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Milde Strafe nach Klebe-Attacke auf die "Sixtinische Madonna"

Im August 2022 ist ein berühmtes Dresdner Gemälde Ziel des Klimaschutz-Aktivismus. Die beiden jungen Menschen, die sich an den Goldrahmen kleben, widersprechen der folgenden Geldstrafe - mit Erfolg.

Von Alexander Schneider
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Im August 2022 klebten sich zwei Anhänger der  "Letzten Generation" in Dresden an Raffaels  "Sixtinischer Madonna" fest.
Im August 2022 klebten sich zwei Anhänger der "Letzten Generation" in Dresden an Raffaels "Sixtinischer Madonna" fest. ©  Archiv: dpa/Sebastian Kahnert

Dresden. Die Aufregung war groß. Zwei selbst ernannte Klimaschützer klebten sich am 23. August 2022 mittags an den vergoldeten Rahmen der Sixtinischen Madonna. Sie hatten wie jeder andere auch eine Eintrittskarte gekauft, dann zielgerichtet Raffaels Meisterwerk im Obergeschoss des Zwingers gesucht. Dort stiegen sie über eine Absperrkordel, schmierten Sekundenkleber an eine ihrer Handflächen und klebten sich an das weltberühmte Exponat.

Irritierte Wachleute versuchten noch, das Paar von seinem unerwarteten Tun abzuhalten. Doch es war zu spät. Der Kleber hielt. Maike Grunst (23) und Jakob Beyer (24) aus Leipzig spannten mit ihren freien Händen ein Transparent mit der Aufschrift "Letzte Generation" auf, das ihnen jedoch bald entrissen wurde. Während die Polizei alarmiert war, hatten die Verantwortlichen der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD) eine folgenschwere Entscheidung getroffen und die Alten Meister evakuieren lassen. Offenbar hatten sie weit Schlimmeres befürchtet als das Pärchen, das wohl von mindestens einem Mitwisser gefilmt wurde. Die Bilder gingen viral. Medien berichteten bundesweit.

Sogar Hausdurchsuchungen

Heute, fast zwei Jahre nach dem Bildersturm, sind Grunst und Beyer in ihrem Prozess am Amtsgericht Dresden ähnlich aufgeregt wie damals. Doch über ihre Tat wird mit professioneller Gelassenheit verhandelt. Regelmäßig müssen sich "Klimakleber" vor Gericht wegen Nötigung verantworten, weil sie bei unangekündigten Demos Straßen blockiert haben.

Erst am Montagabend wurden zwei Männer zu milden Strafen verurteilt, die sich im November 2020 von einer Brücke über der Autobahn 4 am Brabschützer Berg abgeseilt und eine stundenlange Vollsperrung der Autobahn verursacht hatten. Auch sie wollten auf die verheerenden Folgen des Klimawandels hinweisen. Ihre Geldstrafen setzte das Gericht sogar zur Bewährung aus. Die Staatsanwaltschaft hatte wegen Nötigung in einem schweren Fall mehrmonatige Freiheitsstrafen auf Bewährung gefordert und angekündigt, das Urteil anzufechten.

Wie also würde der Rechtsstaat auf die neue Provokation reagieren, die Kleberei in Sachsens Kunst-Heiligtum? Zumal die Erinnerung an den Einbruch ins gegenüberliegende Grüne Gewölbe vom November 2019 noch sehr präsent war. Zunächst sehr scharf, doch mit zunehmender Dauer immer moderater.

Die Staatsanwaltschaft war anfangs von rund 12.000 Euro Schaden ausgegangen. Im Oktober 2022 fanden sogar Hausdurchsuchungen bei den Angeklagten und weiteren Verdächtigen statt. Vor einem Jahr erhielten sie per Strafbefehl Geldstrafen in Höhe von je 1.500 Euro wegen gemeinschädlicher Sachbeschädigung. Der durch den Sekundenkleber am Rahmen verursachte Schaden beliefe sich angeblich auf 2.289 Euro. Natürlich legten Grunst und Beyer Einspruch dagegen ein.

