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So funktioniert jetzt der Fußball an der Basis

Wie werden Corona-Regeln dort umgesetzt, wo kaum einer hinsieht? Eine Reportage aus der achten Fußball-Liga in Dresden.

Sebastian Reichelt (l.) vom SV Helios im Duell mit dem Loschwitzer Kay Prüfer.
Sebastian Reichelt (l.) vom SV Helios im Duell mit dem Loschwitzer Kay Prüfer. © Jürgen Lösel

Dresden. Der Profifußball muss mit massiven Einschränkungen während der Corona-Pandemie leben. Oder zumindest dessen Anhänger. Denn die meisten, die es wollen, dürfen vorerst nicht in die Stadien. Aber wie ist das eigentlich im kleinen Fußball – ganz am Rand der öffentlichen Aufmerksamkeit? Erleben die Vereine ebenfalls tiefe Einschnitte – oder läuft vieles ähnlich wie vor der Corona-Krise? Ein Erlebnis-Bericht führt die SZ auf den idyllisch gelegenen Fußballplatz direkt unterhalb des Blauen Wunders, wo der SV Loschwitz spielt. Der Aufsteiger zur Stadtoberliga trifft zum Auftakt auf den SV Helios.

Und Corona ist zumindest vor dem Spiel allgegenwärtig. Ein entsprechendes Schreiben hat der Eigenbetrieb Sportstätten Dresden an alle Fußball- und Mehrspartenvereine mit langfristigen Mietverträgen versendet. „Bitte beachten Sie bei Ihren Planungen, dass Ihr Verein dafür Gewähr zu tragen hat, dass die Sächsische Corona-Schutz-Verordnung inkl. der Hygienevorschriften aus der dazugehörigen Allgemeinverfügung sowie das von Ihrem Verein erstellte Hygienekonzept vollständig umgesetzt werden“, heißt es da. Auf der Homepage der Stadtverbandes Fußball Dresden finden sich hingegen keine Hinweise oder helfende Verlinkungen.

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Endlich wieder auf dem Sportplatz beieinander: Die älteren Fußball-Semester beim SV Loschwitz. Neu sind die Flatterbänder und Schildchen.
Endlich wieder auf dem Sportplatz beieinander: Die älteren Fußball-Semester beim SV Loschwitz. Neu sind die Flatterbänder und Schildchen. © Jürgen Lösel

Direkt hinter dem Stadiontor wartet an einer zu einem Tisch aufgerüstete Feuertonne der Einlass. Ein mit einer neongelben Weste als Ordner gekennzeichneter freundlicher junger Mann bittet um den Namen und die Telefonnummer. Könnte man sich ausdenken, muss man aber nicht. Ein Personalausweis oder anderweitiges Dokument wird jedenfalls nicht verlangt. Drei Euro später ist man im Besitz einer blaugrauen Eintrittskarte von der Größe einer Essensmarke aus den 1980er-Jahren. Der Weg zum Vereinshaus führt zwar Richtung Bratwurststand, aber in die Irre. „Wenn Sie ans Spielfeld wollen, dann immer an den Absperrbändern entlang, das ist eine Einbahnstraße“, erklärt ein weiterer Ordner. Hätte man auch sehen können. Die Anzahl der ehrenamtlichen Sicherheitshüter hat der Verein deutlich erhöht.

Zur Begrüßung ein KüsschenDurch die weiß-roten Absperrbänder entsteht tatsächlich ein simples, aber nachvollziehbares Einbahnstraßensystem. Zusätzlich gibt es kleine Schilder wie im Straßenverkehr, nur die Farbe fehlt. Der Weg hinter die Trainerbänke ist geschafft, der Mindestabstand bis dorthin kein Problem.

Hinter den Auswechselbänken hat der SV Loschwitz eine kleine Sitzecke für die eingefleischtesten unter den Anhängern installiert – allerdings schon vor Corona. 26 Menschen fänden dort auf drei Reihen einen Platz, voll belegt sind die Plastikschalen aber nie. Man kennt sich hier. Eine Begrüßung mit Handschlag und/oder Küsschen rechts, Küsschen links ist hier keine Ausnahme, aber auch nicht die Regel. Das Risiko trägt jeder selbst.

