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Prozess: Millionen-Klage wegen Drewag-Rückkauf

Dresdens Versorger Sachsenenergie ist seit einer Weile in städtischer Hand. Doch es gibt Streit um mehr als 150 Millionen Euro. Ist Strom in der Stadt zu billig?

Wie viel war die Drewag wert? Darum geht es in einem gigantischen Wirtschafts-Prozess in Dresden.
Wie viel war die Drewag wert? Darum geht es in einem gigantischen Wirtschafts-Prozess in Dresden. © René Meinig

Dresden. Es ist einer der wichtigsten Gerichtsprozesse dieses Jahres. In dieser Woche wird er am Dresdner Landgericht verhandelt. Auch wenn es zunächst unspektakulär klingt, dass die Münchner Thüga Holding und der Energieverbund Dresden (EVD) einen Streit vor Gericht austragen.

Es geht um viele Millionen - Geld der Dresdner, die von der Sachsenenergie mit Strom, Wasser oder Fernwärme versorgt werden, also nahezu alle Dresdner und Unternehmen in der Stadt.

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Worum es in dem Streit geht

Der EVD hat 2019 als zuständige Dachorganisation der Energieversorgungsunternehmen in Dresden und Ostsachsen die Option gezogen, die damals noch letzten zehn Prozent der Drewag-Anteile, die nicht der Stadt gehören, zurückzukaufen. Diese Anteile gehörten bis dahin der Thüga, die deutschlandweit an rund 100 kommunalen Versorgern beteiligt ist.

Um den Kaufpreis zu bestimmen, muss der Wert der Drewag ermittelt werden. So ist es auch im Gesellschaftsvertrag geregelt. Dafür wurde ein Gutachter beauftragt, der den Wert der Drewag bestimmt und so einen möglichen Kaufpreis für die zehn Prozent der Anteile definiert. Der Wert der Drewag lag demnach im vergangenen Jahr bei 1,6 Milliarden Euro. Demnach müsste der EVD 160 Millionen Euro für den Rückkauf zahlen.

Tatsächlich gezahlt hat die EVD bisher rund 75 Millionen Euro. Die Thüga klagt nun auf Auszahlung der Differenz und hat die Anteile noch nicht an die EVD zurückgegeben. Die EVD hat Widerklage erhoben, fordert die Übertragung der zehn Prozent der Anteile.

Zweites Gutachten halbiert Drewag-Wert

Im Zuge der parallel laufenden Fusion von Drewag und Enso zur Sachsenenergie hatte die EVD ebenfalls ein Gutachten zum Wert der Drewag in Auftrag gegeben. Der Wirtschaftsprüfer, der dieses erarbeitet hat, kommt zu einem ganz anderen Ergebnis. Demnach ist die Drewag mit 800 Millionen Euro nur die Hälfte wert.

Das kam quasi per Zufall - wegen der zeitlichen Überschneidung der beiden Gutachten für Rückkauf und Fusion, die beide im August 2020 fertig waren - heraus und die Verantwortlichen beim EVD wurden stutzig. Sie stellten Nachfragen zum ersten Gutachten, zweifeln die Herangehensweise an und sagen, das zweite Gutachten sei maßgeblich. Somit sei der Rückkaufwert für die zehn Prozent - rund 75 Millionen Euro, plus Zinsen - beglichen.

Wie es zu dem gravierenden Unterschied kommt

Die EVD-Verantwortlichen sagen, sie haben sich an die Satzung der Drewag gehalten. Diese besagt, es wird ein Wirtschaftsprüfer eingeschaltet, der den Ertragswert des Unternehmens prüft und festlegt. So ist es auch in den Grundsätzen des Instituts der Wirtschaftsprüfer zur Durchführung von Unternehmensbewertungen festgelegt. Nur dieser "methodengerecht" ermittelte Wert bestimmte den maßgebenden Kaufpreis. In diesem Fall liegt der Wert der Drewag bei gut 800 Millionen Euro.

Der Gutachter für das erste viel höhere Gutachten wurde von EVD und Thüga gemeinsam beauftragt. Dieser kommt auf einen Unternehmenswert von 1,6 Milliarden Euro. Allerdings hat dieser mittlerweile sein eigenes Gutachten bereits um rund 70 Millionen Euro nach unten korrigiert, was die Zweifel der EVD bestärkt. Außerdem argumentiert die EVD-Seite damit, dass der Gutachter ins Management der Drewag eingreife, unzutreffende künftige Erträge unterstelle und einiges mehr. Nur so sei die enorme Differenz zustande gekommen.

Dresdner müssten deutlich mehr zahlen

Nach SZ-Informationen wird in dem Gutachten, das den Wert der Drewag bei 1,6 Milliarden Euro sieht, unterstellt, die Geschäftsführung würde die Produkte viel zu günstig an die Dresdner verkaufen. Wenn Strom, Wasser und Heizung "marktgerecht" - zu Preisen wie in München oder Frankfurt - und damit deutlich teurer als bisher - verkauft würden, hätte die Drewag viel höhere Einnahmen und einen viel höheren Wert.

Solche Eingriffe in die Unternehmenspolitik stehen einem Gutachter aber nicht zu, sagen die EVD-Verantwortlichen - zumal sie auch nicht zuträfen. Deshalb erkennen sie dieses Gutachten nicht an. Vielmehr liege ihr Gutachten richtig, zumal es durch einen gerichtlich bestellten Prüfer im Zuge der Fusion bestätigt wurde.

Die Thüga-Verantwortlichen sagen dagegen, nur das höhere Gutachten sei verbindlich, da es von beiden Seiten gemeinsam beauftragt wurde. Es sei ein sogenanntes Schiedsgutachten und damit objektiv. Genau das treffe laut EVD aber nicht zu, weil zwar das Gutachten gemeinsam beauftragt wurde, aber nicht vereinbart sei, dass es ein Schiedsgutachten ist.

Was vor Gericht zu erwarten ist

Am Landgericht ist nun ein sogenannter Güte- und erster Verhandlungstermin angesetzt. Der Richter wird vermutlich beide Seiten fragen, ob eine Einigung möglich ist. Da die beiden Auffassungen, wie viel für die zehn Prozent der Anteile zu zahlen ist, rund 80 Millionen Euro auseinanderliegen, ist das eher nicht zu erwarten. Die Thüga muss gegenüber ihren Anteilseignern darlegen, dass sie nicht zu billig verkauft. Die EVD muss sozusagen das Eigentum der Dresdner schützen und darf nicht zu teuer kaufen.

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Dann kann das Gericht ein völlig unabhängiges Gutachten anordnen, das den realen Wert der Drewag ermittelt. Mit diesem können dann beide Seiten erneut verhandeln. Es kann aber auch ohne neues Gutachten zu einer gerichtlichen Entscheidung kommen, welches von den beiden Gutachten gilt.

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