Kosten deutlich geringer

Im Prozess nun die gute Nachricht. In knapp 20 Arbeitsstunden war es den insgesamt vier Restauratoren gelungen, die Klebereste zu entfernen und die Patina des nach italienischem Vorbild historisch nachempfundenen Rahmens, der erst vor etwa zehn Jahren für 250.000 Euro angeschafft worden war, wiederherzustellen. Im Prozess summierten sich am Mittwoch, dem zweiten Sitzungstag, Arbeitsleistung und Material laut Gericht auf etwa 800 Euro. Die Angeklagten und Verteidiger gingen sogar nur von 180 Euro Schaden aus, weil drei der vier Restauratoren SKD-Bedienstete seien.

Die Angeklagten hatten ihre Tat schon zum Prozessauftakt gestanden und eine "erfolgreiche Aktion" genannt. Viele der befürchteten Folgen des Klimawandels seien heute schon "unabwendbar", sagten sie. Es sei ihnen gelungen, Aufmerksamkeit zu erregen, um etwa zu zeigen, dass der Klimawandel auch vor der "Schönheit der Kunst" wie Raffaels weltberühmtem Gemälde nicht haltmache.

Die Angeklagten Maike Grunst und Jakob Beyer sagten in ihrem Prozess am Amtsgericht Dresden, die Überschwemmungen im Ahrtal und die brennenden Wälder in der Sächsischen Schweiz wenige Wochen zuvor hätten sie im Zwinger zun Kleber greifen lassen.
Die Angeklagten Maike Grunst und Jakob Beyer sagten in ihrem Prozess am Amtsgericht Dresden, die Überschwemmungen im Ahrtal und die brennenden Wälder in der Sächsischen Schweiz wenige Wochen zuvor hätten sie im Zwinger zun Kleber greifen lassen. © Foto: SZ/Veit Hengst

Trotz jährlicher Jahrhunderthochwasser-Katastrophen habe sich am Bewusstsein der Menschen und Politiker wenig geändert, kritisierten sie: "Wir sind nicht gegen den Staat, sondern für die Einhaltung der Verfassung", sagte Beyer. Er sprach von einer Kriminalisierung durch die Ermittler, so sei die Hausdurchsuchung an Medien durchgestochen worden.

Diese Kritik an den Ermittlungen teilte Richter Rainer Gerards nicht. Die Angeklagten hätten doch bewusst auf die Öffentlichkeit gesetzt. Er verurteilte die beiden Angeklagten zu je 600 Euro Geldstrafe – deutlich weniger als die ursprünglichen 1.500 Euro und weniger als die nun von der Staatsanwältin geforderten 1.200 Euro. Er berücksichtigte, dass der Schaden deutlich geringer war, als zunächst angenommen, die Angeklagten nicht vorbestraft sind und auch nicht bis "zum Äußersten" gegangen seien.

Schadenersatz-Klage des Freistaats

Die Angeklagten seien intelligent und könnten ihre Ziele auch erreichen, ohne Straftaten zu begehen, sagte Gerards. "Wenn sie aber weiter solche Aktionen vorhaben, haben sie einen dornigen Weg vor sich", so der Richter. Er habe beim Strafmaß auch die Schadenersatz-Forderung des Freistaats berücksichtigt. Es gibt ein entsprechendes Zivilverfahren am Landgericht Dresden.

10.391 Euro Schadenersatz fordern die SKD von den Angeklagten, darunter 7.000 Euro an ausgefallenen Eintrittsgeldern. Die Zivilverhandlung ist im September am Landgericht Dresden geplant.

Auch dieser Prozess könnte interessant werden. Die Verteidiger sagten am Dienstag in ihren Plädoyers, der Freistaat habe bei seiner Schadenersatz-Forderung mal eben die Summe eines Kostenvoranschlags auf die angeblich angefallenen Restaurierungskosten hinzuaddiert.