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Dresden

Unfall in Dresdner Theater: Wer ist schuld?

Ein Feuerwehrmann verunglückt in den Katakomben des Theaters Junge Generation. Doch wer trägt die Verantwortung dafür?

In den Katakomben des Dresdner Theaters der Jungen Generation kam es zu einem folgenschweren Unglück. Nun will niemand die Verantwortung dafür übernehmen.
In den Katakomben des Dresdner Theaters der Jungen Generation kam es zu einem folgenschweren Unglück. Nun will niemand die Verantwortung dafür übernehmen. © Marco Prill/TJG

Dresden. Er sollte die Brandwache halten, doch schon bevor das Stück begann, stürzte der Feuerwehrmann im Untergeschoss der Bühne des TJG in einen dreieinhalb Meter tiefen Schacht. Der 56-Jährige wurde an jenem 14. Oktober 2017 schwer verletzt, erlitt unter anderem Rippen-, Schulter und Wirbelbrüche, klaffende Wunden. Acht Tage lag der Feuerwehrmann in der Klinik.

Am Freitag stand ein 54-jähriger Ingenieur der Kommunalen Immobilien Dresden GmbH wegen fahrlässiger Körperverletzung vor dem Amtsgericht Dresden. Er hatte einen Strafbefehl, in dem er im Oktober 2019, zwei Jahre nach dem Unfall, zu einer Geldstrafe verurteilt worden war, nicht akzeptiert. Eine richtige Entscheidung, wie sich zeigen sollte.

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Der Mann sei für die technische Betreuung und die Abarbeitung der Restmängel des Hauses zuständig gewesen, hieß es in der Anklage. Das „Transportpodium“, mit dem sich Kulissen vom Keller auf die Bühne heben lassen, sei noch nicht mängelfrei gewesen. Nach einem Tüv-Gutachten vom September 2017 fehlten Absperrungen, Licht und andere Sicherungen. Hebt sich das Podium, gibt es den tiefen Schacht frei, mitten in einem Gang. Dort kam der Feuerwehrmann auf dem Weg zur Brandwache vorbei. Er war in Eile, kürzte den Weg ab. Ein extra aufgestelltes Gitter hat er nicht erkannt.

Frühe Eröffnung unter Druck

Bühnentechniker, technischer Direktor und der Angeklagte berichteten von unklaren Zuständigkeiten für Haustechnik und Mängelbeseitigung. Das TJG sei Ende 2016 trotz vieler Mängel eröffnet worden – es habe einen großen politischen Druck gegeben. So erklären sich einige Nachlässigkeiten. Noch heute, mehr als vier Jahre nach der eiligen Eröffnung, seien noch nicht alle Arbeiten abgeschlossen.

Doch wer ist dafür verantwortlich? Der Angeklagte? Er sieht sich lediglich als KID-Techniker für den Betrieb des Hauses zuständig, nicht jedoch für die den Betrieb der Bühnentechnik und schon gar nicht für die noch "in Bau befindlichen Arbeiten", wie er sagte. Im August 2016 habe er bei der KID, einer Ausgründung der Stesad, als Facilitymanager angefangen - Lüftung, Heizung, Sanitär, Haustechnik. Da sei das Podium schon lange montiert gewesen.

Im Dezember 2016 sei das Theater in dem neuen Areal am Kraftwerk Mitte eröffnet worden. Ja, sagte der Mann, eine Prüfbescheinigung des Tüv Süd habe er im September 2017 erhalten. Er sei jedoch nicht der "Hauptempfänger" gewesen. Das sei ein anderer KID-Manager gewesen, der damals für die baulichen Dinge verantwortlich gewesen sei. Für die Bühnentechnik sei das Theater zuständig. Man müsse jedoch immer unterscheiden zwischen fertiger Technik und noch nicht abgenommenen Einrichtungen. Das Podium sei noch nicht übergeben worden.

"Organisierte Verantwortungslosigkeit"

Der Technische Direktor des TJG sprach von einem "großen Zeit- und Kostendruck", vielen Beteiligten, keinen klaren Zuständigkeiten. Eine Schlussabnahme des Bau sei noch nicht erfolgt, die Fertigstellung immer wieder angemahnt worden. Podium und Schacht habe man mit Scherengittern für ausreichend gesichert gehalten, zumal nur Künstler und Mitarbeiter Zutritt hinter der Bühne hatten.

Nach Angaben des Technischen Direktors gehöre der Gang mit dem Schacht nicht zu dem "Postenweg" der Brandwache. Der Mann hätte einen anderen, etwas längeren Weg nehmen müssen. Der Unfall ereignete sich wenige Tage nach dem Beginn eines neuen Stücks "Laura war hier", für das das Podium auf der Bühne gebraucht wurde.

Schon diese Aussagen zeigen, dass die Aufklärung schwierig werden würde. Eine Schuldsuche zwischen „shit happens“ („dumm gelaufen“) und „organisierter Verantwortungslosigkeit“, beide Begriffe nannte der Richter, würde in diesem Verfahren wohl nicht zum Erfolg führen, der dem Verfahren gegen den Angeklagten angemessen wäre: "Wir müssten unglaublich viel nachermitteln."

In einem Rechtsgespräch einigten sich die Parteien auf die Einstellung des Verfahrens. Neben dem Angeklagten gebe es auch eine Reihe weiterer Verantwortlicher, so der Richter: "Das Unglück hat viele Väter."

Auch Oberstaatsanwalt Jens Hertel kritisierte am Ende der Hauptverhandlung den hohen politischen Erwartungsdruck: „Die, die den Druck reingebracht haben, sind nicht die, die heute hier sind.“

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