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Wie hart darf das Training im Nachwuchs sein?

Nicht nur im Turnen wird aufs Gewicht geachtet. Wie läuft es bei Wasserspringern, Eiskunstläufern und Sportakrobaten? Eine Nachfrage in Dresden und Riesa.

Julia Feist arbeitet seit 2016 als Trainerin am Bundesstützpunkt der Wasserspringer in Dresden, wo früher ihre Karriere als Brettspringerin auch begann.
Julia Feist arbeitet seit 2016 als Trainerin am Bundesstützpunkt der Wasserspringer in Dresden, wo früher ihre Karriere als Brettspringerin auch begann. © Foto: Matthias Rietschel

Dresden. Die juristische Aufarbeitung des Falls hat längst begonnen, genauso wie die öffentliche Diskussion. Die Vorwürfe der Ex-Weltmeisterin Pauline Schäfer und weiterer Turnerinnen gegen die Chemnitzer Trainerin Gabriele Frehse könnten auch eine Debatte darüber auslösen, was im Leistungssport erlaubt sein darf und was nicht. Schäfer hatte von permanenten mentalen Erniedrigungen gesprochen, von Training über die Schmerzgrenze hinaus und der Verabreichung von Medikamenten ohne Rücksprache mit einem Arzt.

Ob diese Vorwürfe stimmen, wird nun geprüft, Frehse bestreitet sie. Unabhängig vom Ausgang stellt sich die Frage, wie eigentlich trainiert wird in Sportarten, in denen Kinder schon im frühen Alter beginnen und sehr viel Zeit in den Hallen verbringen. Und bei denen das Körpergewicht eine gewichtige Rolle spielt. Das trifft eben nicht nur aufs Turnen zu. Wie also sieht es aus bei den Wasserspringern und Eiskunstläufern in Dresden sowie den Sportakrobaten in Riesa?

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Julia Feist hat die Berichterstattung über den Fall Frehse intensiv verfolgt. Bewerten möchte ihn die Wassersprung-Trainerin nicht, zumindest nicht öffentlich. Das Thema sei ein sehr sensibles, findet sie. Doch die 31-Jährige kann Vergleiche ziehen zu ihrer eigenen Karriere, die sie 2014 nach einem komplizierten Armbruch beenden musste. Und sie kann erklären, wie sie mit ihren neun Schützlingen zwischen 13 und 17 Jahren umgeht.

Lea Johanna Dastich ist die derzeit beste Eiskunstläuferin des Dresdner Eislauf-Clubs. Die 20-Jährige startete schon bei der EM, ist derzeit aber verletzt.
Lea Johanna Dastich ist die derzeit beste Eiskunstläuferin des Dresdner Eislauf-Clubs. Die 20-Jährige startete schon bei der EM, ist derzeit aber verletzt. © dpa/Fabian Sommer

Die ersten Hüpfer vom Beckenrand machen die Mädchen und Jungen, wenn sie vier oder fünf sind, in der Froschgruppe. Bereits im Alter von zehn Jahren stehen dann acht Einheiten pro Woche im Trainingsplan. „Wir sagen den Eltern schon sehr früh und sehr offen, dass wir hier Leistungssport betreiben“, erklärt Feist. „Und das Leistungssport kein Zuckerschlecken ist.“ Die Kommunikation mit den Müttern und Vätern sei wichtig. Am Anfang des Schuljahres gibt es Elternabende, hinzu kommen Halbjahres- und „bei Bedarf Einzelgespräche“.

Beim Training allerdings dürfen die Eltern nur einmal im Monat zuschauen. „Das machen wir nicht, weil wir irgendwas verheimlichen wollen, sondern weil die Kinder sonst abgelenkt sind“, betont sie. Wenn die jungen Springer auf dem Brett stehen und erst mal winken, fördere das nicht gerade die Konzentration.

Die Sportakrobaten des SC Riesa, die regelmäßig Erfolge bei Europa- und Weltmeisterschaften feiern, wollen so transparent wie möglich sein. Die Einheiten seien immer öffentlich, erklärt Vizepräsident Sebastian Lohse schriftlich auf eine SZ-Anfrage. „Jeder kann sich jederzeit von Quantität und Qualität unseres Trainingskonzeptes überzeugen – natürlich auch unangekündigt.“ Präventiv werden Konzepte in Zusammenarbeit mit dem Kreis- und Landessportbund erarbeitet und umgesetzt.

