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So funktioniert die Zwinger-Zeitreise

Damit in der neuen Schau in Dresden Vergangenes sichtbar wird, wurde ein Datenschatz gehoben.

Eine ganz besondere Zeitreise können Besucher jetzt im Zwinger erleben. Riesige Datenberge machen es möglich.
Eine ganz besondere Zeitreise können Besucher jetzt im Zwinger erleben. Riesige Datenberge machen es möglich. © Sven Ellger

Die Menschen zu Zeugen der Geschichte zu machen – das ist das große Ziel der neuen Ausstellung „Zwinger Xperience“ im Dresdner Zwinger. Seit Ende Juni geht das Publikum dort auf Zeitreise. Mithilfe von Multimedia-Technik lernen die Gäste auf unterhaltsame Weise Wissenswertes zur Entstehungsgeschichte des berühmten Gebäudeensembles. So fahren sie etwa auf dem Fahrrad und mittels einer Virtual-Reality-Brille durch das alte Dresden. Auf einer großen Videoleinwand wird sogar August der Starke wieder lebendig und reitet an den Besuchern vorbei.

Immer im Hintergrund dabei: die Gebäude, wie sie damals waren. Mit reich verzierten Fassaden und prunkvollen Schmuckelementen. Dass all das in der Ausstellung sichtbar werden kann, dafür sorgten Studenten und Mitarbeiter der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) Dresden. Dafür mussten sie auch in alte Planungen von Baumeister Pöppelmann schauen.

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Eigentlich ist Markus Wacker Professor für Computergrafik an der HTW Dresden. Er kennt sich aus mit Daten und Programmen, mit der Frage, wie Dinge auf dem Computerbildschirm lebendig werden. In den vergangenen Jahren ist aber auch sein Wissen rund um Kunst- und Baugeschichte gewachsen. „Ich gebe zu, die Begeisterung für die Dresdner Geschichte packt einen zwangsläufig, wenn man an solch einem Projekt mitarbeiten darf“, sagt er. Heute spaziert er deshalb mit einem ganz anderen Blick durch die Dresdner Altstadt. Seinen Medieninformatik-Studenten, erzählt er, gehe es genauso. „Einer meinte einmal zu mir, er sehe jetzt überall Barockelemente, wenn er durch Dresden geht.“ Kein Wunder, denn in dem Mammutvorhaben rund um den Zwinger stecken Tausende Arbeitsstunden.

Visionen werden lebendig

Angefangen hat alles schon vor knapp 16 Jahren, erzählt Wacker weiter. Die Staatliche Schlösser, Burgen und Gärten Sachsen gGmbH (SBG) beauftragte die Hochschulforscher damals mit Visualisierungen für das berühmte Nymphenbad des Zwingers. Insgesamt mehr als 30 Studenten des Fachs „Fortgeschrittene Modellierung und Visualisierung“ arbeiteten seitdem an dem Projekt mit und modellierten die Vergangenheit des Zwingers. Aber nicht nur. Manche der sogenannten 16 Zeitschnitte, zu denen Modelle am Computer entstanden, sind nie gebaut worden. „Die Visionen Pöppelmanns oder August des Starken in der Ausstellung zu sehen, hat einen ganz besonderen Reiz“, beschreibt es der Professor.

Gigantisch waren die Pläne für den Zwinger. Nur ein Teil der Visionen wurde letztlich gebaut. Die Träume von August dem Starken sind dank modernster Computertechnik nun zu sehen.
Gigantisch waren die Pläne für den Zwinger. Nur ein Teil der Visionen wurde letztlich gebaut. Die Träume von August dem Starken sind dank modernster Computertechnik nun zu sehen. © HTW Dresden