Helios-Mann durch und durch: Mannschaftsleiter Thomas Nych trägt eine Vereins-Maske.
Helios-Mann durch und durch: Mannschaftsleiter Thomas Nych trägt eine Vereins-Maske. © Jürgen Lösel

An der Gästebank lehnt sich Mannschaftsleiter Thomas Nych ganz bequem an die Kunststofffassade. Er ist offensichtlich der Einzige, der sich an beiden Trainerbänken an die Auflage gebunden fühlt, einen Mund-Nasen-Schutz zu tragen, wenn der Sicherheitsabstand von anderthalb Metern nicht eingehalten werden kann. „Thomsen, ist dir schlecht“, fragt ein Helios-Fan süffisant in Richtung des Mannschaftsleiters. Ob der hinter seiner Maske gequält oder erheitert lächelt, ist nicht zu erkennen.

Das Spiel nimmt seinen normalen Lauf. Der Außenseiter und Gastgeber geht mit einer 1:0-Führung in die Kabine. In den übersichtlichen Umkleiden sollen sich eigentlich nur sechs Menschen gleichzeitig aufhalten – aber wie soll das in der Praxis funktionieren? Ein Auswechselspieler der Hausherren erleichtert sich derweil in der Pause kurzerhand an einem Gebüsch. Einige Zuschauer bevorzugen hingegen den Weg – natürlich auf der Einbahnstraße – in Richtung Vereinsgebäude.

Die Toiletten dort sind eng. Drei Steh-Urinale knapp 50 Zentimeter nebeneinander – darüber jeweils per Schild der hilfreiche Hinweis: „Bitte nicht daneben zielen“. Zwei verschließbare Sitzbereiche sind unbesetzt. Das Waschbecken ist klein, aus einem Handspender träufelt auf Druck Flüssigseife heraus. An den elektrischen Handtrockner kommt man aber nur heran, wenn man den Typen am linken Steh--Urinal bedrängt. Das kann keiner wollen. Also Rücksicht nehmen, warten. Ein Mund-Nasen-Schutz wäre hier auch aus anderem Grund zu empfehlen. Dafür ist das kleine Fenster immerhin angekippt.Helfen oder Sicherheit einhalten?

Bei den Gästen des SV Helios sollten sich die Mienen erst im Laufe der zweiten Halbzeit aufhellen.
Bei den Gästen des SV Helios sollten sich die Mienen erst im Laufe der zweiten Halbzeit aufhellen. © Jürgen Lösel

Die Partie in der achthöchsten Fußball-Spielklasse geht in die zweite Hälfte. Eigentlich kein unfaires Spiel. Dennoch verteilt Schiedsrichter Christoph Preubisch-Teichmann insgesamt acht gelbe Karten. Dennoch: Liegt ein Gegenspieler verletzt am Boden, reicht meist ein Kontrahent die Hand zum Aufstehen. Ist das unter derzeitigen Bedingungen schon leichtsinnig oder einfach nur fair, respektvoll? Wer will das bewerten? Andererseits verzichten beide Mannschaften und die Schiedsrichter vor dem Spiel auf das übliche Begrüßungsprozedere. Die Hand reichen fällt aus. Ist aber später vergessen – oder geschenkt.

Die favorisierten Gäste drehen die Partie noch zum verdienten 2:1-Sieg aus ihrer Sicht. Richtig unglücklich wirkt keiner der Protagonisten. Jetzt wird fair abgeklatscht, auch mit dem Schiedsrichter-Trio. Offiziell 49 Zuschauer haben das Spiel verfolgt. Für einige davon wird der Auftakt in die Stadtoberliga ein Schritt in Richtung Normalität gewesen sein. Endlich wieder Fußball – und so richtig einschränkend sind die Corona-Maßnahmen nicht.

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