„Dazu gehören regelmäßige Schulungen der Trainer. Außerdem gibt es im Verein ausgewiesene Ansprechpartner für Kinderschutz“, so Lohse. Und es wurde eine Vortragsreihe „zu diesem Thema mit interessante Referenten“ gestartet. Bis diese von Corona vorerst ausgebremst wurde.

Auf einen vereinseigenen Kinderschutzkodex verweist auch Andreas Hiller, Vorsitzender des Dresdner Eislauf-Clubs. Darin steht, dass kein Druck auf die Sportler ausgeübt werden darf. „Die Frage ist aber: Wo fängt Druck an? Zum Beispiel schon bei der Ansage, dass man zum Training gehen muss? Oder wenn dem Sportler der Körper schmerzt und der Trainer sagt: Spring noch mal?“, fragt Hiller und regt an, eine generelle Diskussion darüber zu führen, wie man mit dem Leistungssport in Deutschland umgehen will.

Aus seiner Sicht funktioniert er nicht ohne Druck. „Natürlich gibt es ihn, etwa, wenn man die Kadernormen schaffen muss, um an der Sportschule bleiben zu dürfen“, erklärt er und appelliert an die Eigenverantwortung der Trainer, feinfühlig damit umzugehen. „Bei uns haben die Eiskunstläufer den Vorteil, dass sie die Gruppe wechseln können, wenn es mit einem Trainer mal nicht so funktionieren sollte.“

Das ist grundsätzlich auch bei den Wasserspringern möglich, doch ein Termin in der Woche bei allen ab Klasse 5 fix: der Gang auf die Waage. „Wir möchten da niemanden gängeln, aber es geht ums Kraft-Last-Verhältnis“, erklärt Feist, die in Leipzig Sport studiert hat. „Je mehr Kilo ich mit mir rumschleppe, desto schwerer fällt es mir, einen Drehmoment auszulösen.“ Und im Wasserspringen geht es darum, innerhalb kurzer Zeit viele Salti und Schrauben zu zeigen. Das bewerten die Punktrichter. „Aber auch die Ästhetik, deshalb ist der Körper das Kapital des Springers“, meint Feist. Sie kennt das von ihrer eigenen Karriere. „Ich musste nach dem Training sehr oft eine Stunde aufs Fahrrad, damit die Waage wieder freundlich ist.“

Sehr selten sei auch Untergewicht ein Problem. Egal ob zu viel oder zu wenig – in solchen Fällen informiert sie die Eltern und empfiehlt ein Gespräch mit der Ernährungsberaterin vom Olympiastützpunkt Dresden-Chemnitz. Auch beim Sportpsychologen, dem Sportwissenschaftler und dem Laufbahnberater greifen die Wasserspringer auf den OSP zurück.

Vorwürfe gegen die Methoden der Chemnitzer Turn-Trainerin Gabriele Frehse hatten die Diskussion um die Praktiken im Leistungssport losgetreten.
Vorwürfe gegen die Methoden der Chemnitzer Turn-Trainerin Gabriele Frehse hatten die Diskussion um die Praktiken im Leistungssport losgetreten. © Foto: dpa/Catalin Soare

Nötig ist dies etwa, wenn es um das Erlernen neuer Sprünge und Schwierigkeiten geht und die Athleten sich nicht trauen, eine Blockade aufbauen. „Wir gehen da immer ganz behutsam und Schritt für Schritt vor. Aber wenn es partout nicht klappt, schalten wir schon mal den Psychologen ein“, schildert Feist.

Das Verabreichen von Medikamenten ist absolut tabu, versichert sie. „Das machen wir grundsätzlich nicht, selbst bei einer Kopfschmerztablette. Wenn ein Kind oder Jugendlicher ein Mittel braucht, etwa weil es unter Asthma leidet, dann geht es nur mit Zustimmung der Eltern.“ Bei den Eiskunstläufern sei das einzige Medikament, was sie bekämen, ein Kühlpad, versichert Hiller. „Wenn sonst etwas nötig sein sollte, läuft das nur über die Eltern.“

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Julia Feist sorgt sich bei der Diskussion um den Fall Frehse vor allem um einen Punkt: Dass er Eltern abschreckt und sie abhält, ihre talentierten Kinder bei einem Verein oder Stützpunkt anzumelden. „Natürlich macht das Training nicht immer Spaß und natürlich ist der Ton auch mal härter. Aber ich selbst habe mich als Sportlerin nie angegriffen gefühlt“, erzählt sie. Das tägliche Üben, das Durchbeißen, die Niederlagen und die Erfolge würden einen Menschen prägen – und das positiv. Auch das gehöre zu einer sensiblen Debatte über den Leistungssport dazu, findet sie.

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