurz. Das sei kompliziert, sagt er. Denn Mohammad kommt zwar aus Syrien, galt aber auch dort schon als Flüchtling. Sein Großvater ist vor Jahrzehnten von Palästina nach Syrien gekommen. Palästina ist das einzige Gebiet der Welt, in dem der Flüchtlingsstatus nicht auf der persönlichen Fluchterfahrung beruht, sondern vererbt wird. Wessen Vorfahren also seit der Staatsgründung Israels 1948 geflohen sind, gilt auch ohne eigene Flucht als Flüchtling und ist rechtlich gesehen staatenlos. Als staatenlos gilt Mohammad nun auch in Deutschland.

"Wir wollen präventiv da ansetzen, wo Meinungen sich noch nicht gefestigt haben"

"Your Story - My Story - Our History" bietet neben der Fortbildungsreihe für Jugendarbeiter verschiedenste Veranstaltungen zum Thema Antisemitismus an. Fahrten nach Berlin auf den Spuren von Anne Frank, Beschäftigung mit der Zwangsarbeit in Prora oder ein Online-Workshop zum Thema Verschwörungsmythen sind nur ein kleiner Ausschnitt aus dem Programm, mit dem migrantischen Jugendlichen das Thema Antisemitismus nähergebracht wird.

Das Projekt setzt auf Freiwilligkeit und Aufklärungsarbeit. Es soll interessierten Jugendlichen Argumentationshilfen geben, erklärt Mohammad. Dadurch werde es den Jugendlichen möglich, Antisemitismus zu erkennen und zu widersprechen.

Ebenfalls einen großen Teil nimmt die Präventionsarbeit ein. "Wir wollen vorbeugend da ansetzen, wo Meinungen sich noch nicht gefestigt haben. Studien haben gezeigt, dass die Hälfte der Jugendlichen in Deutschland mit dem Begriff Auschwitz nichts anzufangen weiß. Da wollen wir aufklärerisch eingreifen", sagt Schweiger. Demokratiebildung und Menschenrechtsbildung seien dabei wichtige Pfeiler, denn wenn man diese Grundwerte habe, sei das die beste Prävention.

Es soll für die Jugendlichen aber auch Raum geben, über eigene Erfahrungen zu reden und diese zu verarbeiten. Menschen mit Migrationshintergrund machten in Deutschland viele rassistische Erfahrungen, erklärt Mohammad. Aus der Gemeinsamkeit solcher Erfahrungen könne Empathie entstehen, wenn diese gefördert würde.

Aber mit ihrer Fortbildungsreihe für Jugendarbeiter im außerschulischen Bereich setzen die beiden Ihren Fokus nicht nur auf Jugendliche. Es gehe einerseits darum, dass Menschen in der Jugendarbeit Handwerkszeug haben, um gegen antisemitische Vorstellungen vorzugehen, sagt Schweiger. "Aber als Jugendarbeiterinnen und Jugendarbeiter sind wir Vorbilder. Auch wir müssen unser Wissen immer wieder erweitern, damit wir nicht unbewusst Vorurteile vorleben."

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Die nächste Fortbildung zum Thema "Sekundärer Antisemitismus" findet am 4. November von 10 bis 17 Uhr im Goethe-Institut Dresden statt. Die Fortbildung findet in Kooperation mit der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus und im Rahmen der Aktionswochen gegen Antisemitismus der Amadeu-Antonio-Stiftung statt.

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