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Die verrückten Geschichten des Dresdner Steyer-Stadions

Der Dresdner Karl Schreiber erlebte als Zeitzeuge die Sternstunden des Stadions - und den Verfall. Woran er sich erinnert.

Von Jochen Mayer
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Das Heinz-Steyer-Stadion war immer wieder Besuchermagnet, zum Beispiel 1955 bei der Zielankunft der Friedensfahrt.
Das Heinz-Steyer-Stadion war immer wieder Besuchermagnet, zum Beispiel 1955 bei der Zielankunft der Friedensfahrt. © SLUB Dresden / Deutsche Fotothek / Erich Höhne, Er

Dresden. Es gibt sie, die Liebe für ein ganzes Leben. Bei Karl Schreiber ist es die zum Sport. Zu ihm fühlte er sich immer hingezogen. Als nach dem Krieg auf den Sportplätzen im zerstörten Dresden langsam wieder Leben begann, war er neugierig dabei. „Mich zog alles an, was da passierte, egal welche Sparte sich produzierte“, sagt Schreiber und erzählt vom kollektiven Aufatmen nach den bedrückenden Kriegsjahren. „Das war eine große Sehnsucht nach normalem Leben. Ich war wach für alles, Sport und Kino bestimmten meine Jugend“, meint der inzwischen 85-Jährige.

Schnell gab es wieder den regen Sportbetrieb. „Dresden hatte mal viele Sport- und Fußballplätze“, sagt Schreiber, und er stellt Fragen. „Wer weiß denn schon noch, dass auf der Vogelwiese Berufsboxer antraten? Oder Berufs-Radrennen in der Ilgen-Kampfbahn, dem späteren Harbig-Stadion, ausgetragen wurden? Oder im Strehlener Königshof gerungen wurde? Dresden war mal eine Sportstadt. Und im Heinz-Steyer-Stadion gab es den großen Sport mit tollen Kulissen.“

"Das Steyer-Stadion war ein Begriff, da fühlte man sich wohl. Das ist auch städtebaulich ein idealer Standort für ein Sportgelände, nah am Zentrum, erweiterbar und ausbaufähig." - Karl Schreiber, Dresdner Sportfreund im wahrsten Wortsinn.
"Das Steyer-Stadion war ein Begriff, da fühlte man sich wohl. Das ist auch städtebaulich ein idealer Standort für ein Sportgelände, nah am Zentrum, erweiterbar und ausbaufähig." - Karl Schreiber, Dresdner Sportfreund im wahrsten Wortsinn. © Sven Ellger

In Schreibers Erinnerung blieben denkwürdige Ereignisse, die er auf den Traversen des Stadions verfolgte, das nun von Grund auf modernisiert wird. „Das Steyer-Stadion war ein Begriff, da fühlte man sich wohl“, schwärmt ers. „Das ist auch städtebaulich ein idealer Standort für ein Sportgelände, nah am Zentrum, erweiterbar und ausbaufähig, beste Verkehrsanbindung.“

Mit Sonderzügen zum Ostzonenfinale

Das längst altersschwache Stadion steht auf historischem Grund. Am 12. Oktober 1919 war es auf dem Gelände des ehemaligen Ostravorwerks eröffnet worden und hatte sich nach mehreren Umbauten zur größten Sportanlage Dresdens entwickelt. Rund 65.000 Zuschauer fanden Platz in der Arena, in der es ab 1921 Fußball-Länderspiele gab – und die erste deutsche Flutlichtanlage überhaupt. Die erhellte am Silvestertag 1949 den 2:0-Sieg der SG Friedrichstadt über eine DDR-Auswahl. Bei den Dresdnern war der damals 43-jährige Richard Hofmann eingewechselt worden – die Verabschiedung einer Legende.

Schreiber gehörte zu den 25.000 Zuschauern. „Die Leute waren neugierig darauf, was da passierte“, erinnert er sich. „Mit heutigen Konstruktionen lässt sich das Flutlicht nicht vergleichen. Da hingen Baustellenlampen an Holzmasten. Wir fanden es hell, es muss aber ziemlich duster gewesen sein. Wir waren damals jedoch begeistert.“ Ein halbes Jahr zuvor hatte er das letzte Endspiel um die Ostzonen-Meisterschaft mit 50.000 Zuschauern besucht. Dabei spielte Dresden gar nicht im Finale. Für die Partie Union Halle gegen Fortuna Erfurt waren die Fans in Sonderzügen angereist.

