Sport
Merken

Wie diese Radsportfamile einer ungesunden Entwicklung trotzt

Richard Rohrmann führt seinen Enkel Hannes zum deutschen Rad-Titel. Eine Geschichte um Materialschlachten und die besondere Energie der Familie.

Von Alexander Hiller
 5 Min.
Teilen
Folgen
Hannes Rohrmann und sein Opa Reinhard. Beide wohnen in Wallroda Haus an Haus.
Hannes Rohrmann und sein Opa Reinhard. Beide wohnen in Wallroda Haus an Haus. © Jürgen Lösel

Wallroda. Die Konstellation ist eine ungewöhnliche. Dresdens größtes Radsport-Talent schwört auf einen riesigen Erfahrungsschatz: den seines Großvaters. Hannes Rohrmann ergatterte sich vor knapp sechs Wochen mit dem Bahnvierer des Landesverbandes Sachsen den deutschen Meistertitel in der U17 in der Mannschaftsverfolgung. Der 16-Jährige vom Dresdner SC vervollständigte den Triumph mit Bronze in der Einzelverfolgung.

Immer an seiner Seite: Opa Reinhard Rohrmann, der den Enkel im Verein gemeinsam mit Landestrainer Roland Hempel betreut. „Ich habe in meiner Jugend Radrennsport gemacht“, sagt Reinhard Rohrmann. Ende der 1960er-Jahre bis Anfang der 1970er-Jahre zählte bei der ISG Hagenwerder zu den aussichtsreichsten Talenten, startete bei einigen DDR-Nachwuchsmeisterschaften.

„Ich habe in Zittau studiert, bin dann zur Armee eingezogen worden, da war es mit der Radkarriere aber schon vorbei. So weit, dass ich mal ein Großer geworden wäre, hätte es bei mir eh nicht gereicht“, sagt der heute 75-Jährige, der bei seinem Dienst für die Nationale Volksarmee (NVA) deshalb auch ein Angebot des Armeesportklubs (ASK) Frankfurt/Oder ausschlug. „Da hatte ich keinen Bock mehr auf Radsport, hatte meinen Ingenieur frisch in der Tasche und war verheiratet.“

Bruder Armin ist Familie wichtiger

Er baute in Wallroda bei Arnsdorf ein Haus, seine Tochter zog irgendwann ins Nebenhaus. „Entweder findest du nach dem Eintritt ins Rentenalter noch etwas, mit dem du dich beschäftigen kannst, oder du guckst halt mit dem Kissen aus dem Fenster“, sagt Reinhard Rohrmann. Er hat ein sehr angenehmes Beschäftigungsfeld gefunden. Seine Enkel Armin und Hannes teilen oder teilten mit ihm die Leidenschaft für den Radrennsport. Der 22-jährige Armin hat nach respektablen Erfolgen für den DSC, den SC DHfK Leipzig und den SSV Heidenau seine berufliche Karriere und das eigene familiäre Glück vorangestellt.

Anzeige
Die Haut vergisst den Sommer nicht
Die Haut vergisst den Sommer nicht

Herrlicher Sommer am Strand, so sind für die meisten die perfekten Ferien. Aber auch für die Haut? Sonnenbrand ist ein gefährlicher Begleiter des tollen Wetters.

Bruder Hannes übernahm das komplette Rädersortiment von seinem Bruder und ist seither deutschlandweit sowohl auf der Bahn als auch auf der Straße ein geschätzter Konkurrent. „Armin war natürlich ein Vorbild, Opa hat mich da mal mit eingesackt zum Training“, erzählt Hannes. Der 16-Jährige ist vielleicht noch eine Spur talentierter als sein Bruder, ehrgeiziger. „Seit der U13 habe ich eigentlich jeden Tag trainiert“, sagt er und klingt stolz. Die Erfolge geben ihm recht, Auftrieb und Motivation.

