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"Konservativer Defensivpolitiker": Warum Ingo Flemming nach 14 Jahren den Dresdner Rat verlässt

Die große Bühne im Dresdner Stadtrat überließ Ingo Flemming lieber anderen. Warum ein wichtiger "Pragmatiker" nach 14 Jahren den Stadtrat verlässt.

Von Dirk Hein
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Verlässt nach 14 Jahren den Stadtrat: Bauingenieur Ingo Flemming (CDU).
Verlässt nach 14 Jahren den Stadtrat: Bauingenieur Ingo Flemming (CDU). © Christian Juppe

Dresden. Dem Stadtrat der Landeshauptstadt stand am vergangenen Donnerstag eine der hektischsten Sitzungen der letzten Monate bevor. Mehrere hundert Menschen demonstrierten vor dem Rathaus lautstark für oder gegen die geplante Unterbringung von Geflüchteten. Sicherheitskräfte regelten, wer in den Plenarsaal kam, unter hohem Zeitdruck wurden im Rat letzte Absprachen getroffen.

Leiser Abschied in einer lauten Sitzung

Die ersten Minuten der Sitzung galten jedoch einem leisen Abschied. Nach 14 Jahren im Stadtrat verließ Stadtrat Ingo Flemming das Gremium - freiwillig, um mehr Zeit für seine Arbeit im Landtag und seine Familie zu haben. Der 54-Jährige trat ein letztes Mal ans Rednerpult. "Es war mir eine Ehre, machts Gut", gab Flemming seinen Ex-Kollegen mit auf den Weg und verließ nach letzten Gesprächen und Glückwünschen den Saal.

Verabschiedet wurde Flemming unter anderem von SPD-Stadträtin Kristin Sturm: "Er ist ein echter Pragmatiker, wir konnten jedes Problem direkt besprechen, ein angenehmer und respektvoller Zeitgenosse." Flemming habe seine Handlungen immer aus der Motivation heraus betrachtet, Menschen zu helfen. "Da war nichts Ideologisches, er wollte sich nichts beweisen."

Tilo Wirtz, wie Flemming Ingenieur, aber Mitglied der Linken im Rat, sagt im Grunde dasselbe - nur mit leicht anderen Akzenten. "Ingo Flemming ist ein konservativer Defensivpolitiker. Das Motto hieß 'keine Experimente'. Er ist ein ehrlicher Typ mit klaren Antworten. Als Ingenieurspolitiker haben wir immer einen Zugang gefunden."

Flemming habe jedoch "keine eigene Handschrift hinterlassen. Er hatte in seiner Fraktion sicherlich Autorität, ich hatte jedoch nicht den Eindruck, dass er sie je ausgetestet hat."

Flemming selbst kann mit der Zuweisung Defensivpolitiker gut leben. "Ich bin kein aggressiver Politiker. Ich kläre die Dinge nicht konfrontativ, so löst man keine Probleme." Flemming war es wichtig, "die Sachen hinter den Kulissen zu klären. Manchmal ist es wichtig, Dinge gar nicht auf die große Bühne zu ziehen. Dann hat man zwar nichts exklusiv zu verkaufen, aber man bekommt die Probleme gelöst."

"Entscheidungen verwässern, aber wir brauchen Lösungen"

Besonders wichtig sei dies in einem Stadtrat mit mittlerweile acht Fraktionen. Mehrheiten seien da eigentlich nur noch im Kompromiss möglich. "Wir können nicht mehr auf die Befindlichkeiten politischer Lager Rücksicht nehmen, Entscheidungen verwässern dadurch, aber wir müssen zu Lösungen kommen."

Durch alle Lager im Rat wurde zum Beispiel Flemmings Arbeit für die neue kommunale Wohnungsbaugesellschaft WiD gelobt. Eine Neugründung, welche die CDU ursprünglich abgelehnt hat. Flemming sah die WiD lange kritisch. Der Aufbau binde immens viel Kapital, die Wirkung erfolge jedoch mittel oder langfristig. Am Ende habe Dresden aber neues Tafelsilber.

Weil die Mehrheit im Rat stand, war auch Flemmings Kurs klar: "Der Stadtrat will die WiD und dann musste dies auch umgesetzt werden. Meine Aufgabe war es nun, dabei mitzuhelfen und gleichzeitig zu schauen, dass kein Schaden für die Stadt entsteht." Flemming arbeitete also im Aufsichtsrat der WiD mit, wurde dort stellvertretender Vorsitzender und handelte sich von Tilo Wirtz am Ende das Lob ein: "Er hat die WiD hervorragend betreut."

"Eigentlich wollte ich schon vor drei Jahren aufhören"

Auch seinen Abschied aus dem Rat hat Flemming hinter den Kulissen eingefädelt. "Eigentlich wollte ich schon vor drei Jahren aufhören, doch dann hätte mein Ortsverband sein Stadtratsmandat verloren, das sollte nicht sein." Also hat der "Defensivpolitiker" intensiv weitergearbeitet, Gespräche geführt und so lange abgewartet, dass mit Thomas Lehmann (CDU) wenige Minuten nach Flemmings Abschied im Rat sein Wunschnachfolger verpflichtet werden konnte.

Flemming selbst kam als Seiteneinsteiger in die Politik. Gebürtig in Sangerhausen in Sachsen-Anhalt, studierte er Bauingenieurwesen an der TU Dresden, wurde 2001 zum geschäftsführenden Oberingenieur am Institut für Baubetriebswesen. Eine Tätigkeit die ruht, solange Flemming für die CDU im Dresdner Landtag sitzt.

Immer wieder eckte der Ingenieur dabei mit Berufspolitikern an. "Ich war in unseren Fraktionssitzungen immer der, der auf die Uhr geschaut hat, damit die Sitzungszeit eingehalten wird." Er selbst melde sich nur, "wenn ich wirklich was zu sagen hatte. Ich hatte den Eindruck, dass die anderen das wussten und dann auch zugehört haben."

Die Jahre im Rat hinterließen dennoch Spuren. "Man wird zunehmend ungeduldig. Es gab Zeiten, da musste man nicht zuhören, es wurde nur das wiederholt, was schon zehnmal gesagt wurde. Meist ist das Abstimmungsverhalten ohnehin klar."

"Ich bedauere, dass ich so selten abends zu Hause war"

Flemming will sich jetzt auf seine Arbeit im Landtag konzentrieren und sich dafür auch nochmals zur Wahl stellen. Der Dresdner Süden soll sich laut Flemming weiter als exzellenter Wissenschaftsstandort entwickeln, Flemming will die Generationengerechtigkeit sichern, Familien fördern.

Seine eigene hätte sich in den letzten 14 Jahren zu stark einschränken müssen. "Das größte Problem war die Familie, die kam zu kurz. Ich habe nur keine Idee, wie es hätte anders funktionieren können. Kommunalpolitik findet nachmittags und abends statt. Ich bedauere heute, dass ich abends so selten zu Hause war. Man kann es im Nachhinein nicht ändern, ich kann diese Zeit nicht nachholen."