1949 wurde im Steyer-Stadion das Finale der Ostzonen-Meisterschaft ausgetragen.
1949 wurde im Steyer-Stadion das Finale der Ostzonen-Meisterschaft ausgetragen. © picture alliance / ZB | Berliner Verlag/Archiv

Noch mehr lockte die als Skandalspiel in der Fußballgeschichte betitelte entscheidende Begegnung am letzten Oberliga-Spieltag der SG Friedrichstadt gegen Horch Zwickau am 16. April 1950. Insgesamt 60.000 Zuschauer sahen strittige Schiedsrichter-Entscheidungen bei der 1:5-Niederlage der Dresdner. Der DSC-Nachfolger galt als bürgerlicher Verein, die Zwickauer als Betriebssportler. „Auf der Steintribüne saß Polit-Prominenz aus Berlin und Dresden mit Ulbricht, Dieckmann und Seydewitz“, berichtet Schreiber – und wie die offenbar Partei ergriffen für den Arbeitersport. „Die Stimmung im Stadion wirkte angespannt. Ich stand damals unter Zwickauer Fans. Die schrien irgendwann ,Hei o ho, Dresden ist k. o.‘. Das war bitter für mich. Danach gab es Krawalle vor dem Stadion.“

Friedlicher ging es bei der Friedensfahrt zu. Als Dresden 1955 erstmals Etappenort war, zog es 60.000 Menschen ins Steyer-Stadion. „Da möchte man vorher alles geklärt haben“, spielt Karl Schreiber augenzwinkernd auf schwierige Toilettengänge an. „Dicht an dicht standen alle auf den Rängen, da war kein Durchkommen. Ich sah, wie sich Zuschauer-Wellen wie echte Wellen bis zur Absperrung runter bewegten. Dort soll es Rippenbrüche gegeben haben. Wellenbrecher wurden erst später eingebaut.“ Alle seien auf „Täve“ fixiert gewesen. Radsport-Idol Gustav-Adolf Schur, der am Ende tatsächlich erstmals die Gesamtwertung gewann, war auf der Ostra-Allee gestürzt und kam als 14. ins Ziel.

Der Zweitplatzierte Emil Reinecke startete im DDR-Team und war dort einer von zwei Westdeutschen. Der Niedersachse stand an einem denkwürdigen Tag auf dem Podest, am 8. Mai. „Ein riesiges Porträt von DDR-Präsident Wilhelm Pieck über den Zuschauer-Rängen konnte niemand übersehen“, sagt Augenzeuge Schreiber. „Genau zehn Jahre nach Kriegsende wurden viele Reden gehalten, und es war aber auch ein Volksfest. Tausende blieben noch Stunden nach dem Sprint um den Etappensieg im Stadion, bis die Letzten das Ziel erreichten. Die Inder wurden lautstark gefeiert. Die Friedensfahrt begeisterte die Menschen in der DDR. Die Fanfarenklänge, die Kommentare von Heinz-Florian Oertel, der Begleit-Hubschrauber – daran erinnere ich mich gern. Schade, dass mit der Wende Schluss mit der Friedensfahrt war“, meint Schreiber.

Das Steyer-Stadion hatte im Zweiten Weltkrieg allerdings eine verhängnisvolle Bedeutung: Es diente als Orientierung bei den anglo-amerikanischen Bombenangriffen am 13. Februar 1945. „Die Ziel- und Leuchtbombe ging dort nieder“, sagt Schreiber, der die Bombennächte im Keller seines Elternhauses in Dresden-Strehlen erlebte und noch weiß, wie die Erde unter ihm bebte. „Uns hat Lies Krüger erzählt, dass im Gelände des Ostra-Geheges am Steyer-Stadion 17 Bomben eingeschlagen sind. Das Stadion selbst blieb von schweren Kriegsschäden verschont.“

Krüger, die Speerwurf-Olympiazweite von 1936, war sportlich vielseitig, spielte Tennis, Handball und Hockey. Da lernte sie Schreiber kennen, der im Herbst 1950 bei der BSG Lok Dresden mit Hockey begonnen hatte. Ein Mitschüler nahm ihn mit zum Sportplatz in Strehlen. Es blieb seine Sportart – als Stammspieler bis zur Oberliga, Mannschaftskapitän, Schiedsrichter, 48 Jahre als Sektionsleiter von 1964 bis 2012.Als Pressewart ist er immer noch aktiv, gibt seit 1990 das monatlich erscheinende „Bläddl“ für seine Hockeyabteilung heraus, das man heute wohl als Newsletter bezeichnen würde. „Als in Wendezeiten das Mitteilungsblatt unseres Sportvereins eingestellt wurde, sich eine Stimmung breitmachte, es würde im Sport alles den Bach runtergehen, da dachte ich mir: Man muss unsere Mitglieder weiter informieren und mobilisieren“, sagt Schreiber.

