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Handball-WM in Ägypten - die Sorgen eines Dresdner Profis

Marek Vančo spielt für Tschechien bei dem umstrittenen Turnier. Über eine Absage hat er lange nachgedacht - und sich dagegen entschieden. Im Interview erklärt er wieso.

Marek Vanco vom HC Elbflorenz Dresden spielt mit Tschechien bei der Handball-WM in Ägypten. Angst hat er nicht.
Marek Vanco vom HC Elbflorenz Dresden spielt mit Tschechien bei der Handball-WM in Ägypten. Angst hat er nicht. © kairospress

Dresden. Während seine Kollegen eine kleine Atempause kommen, geht der Alltag eines Handball-Profis für Marek Vančo ungebremst weiter. Der 31-jährige Tscheche ist der einzige Spieler im Team des Zweitligisten HC Elbflorenz Dresden, der an der nicht unumstrittenen Weltmeisterschaft in Ägypten vom 13. bis 31. Januar teilnimmt. Kurz vor dem WM-Start verlängerte Vančo seinen Vertrag in Dresden bis 2023. "Ich und meine Familie fühlen uns wohl in Dresden. Uns gefällt es hier sehr. Auch handballerisch ist die Mannschaft und der Verein, seit ich hier bin, stetig weiter vorangekommen", begründet Vanco.

Im Interview erklärt der Ehemann und zweifache Familienvater, warum er bei der WM in Afrika unbedingt spielen will – und nicht wie die deutschen Stars Hendrik Pekeler, Finn Lemke oder Patrick Wiencek aus Sicherheitsgründen verzichtet.

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Marek, einige deutsche Stars, meist Familienväter wie Sie, haben ihre WM-Teilnahme abgesagt. Haben Sie das auch in Erwägung gezogen?

Egal, welche Entscheidung man trifft: Ich glaube, beide sind richtig. Ich kann die Kollegen verstehen, die wegen der Familie auf die WM verzichten, die Situation ist halt, wie sie ist – für alle nicht einfach. Andererseits habe ich bis jetzt zweimal eine EM gespielt – 2014 und 2019. Bei einer WM war ich noch nie. Diese Chance wird vielleicht nie wieder kommen, deshalb habe ich mich für die Teilnahme entschieden. Ich freue mich auf das Turnier, trotz aller Umstände. Es ist eine sehr große Ehre, wenn man für sein Land eine EM oder WM spielt.

Und was ist mit der Sorge um Ihre Familie daheim?

Ich war hier mit meiner Familie jetzt ein Jahr zusammen. Meine Familie freut sich, dass sie jetzt etwas Ruhe vor mir hat (lacht). Bei uns ist es so, dass meine Frau mit unseren beiden Töchtern nach Tschechien fährt, zu meinen Eltern und Schwiegereltern. Dass wir uns jetzt einen Monat nicht sehen, das schaffen wir, glaube ich.

Haben Sie sich das Okay von Ihrer Frau geholt?

Ja, ich habe grünes Licht bekommen. Natürlich ist das schwer, unsere Kinder sind noch relativ klein. Vivien ist gerade sechs geworden, Lily viereinhalb. Bei der EM 2019 in Wien war das schon anstrengend, da musste meine Frau Michaela schon Anfang Januar wieder hier arbeiten. In diesem Jahr darf sie in einem Kosmetikstudio coronabedingt noch nicht arbeiten. Deshalb wird die Zeit bei unseren Eltern für die Familie sogar etwas einfacher.

Sie haben mit dem HC Elbflorenz am 30. Dezember noch gegen Eisenach gespielt. Wie sieht Ihr WM-Fahrplan aus?

Ich habe am 31. Dezember noch in Dresden ausgeschlafen, habe gepackt. Die Tasche für die Nationalmannschaft habe ich ziemlich genau vor elf Monaten gesehen. Da musste ich noch reingucken, ob alles drin ist (lacht). Am 1. Januar musste ich im Trainingslager unserer Nationalmannschaft in Pílsen sein. Am 6. und am 9. Januar absolvieren wir noch zwei Qualifikationsspiele für die EM 2022 gegen die Färöer Inseln. Die wurden im November wegen Corona abgesagt, die holen wir jetzt nach. Wir fliegen dann am 12. Januar nach Ägypten, starten dann zwei Tage später gegen Schweden in die WM.

