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Sonder-Ton auf Dresdner Dampfer

Eigentlich sollte am 1. Mai die Flottenparade der Dampfschifffahrt stattfinden. Corona hat das verhindert. Zu feiern gab es trotzdem etwas.

Dirk Ebersbach, Falk Hering und Jochen Haubold montieren die Wehlen-Pfeife auf dem Dresdner Dampfer Pillnitz.
Dirk Ebersbach, Falk Hering und Jochen Haubold montieren die Wehlen-Pfeife auf dem Dresdner Dampfer Pillnitz. © SZ/Christoph Springer

Dresden. Jochen Haubold hat sich extra seine blaue Uniform mit den vier goldenen Streifen an den Ärmeln angezogen, Geschäftsführer Stefan Bloch ist an Bord des Dampfers Pillnitz und schon eine Stunde vor der Abfahrt am Sonnabendmorgen gibt es einen wichtigen Termin. Flotten-Mitarbeiter Haubold wuchtet ein goldfarbenes Teil auf das Dach des Vorschiffs. Es ist die neue Dampfpfeife für den Dampfer Wehlen.

An diesem Sonnabend wird sie auf dem Dampfer Pillnitz montiert. Der Grund: Der Verein „Weiße Flotte Dresden – Freunde der Sächsischen Dampfschiffahrt“ hat rund 6.000 Euro investiert, damit der „Wehlen“ wieder Ton geben kann. Jetzt soll die Pfeife ausprobiert werden.

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Das ist die Originalpfeife des Dampfers Pillnitz.
Das ist die Originalpfeife des Dampfers Pillnitz. © SZ/Christoph Springer
Jochen Haubold bringt die Pfeife des Dampfers Wehlen.
Jochen Haubold bringt die Pfeife des Dampfers Wehlen. © SZ/Christoph Springer
Falk Hering (l.) und Dirk Ebersbach bei der Montage der Wehlen-Pfeife auf dem Dampfer Pillnitz.
Falk Hering (l.) und Dirk Ebersbach bei der Montage der Wehlen-Pfeife auf dem Dampfer Pillnitz. © SZ/Christoph Springer
Flottenchef Stefan Bloch (r.) beobachtet die Montage der Dampfpfeife.
Flottenchef Stefan Bloch (r.) beobachtet die Montage der Dampfpfeife. © SZ/Christoph Springer
Auf dem Pfeifenfuß ist eingraviert, dass das neu gegossene Teil zum Inventar der Flottenfreunde gehört.
Auf dem Pfeifenfuß ist eingraviert, dass das neu gegossene Teil zum Inventar der Flottenfreunde gehört. © SZ/Christoph Springer
Der Fuß der Pfeife hat die Inventarnummer 1.
Der Fuß der Pfeife hat die Inventarnummer 1. © SZ/Christoph Springer
Der erste Test noch am Terrassenufer verlief erfolgreichn
Der erste Test noch am Terrassenufer verlief erfolgreichn © SZ/Christoph Springer

Ein Riss im Fuß der alten Dampfpfeife, bereits x-Mal repariert, sorgte dafür, dass das 1879 gebaute Schiff nicht mehr die bekannten Signale geben konnte. Ohne ist aber ein Schiff kein Schiff und die Signale sind so wichtig wie das Blinken und die Hupe beim Auto. Also musste eine neue Pfeife her.

Doch die gab es nirgendwo zu kaufen, Ersatz war nur schwer zu beschaffen. Beim Seitenradschlepper Württemberg, heute ein Museumsschiff in Magdeburg, wurden sie fündig. Eine Dampfpfeife dieses Schiffs diente schließlich als Vorbild für einen Nachbau. Solche Aufgaben haben sich die Vereinsmitglieder auf die Fahnen geschrieben, die ursprünglich sogar angetreten waren, um selbst die insolvente Flotte zu übernehmen.

Dass daraus 2020 mangels der dafür nötigen Finanzen nichts wurde, ist jetzt ein Glücksumstand für die Flotte. „Das war unser erstes großes Projekt“, sagt der Vereinsvorsitzende Dirk Ebersbach. In einer Heidenauer Firma wurde schließlich ein neuer Pfeifenfuß gegossen. „Wir haben mehrere Anläufe gebraucht“, sagt der Chef der Prototypenbau-Firma, es handele sich um ein Material, das beim Abkühlen schnell reißt.

Dass schließlich ein Ersatzteil herausgekommen ist, das auf sieben der neun Dampfer passt, ist unter anderem Falk Hering zu verdanken, dem Maschinisten des Dampfers Diesbar. Er hat über die Jahre viel Wissen gesammelt über die Dampfpfeifen und deren Funktion. „Das ist Technik, die heute gar nicht mehr üblich ist“, sagt Hering, während er an diesem Sonnabendmorgen gemeinsam mit Ebersbach und Haubold die Wehlen-Pfeife auf den Dampfer Pillnitz schraubt. Sie funktioniert, sind sie sich schon sicher.

Der erste Test gleich am Terrassenufer, noch vor dem Ablegen, beginnt mit Gluckern. Wasser quillt und spritzt aus der Pfeife, bevor weißer Dampf auftaucht und erst, als der Dampf mit viel Druck aus dem goldfarbenen Zylinder schießt, ertönt der bekannte Pfeifton. Ein Erfolg!

Das Gluckern und Spritzen sei am Morgen ganz normal, sagt Hering, das Wasser hat sich über Nacht in den kalten Leitungen des Schiffs gesammelt und muss raus vor dem ersten Ton. Und den offenbar mächtigen Druck halte das neue Bauteil problemlos aus. „Das war immer schon größer dimensioniert als nötig“, sagt der Dampfpfeifen-Fachmann. Rund zehn bar Druck würden gebraucht. Zum Vergleich: Ein Reifen wird etwa bis zu einem Druck von 2,5 oder 3 bar aufgepumpt.

Vor dem Ablegen am Terrassenufer zur Linienfahrt über Blasewitz nach Pillnitz und zurück wird der Nachbau Flottenchef Stefan Bloch offiziell übergeben. Der bedankt sich für das Geschenk, das eigentlich gar keins ist. Denn der nachgebaute Pfeifenfuß ist die Nummer 1 im Inventar des Weiße-Flotte-Vereins. Er gehört also weiter den Flottenfreunden, auch wenn er künftig dazu dient, dass der Dampfer Wehlen wieder die bekannten Signale geben kann.

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Noch liegt das Schiff an der Werft in Laubegast, Mitte Mai soll es fertig sein und wieder zum Terrassenufer fahren. Stefan Bloch hat bis dahin erst einmal alle Ausflugsfahrten gestrichen – wegen Corona. „Vor Juni geht nichts“, fürchtet er, bis auf die Linienfahrten, die derzeit stattfinden. Spätestens im Sommer, so hofft er, können die Schiffe wieder laut Fahrplan ablegen. Dann wird auch die neue Pfeife des Dampfers Wehlen zu hören sein – auf dem Schiff, auf das sie wirklich gehört und nicht wie am Sonnabend auf dem Dampfer Pillnitz.

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