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Olympia 2022: Anna Seidels Wettlauf gegen die Zeit

Deutschlands beste Shorttrackerin steht nach einem schweren Sturz unter Druck. Schon in fünf Monaten ist Olympia. Wie die Dresdnerin um ihr Peking-Ticket kämpft.

Zuversicht oder Skepsis? Offensichtlich ist das bei Anna Seidel nicht.
Zuversicht oder Skepsis? Offensichtlich ist das bei Anna Seidel nicht. © kairospress

Dresden. Ihr Lächeln wirkt derzeit etwas angestrengt. Anna Seidel müht sich jeden Tag, einen Fortschritt zu erkennen – oder zu erarbeiten. Deutschlands mit Abstand beste und erfolgreichste Shorttrackerin kommt in kleineren Schritten voran als erhofft.

Nach einem Trainingssturz vor der Weltmeisterschaft Anfang März dieses Jahres ließ die Diagnose schon nichts Gutes erahnen. Schien- und Wadenbeinbruch im rechten Bein.

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Jeder, der Seidel kennt, erkundigt sich logischerweise zuallererst nach deren Gesundheitszustand. Beim Sportlerempfang der Stadt Dresden am vergangenen Montag ballte sich das Aufkommen. „Ich merke da schon, dass die Stimmung auch wieder ein bisschen runtergeht“, sagt sie. Die 23-Jährige wisse selbst schon nicht mehr so genau, was sie darauf antworten soll.

Denn ursprünglich stellten ihr die behandelnden Ärzte eine Genesungsprognose von drei Monaten in Aussicht. Nach nun bereits fünf Monaten nagt die Ungewissheit immer noch an der jungen Frau. „An sich geht es mir gut, es geht vorwärts. Ich trainiere noch nicht das, was ich am liebsten schon trainieren würde. Da ist man natürlich ein bisschen unzufrieden“, sagt sie. Die Wundheilung sei sehr gut verlaufen. „Innerlich ist der Knochen aber nicht so zusammengewachsen wie gewünscht. Ich weiß nicht wirklich, woran das genau liegt“, sagt Seidel.

Dem Zeitplan hängt Seidel hinterher

Ihre Befürchtungen, Ängste und Sorgen arbeitete sie mit zwei Sportpsychologen auf, teilte sie mit dem engsten Familien- und Freundeskreis – auch mit ihrem neuen Partner. Seidel ist eine, die sich nicht verkriecht, sondern der Gespräche helfen. Auch, um selbst reifer und reflektierter zu werden. „Es ist nicht mehr so selbstverständlich, dass man gesund trainieren kann“, sagt sie.

In der Hauptfiliale ihres Sponsors Red Bull wurde in Fuschl am See sogar Seidels Knochendichte untersucht. „Die Werte waren gut“, erklärt die Dresdnerin, die auch zwei unterstützende Therapien absolvierte. Die Ergebnisse blieben übersichtlich. Seidel hinkt ihrem Zeitplan hinterher.

Ihr Start bei den Qlympischen Winterspielen in Peking (4. bis 20. Februar 2022) ist fraglicher denn je. Vielmehr die Qualifikation dafür. Denn die beginnt bereits Ende Oktober mit dem Weltcup-Start in Peking. Direkt darauf folgt ein Weltcup im japanischen Nagoya, im November kehrt der Shorttrack-Tross zu den Wettkämpfen in Europa ein: nach Debrecen und Dordrecht.

Dass Seidel bei allen vier Weltcups starten kann, ist der Plan. Ob der aufgeht, kann niemand seriös beantworten. Selbst Anna Seidel nicht. Ein aktuelles Röntgenbild Ende September soll Aufschluss geben, ob der Heilungsprozess abgeschlossen ist.

„Bisher hält der operierte Fuß den Belastungen stand“, sagt sie. Allerdings werden die nur sehr dezent gesteigert, wenn überhaupt. Das entscheidet Seidels Körpergefühl von Tag zu Tag neu. „Ich kann zufrieden sein, dass ich überhaupt wieder auf das Eis kann.“ Dort trainiert sie noch überwiegend mit den deutschen Junioren – wegen des geringeren Tempos und der kleineren Belastung. „Ich habe voll Spaß und es ist schmerzfreier als auf dem Land. Natürlich ist alles noch etwas wackelig und unrund, aber es wird immer besser“, sagt sie. In der kommenden Woche will Seidel phasenweise wieder beim Training der Nationalmannschaft mitmischen.

Titanplatten reiben an der Haut

Wenn denn der rechte Fuß mitmacht. Die beiden verschraubten Titanplatten knapp oberhalb des Knöchels, mit denen die Knochen wieder in ihren ursprünglichen Zustand versetzt werden sollen, stören Seidel beim Gehen. Das Metall reibt innen an der Haut. „Da ist ja nicht so viel Fleisch“, erklärt sie, „deswegen spüre ich die Platten beim Gehen sehr stark. Auf dem Eis, wo die Belastung mehr über die Ferse läuft, habe ich kaum Schmerzen.“

Die Platten sollen im März 2022 entfernt werden. Nach Olympia also. Für die Spiele hatte Anna Seidel eigentlich große Pläne. Im Frühjahr gewann sie bei der EM noch drei Medaillen – Silber doppelt und Bronze. So ein Coup war zuvor noch nie einer deutschen Shorttrackerin gelungen. Seidel war in der besten Form ihres Lebens. Logisch, dass sie dieses Level erreichen will.

Ob das bis Peking gelingt? Es läuft auf einen Wettlauf gegen die Zeit hinaus. Die internationalen Kriterien klingen machbar: Da muss sie auf einer der drei Strecken unter die Top 32 (500 und 1.000 Meter) oder Top 36 (1.500 Meter) laufen. Die Kriterien der Deutschen Eisschnelllauf- und Shorttrack-Gemeinschaft (DESG) für ein Peking-Ticket sind viel härter: Bei Weltcups ein Mal unter die Top acht oder zwei Mal unter die besten 15 – pro Strecke.

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Fühlt sich Seidel deshalb gezwungen, bei allen Weltcups zu starten? „Irgendwie schon. Wir brauchen die drei besten Weltcups für die Quali. Das muss dann so sein“, sagt sie trotzig. „Mir bleibt nichts anderes übrig, die Weltcups werden nicht für mich verschoben. Ich wünsche mir sehr, dass alles aufgeht, aber ich kann nichts versprechen.“

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