Wie werden in Ägypten die Sicherheits- und Hygienevorkehrungen umgesetzt?

Da habe ich wirklich noch keine Ahnung. Das wird unser Verband schon geregelt haben. Wir mussten uns in Pilsen auch gleich testen lassen. Ich kann mir aber vorstellen, dass Ägypten sehr gut vorbereitet ist. Bei der Präsentation im Sommer sah das sehr professionell aus. Ich hoffe und glaube, dass alles sicher ist und läuft.

Das WM-Teilnehmerfeld ist das größte aller Zeiten. 32 statt wie bisher 24 Mannschaften kämpfen um den Titel. Finden Sie die Aufstockung sinnvoll?

Man hat in den letzten Jahren gesehen, dass die Leistungsdichte viel größer geworden ist. Teams wie Brasilien, Chile oder Argentinien können mittlerweile auch guten Handball spielen. Klar sind da jetzt Mannschaften wie die USA oder Kap Verde dabei, die nicht auf dem Niveau der europäischen Top-Teams spielen. Aber ich finde das gut. Vielleicht wird unsere Sportart dadurch auch noch ein bisschen populärer.

Sind für die WM-Spiele überhaupt Zuschauer zugelassen?

Meine letzte Information dazu lautet: Man wollte bis zu 30 Prozent der Hallen-Kapazität auslasten. Ob das so kommen wird oder nicht, ist schwer zu sagen.

Sie treffen in der Vorrundengruppe auf Schweden, Chile und Gastgeber Ägypten. Wie schätzen Sie die Aufgabe ein?

Schwer, richtig schwer. Ich glaube, das ist die schwierigste Gruppe im Turnier. Ägypten als Gastgeber ist alles zuzutrauen. Bei der U-21-WM vor zwei Jahren ist Ägypten Dritter geworden, da sind viele junge, talentierte Spieler dabei. Chile ist immer für eine Überraschung gut. Schweden ist natürlich der Favorit. Wir wollen auf jeden Fall eine Runde weiterkommen, also müssen wir mindestens ein Spiel gewinnen.

Es gibt nicht wenige Stimmen, die den Sinn einer solchen Groß-Veranstaltung mit 32 Nationen in dieser Zeit infrage stellen. Was sagen Sie?

Das ist schwierig zu beantworten. Wir dürfen in Deutschland noch arbeiten, Handball spielen. Viele andere Leute dürfen das nicht. Wir reisen mit dem Klub quer durch Deutschland hin und her. Das fühlt sich schon komisch und blöd an. Ich habe darauf keine richtige Antwort. Man hat entschieden, diese WM findet statt. Wenn ich als Spieler sage, das ist für mich okay, dann bin ich dabei. Aber ob das richtig oder falsch ist? Das kann ich nicht sagen. Wenn man sieht, dass viele Menschen nicht arbeiten dürfen oder ihre Arbeit sogar verlieren, und wir spielen eine WM mit so vielen Nationen, das ist schon schwierig.

Befürworter des Profi-Sports unter Corona-Einschränkungen argumentieren unter anderem damit, dass man vor dem Virus nicht kapitulieren sollte.

Das ist so. Deshalb finde ich es gut, dass jeder Spieler da frei entscheiden durfte, ob er teilnehmen will oder nicht.Haben in Ihrer Auswahl auch Spieler auf die WM verzichtet?Bei uns war das bislang nur Pavel Horák vom THW Kiel. Aber das kann sich alles so schnell ändern.

Ihre Teamkollegen vom HC Elbflorenz können jetzt einige Tage lang Ihre Akkus wieder aufladen. Hätten Sie auch eine Pause gebraucht?

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Ich möchte keine Pause haben. Wenn du zur Auswahl kommst, machst du genauso mit 100 Prozent oder sogar mit fünf Prozent mehr weiter. Klar wäre eine Pause sinnvoll, aber ich habe mich ja für die WM entschieden, um dort weiter Vollgas zu geben. Ich habe mich mit Trainer Rico Göde abgestimmt, dass ich ein paar Tage freibekomme, wenn ich wieder von der WM zurück bin. Das brauche ich dann auch.

Das Gespräch führte Alexander Hiller.

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