Fußball war mal die Zugnummer

Dabei hat er sich damit abgefunden, dass Hockey zu den Randsportarten gehört. Aber auch die schafften es ins Heinz-Steyer-Stadion. „Vor dem Skandalfinale Friedrichstadt gegen Zwickau gab es ein Frauen-Hockey-Spiel im Rahmenprogramm. So etwas kann man sich leider in der heutigen Zeit gar nicht mehr vorstellen“, weiß Schreiber. Ansonsten agierten die Hockeyspieler auf den Nebenplätzen im Ostra-Gehege.

Im Stadion waren einst Fußballer die große Zugnummer: erst die DSC-Elf, dann Friedrichstadt. Es folgte die SG Deutsche Volkspolizei Dresden und SG Dynamo Dresden. Selbst Dynamos Europacup-Premiere 1967 gegen die Glasgow Rangers sahen 38.000 Fans im Steyer-Stadion – obwohl es bereits 1957 den Umzug ins Rudolf-Harbig-Stadion gegeben hatte. Die Leichtathleten waren beim Ringtausch den entgegengesetzten Weg gegangen. 1954 und 1959 stieg das Finale im FDGB-Pokal in Sichtweite der Yenidze. Die DFB-Auswahl hatte im November 1941 das letzte ihrer vier Stadion-Auftritte im Ostra-Gehege, die DDR-Elf bestritt dort ebenfalls vier Länderspiele.

Aber nicht nur Fußballer spielten im Innenraum. So trugen die Handballerinnen das Finale um die DDR-Meisterschaft 1961 auf dem Großfeld vor 12.000 Zuschauern im Steyer-Stadion aus, 1963 und 1965 auch die Männer. Exotisch mutet der Auftritt der Sportangler an, die 1961 ihre Weltmeister im Stadion nahe der Elbe ermittelten. „Wir haben uns damals einerseits etwas lustig über das Trockenangeln gemacht“, erzählt Schreiber, fügt aber sofort hinzu: „Doch es war eine WM, das machte einen stolz, dass die DDR so ein Ereignis ausrichten durfte. Es gab sogar zwei Sonderbriefmarken. Ich hörte, dass damals scharenweise Kinder ins Stadion geschickt wurden, damit wir uns nicht blamierten mit leeren Rängen.“ Die Serien-Siegerin Helga Wischer gewann damals mit drei Weltrekorden.

1979 gewann Marlies Oelsner (später Göhr) in 10,97 Sekunden den 100-Meter-Sprint beim Olympischen Tag.
1979 gewann Marlies Oelsner (später Göhr) in 10,97 Sekunden den 100-Meter-Sprint beim Olympischen Tag. © picture alliance/ZB/Ulrich Hässler

Noch mehr kam das Steyer-Stadion aber durch die 13 Weltrekorde in der Leichtathletik in die weltweiten Schlagzeilen, aufgestellt von den DDR-Frauen nach 1972, als das Stadion eine Tartanbahn erhalten hatte. Die Sprinterinnen Renate Stecher und Marlies Göhr, die Weitspringerin Heike Drechsler und Speerwerferin Ruth Fuchs, die Hürdenläuferin Annelie Erhardt und Hochspringerin Rosemarie Ackermann glänzten teils mehrfach mit Bestmarken. „Bei der Leichtathletik war immer viel los“, schwärmt. Das zog die Leute an, die Stimmung imponierte auch den Athleten bei den sechs DDR-Meisterschaften, den Goldenen Ovals, den Länderkämpfen. Dresden galt mal als Leichtathletik-Hochburg. Dort gab es immer viel zu sehen“, sagt Schreiber. Und auch er weiß: Davon ist nicht viel geblieben.

Schreiber verfolgte den Niedergang des Stadions in den vergangenen drei Jahrzehnten: „Da wurde viel geredet, jetzt geht es endlich los mit einer Runderneuerung.“ Aber der Weg zurück zur wirklichen Sportstadt ist in Dresden noch weit. „Da reicht es nicht, sich mal um eine deutsche Meisterschaft in der Leichtathletik zu bewerben“, meint der einstige Bauingenieur. „So ein Stadion lebt erst richtig durch viele Angebote. Gut, dass es die American Footballer gibt. Aber ich sehe im Moment Dresden eher als eine Fußballstadt. Vielleicht ist es inzwischen schwer, den heutigen Profisport mit den einstigen Zugnummern zu vergleichen. Die Zeiten ändern sich“, sagt Schreiber.

Und doch glaubt der Optimist weiter an den Sport. Allein schon, weil das Vereinsleben beim Hockey im ESV Dresden funktioniert. Es bleibt für ihn eine ewige Liebe.