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Dresden: Holocaust-Gedenken trotz Krise

Dresden erinnert heute an die Verbrechen des Nationalsozialismus. Wegen der Pandemie finden die Veranstaltungen eingeschränkt statt.

Blumenkränze am ehemaligen "Polizeihaftlager". Von hier aus wurden hunderte Menschen deportiert.
Blumenkränze am ehemaligen "Polizeihaftlager". Von hier aus wurden hunderte Menschen deportiert. © Thomas Schlorke

Dresden. Seit 1996 ist der 27. Januar in Deutschland offizieller Gedenktag für die Opfer des Holocaust. Auch in Dresden wird die Befreiung des Vernichtungslagers in Auschwitz traditionell mit mehreren öffentlichen Veranstaltungen begangen.

Dieses Jahr ist das wegen der Pandemie anders - Gedenken findet nicht öffentlich und nur mit geladenen Gästen statt. Umweltbürgermeisterin Eva Jähnigen (Grüne) und Kulturbürgermeisterin Annnekatrin Klepsch (Linke) machten den Anfang und legten in Hellerberge auf dem Areal des ehemaligen Zwangsarbeiterlagers Blumen nieder.

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Über 200 Kleinkinder bewusst sterben lassen

Das Lager wurde Ende 1942 von der Dresdner Gestapo, Schmalfilmkamerahersteller Zeiss-Ikon und der NSDAP-Kreisleitung eingerichtet. Es befand sich zwischen Hammerweg, Radeburger Straße und heutiger Stauffenbergallee.

1943 wurde Hellerberg dann zum "Polizeihaftlager" erklärt. In der Nacht vom 2. zum 3. März im selben Jahr wurden die Gefangenen nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Nur zehn von 293 Menschen überlebten nachweislich den Holocaust. Von Mai 1943 bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs wurde das Lager unter dem Namen Lager Kiesgrube als Entbindungslager für Kinder von Ostarbeiterinnen weitergenutzt.

In dieser Zeit starben dort über 200 Kleinkinder, weil sie bewusst kaum versorgt wurden. Die Grabanlage für diese Kinder befindet sich auf dem benachbarten St.-Pauli-Friedhof.

"Immer wieder Versuche der Instrumentalisierung"

"Es ist die Aufgabe der nachgeborenen Generationen, wiederkehrend an die nationalsozialistischen Menschheitsverbrechen zu erinnern und der Opfer zu gedenken, nicht zuletzt, weil es in der Gegenwart immer wieder Versuche der Leugnung und Instrumentalisierung gibt", sagte Klepsch und spielte damit auf den Rechtsruck in der Gesellschaft an.

Der Hellerberg sei ein "authentischer Ort", den es in den nächsten Jahren als Gedenkort weiterzuentwickeln gelte. Umweltbürgermeisterin Jähnigen empfindet die Gestaltung des Geländes im Auftrag des Umweltamts als gelungen. "Die Ruhe und Bedächtigkeit der Natur bildet einen passenden Hintergrund für diese vielschichtige Stätte des Gedenkens und der Erinnerung", sagte die Politikerin.

Sie kündigte außerdem an, dass die Stadtverwaltung bereit sei, den Ort mit "zivilgesellschaftlichen Initiativen" weiterzuentwickeln.

Sittel fordert härteres Vorgehen gegen Corona-Leugner

Am Abend findet dann traditionell die Gedenkfeier an der Gedenkstätte Münchner Platz statt - diesmal allerdings ohne die Teilnahme der Öffentlichkeit und ohne anschließenden Vortrag wie 2020. Stattdessen werden Ordnungsbürgermeister Detlef Sittel (CDU) und Repräsentanten aus Landtag und Freistaat Blumengebinde niederlegen.

Bis zum Ende 1956 wurden am Münchner Platz noch Todesurteile vollstreckt, das ehemalige Landgerichtsgebäude gilt als Negativbeispiel für Justiz in Diktaturen wie dem Nationalsozialismus und der DDR. "Der Münchner Platz erinnert uns an eine Zeit, in der man Justitia vom Sockel stieß und an ihre Stelle die Fallschwertmaschine stellte. Über tausend Menschen wurden hier im Namen des Volkes ermordet", so Sittel.

Und auch er kommt 2021 nicht um einen deutlichen Bezug zur Gegenwart herum. Sittel fordert mit Blick auf Corona-Leugner harte Konsequenzen.

Wer angesichts des Münchner Platzes behaupte, "Kritiker an der Pandemiebekämpfung würden heute so behandelt, wie die Menschen, die im Nationalsozialismus verfolgt wurden", überschreite "jede Grenze von Anstand und menschlichem Miteinander". Es sei die Aufgabe von Stadt und Politik, diese Grenze "deutlicher denn je und hart in der Sache zu ziehen!" (SZ/dkr)

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