Während die Bauherren des Zwingers damals Steine und Mörtel brauchten, sind Wacker und seine Mitstreiter für ihr digitales Bauen auf Daten angewiesen. Die fanden sie in gezeichneten Plänen von August dem Starken oder auch in den Entwürfen von Pöppelmann und anderen Baumeistern der Dresdner Geschichte. Außerdem sahen sich die Wissenschaftler historische Gemälde des Zwingers an und digitalisierten sie. Aus Grundrissen und Aufrissen generierten sie später Daten für das Modellierungsprogramm, aus dem anschließend dreidimensionale Ansichten der Gebäude wuchsen. „Wir waren unendlich dankbar, dass uns bei den Recherchen der Architekturhistoriker Peter Jahn geholfen hat“, schildert Wacker. Denn so eindeutig waren manche Pläne nicht, oftmals fehlten auch wichtige Details in den Handskizzen. Dann half Jahn mit seinem Wissen und fügte die Puzzlestücke zusammen.

Weltgrößte Datensammlung zum Zwinger

Was sie alle gemeinsam auch mit weiteren Partnern zusammengetragen haben, gleicht einem Schatz aus mehreren Terabyte. „Wir haben heute sicherlich weltweit die größte Datensammlung zum Zwinger“, sagt Markus Wacker. Diese einzigartige Sammlung soll bald auch öffentlich zugänglich sein. Eine Dissertation beschäftigt sich derzeit mit der Frage, wie die Daten für solch eine Weiterverwendung aufbereitet werden können. „In 16 Jahren entwickeln sich einfach Strukturen in solch einer Datenbank, die ein Externer nicht durchblicken würde.“ Finanziell unterstützt wird dieses Vorhaben, bei dem die HTW Dresden mit dem Fachbereich Architektur der TU Darmstadt kooperiert, in den kommenden zwei Jahren von der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

Mit Informationen aus historischen Gemälden, wie hier zum Ballhaus, fütterten die Forscher ihre 3D-Modellierungsprogramm am Computer.
Mit Informationen aus historischen Gemälden, wie hier zum Ballhaus, fütterten die Forscher ihre 3D-Modellierungsprogramm am Computer. © HTW Dresden

Die neue Ausstellung im Zwinger ist nicht die einzige Schau, an der die HTW-Wissenschaftler mitwirkten. Wackers Forschungsgruppe „Drematrix“ hat auch ansonsten gut zu tun. Erst kürzlich wurde die Ausstellung „Bellum et Artes – Sachsen und Mitteleuropa im Dreißigjährigen Krieg“ im Grünen Gewölbe der Staatlichen Kunstsammlungen in Dresden eröffnet.

„Drematrix“ entwickelte dafür die Medienstationen für die Visualisierungen des Gesamtverlaufs des Dreißigjährigen Krieges. Die Teammitglieder programmierten außerdem die interaktive Datenbank zu den Wegen von Künstlern und Kunstwerken in den Wirren des Krieges und den Jahrzehnten danach. Zuschauer entdecken auf diese Weise nun die Geschichten zu den Lebenswegen der Künstler und den zum Teil verschlungenen Pfaden der Kunstwerke.

Schießübungen am Rechner

Markus Wacker kann aber auch schießen. Ganz sicher am Computer und ohne jemanden zu verletzen. Seit Mitte August ist die Gewehrgalerie im Dresdner Schloss wieder für das Publikum zugänglich. 500 Feuerwaffen aus dem kurfürstlichen Besitz werden dort präsentiert. „Der ehemalige Chef Dirk Syndram sprach uns vor einiger Zeit an, ob wir den Besuchern nicht zeigen könnten, wie diese Gewehre funktioniert haben“, erzählt der Professor. Für vier verschiedene Typen ist das nun bereits digital in der Ausstellung zu erleben.

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Aber nicht nur in der Ausstellung, sondern auch für Forschungszwecke ist das interessant. „Es gibt einen 40-Schüsser, bei dem selbst die Experten nicht wissen, wie er funktionierte.“ Also bauten ihn die HTW-Wissenschaftler nach und schossen am Computer. Modernste Technik hilft auch in diesem Fall beim Enträtseln der Vergangenheit.

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