Obgleich die Rohrmanns sich teilweise vorkommen, als würden sie mit Kanonen auf Spatzen schießen. In einer Schlacht. Einer Materialschlacht. Denn die tobt im Radrennsport bereits in den Jugendklassen – sagen Enkel und Opa unisono. Während Reinhard Rohrmann die gebrauchten Räder pflegt, Ketten fettet und Schrauben festzieht, sind Teile der Konkurrenz auf Hightech-Produkten unterwegs. „Die holen da Fahrräder raus, die stehen denen in der Tour in nichts nach“, sagt Reinhard Rohrmann und meint natürlich das berühmteste Radrennen der Welt – die Tour de France.

Eine ungesunde Entwicklung

„Ich halte die Entwicklung für nicht gesund, weil sie nicht förderlich ist. Für ein halbwegs vernünftiges Straßenrennrad in seiner Altersklasse“, sagt Opa Rohrmann und deutet auf seinen Enkel, „liegt man mit 2.500 Euro an der unteren Grenze. Das ist eine Schlacht, die kann man nur verlieren. Dann ist es halt nichts mehr für jeden. Die Chancengleichheit ist dann dahin“, moniert Rohrmann senior. Nur die Übersetzungen sind in den Jugend-Altersklassen bis zur U19 noch beschränkt. Die Rohrmanns setzen auf Schnäppchen bei Ebay – oder ihren besonderen Zusammenhalt.

Denn dass Hannes Rohrmann für den DSC fährt, steht so auf dem Papier. Eigentlich dreht das Generationen-Duo rund um Arnsdorf seine eigenen Trainingskilometer – nach den Trainingsplänen des Genthiner Meistertrainers Wolfgang Fischbach. „Den haben wir angebohrt, ob er sich in der Rente nicht fürchterlich langweilt“, verrät Reinhard Rohrmann schelmisch grinsend.

Der 75-Jährige ist dabei für seinen Enkel Trainer-Assistent, Mechaniker, Organisator, Manager, Fotograf und Logistiker in einer Person. „Vor einem Wettkampf gehe ich eher ins Bett und Opa schraubt noch am Fahrrad“, sagt Hannes anerkennend und dankbar zugleich. In einer Mini-Trainingsgruppe mit Klubkollege Eric Ansorge, deutscher U15-Meister 2021 mit dem Bahnvierer, drehen sie zwischen Arnsdorf, Ottendorf-Okrilla, Königsbrück und Ortrand ihre Runden.

Wohnzimmer wird zum Fitnessparcours

„Da gibt es viele schöne, ruhige Strecken“, sagt Reinhard Rohrmann, und sein Enkel verrät: „Opa fährt mit dem Auto hinter uns und befestigt dafür immer ein Schild auf dem Autodach: Achtung, Radfahrer!“ Für die Wintermonate hat Reinhard Rohrmann sein Wohnzimmer zum Fitness- und Kraftparcours umgestaltet. „Das funktioniert nur, weil ich seit neun Jahren Witwer bin, meine Frau hätte das nie zugelassen“, vermutet er.

Auf 13 Kraftkreis-Stationen und zwei Rollenmaschinen können sich Hannes und Eric Ansorge austoben und wollen das auch. „Ich muss ihn nicht zum Training prügeln, sondern er steht im Gegenteil auf der Matte und fragt: Wann geht es los?“

Der gebürtige Dresdner bestätigt das schmunzelnd und nickend. Der deutsche U17-Meister steht jetzt aber vor einer neuen Herausforderung. Die 1,81 Meter große und 73 Kilogramm schwere Radhoffnung beginnt heute eine dreieinhalbjährige Lehre in Dresden-Weißig als Konstruktionsmechaniker in der Fachrichtung Metall. „Wir müssen uns neu sortieren“, umschreibt Reinhard Rohrmann seine Erfahrung: „Nicht alle, die in der Jugend große Leuchten waren, werden auch Profis“, sagt er. Durchaus möglich, dass die besondere familiäre Rennrad-Konstellation auch dafür eine Lösung findet.