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Ist Dresdens schnellster Sprinter schon olympiareif?

Simon Wulff läuft bei seinem Meistertitel in der U20 Bestzeit – und gerät damit in den Dunstkreis der Tokio-Kandidaten.

Weit größer als der Kleinbus des DSC: Simon Wulff überragt mit 2,02 Metern auch sämtliche deutsche Rivalen.
Weit größer als der Kleinbus des DSC: Simon Wulff überragt mit 2,02 Metern auch sämtliche deutsche Rivalen. © Matthias Rietschel

Der Längste ist er schon. Simon Wulff, stattliche 2,02 Meter hoch, macht sich so langsam auf den Weg, auch sportlich eine echte Größe zu werden. Der Sprinter vom Dresdner SC ist der schnellste Deutsche im U-20-Bereich. Das stellte der Schützling von Stefan Poser bei der Altersklassenmeisterschaft in Heilbronn eindrucksvoll mit einem souveränen Sieg unter Beweis. Bei Windstille spulte er die Strecke in neuer Bestzeit von 10,41 Sekunden ab und verwies die Konkurrenz um knapp zwei Zehntel-Sekunden auf die Plätze. Im Sprint sind das Welten. Wer weiß, wozu ihn etwas stärkere Konkurrenz noch getrieben hätte. „Ein Stückchen schneller wäre vielleicht noch gegangen, aber ich habe mich schon echt beeilt“, sagt er grinsend.

„Es dauert noch zwei, drei, vier Jahre“

Mit diesem neuen persönlichen Bestwert steht Wulff an Position 16 im deutschen Männersprint – allerdings sind nur fünf Sprinter in diesem Jahr unter 10,30 Sekunden gelaufen. Dahinter liegt ein dicht geballter Pulk in etwa auf selbem Niveau. Und Wulff mittendrin. Man könnte ihm unterstellen, dass er bei weiterer phänomenaler Entwicklung sogar ein Anwärter für einen Platz in der 4 x 100-Meter-Staffel für die Olympischen Spiele in Tokio im kommenden Jahr wäre. Dafür werden meist die fünf besten Sprinter nominiert. „Das ist ein bisschen zu weit weg“, wiegelt Wulff ab. „Ich hoffe, dass ich im nächsten Jahr eine Zeit um die 10,30 Sekunden anbieten kann. Aber ich denke, es ist noch zu früh, sich Hoffnungen zu machen“, meint der 19-Jährige, der am 1. Januar 2021 seinen 20. Geburtstag feiert. „Es dauert noch zwei, drei, vier Jahre, bis man auf das Level kommt“, erklärt der gebürtige Dresdner, der in Radebeul aufgewachsen ist, bescheiden.

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Wulff ist jetzt zunächst einmal froh und richtig stolz auf seinen ersten deutschen Meistertitel. Das war ihm zuvor noch nicht gelungen, weil Simon Wulff bislang bei den Jahreshöhepunkten für seine Fehlstarts und eine gewisse Verletzungsanfälligkeit bekannt war. „Jetzt endlich hat es mal ordentlich geklappt“, sagt er. Wobei das nur die halbe Wahrheit ist. Über die doppelte Distanz zählte Wulff tags darauf mindestens zu den Mitfavoriten. Im Halbfinale lag er bis zur Hälfte der Strecke klar in Führung, eine Zerrung im linken Oberschenkel bremste ihn auf dem Weg zum Doppel-Titel jedoch aus. „Ich bin nicht dafür bekannt, dass ich besonders viele Läufe hintereinander machen kann. Ein Auswahlkollege hat mich am Abend vorher schon aus Spaß gefragt, ob ich überhaupt noch zweimal 200 Meter schaffen würde“, erklärt er lachend. „Ich denke, die Zerrung ist durch die Anstrengung am Vortag entstanden. Dabei habe ich mich richtig gut gefühlt“, rätselt der Athlet, der beim SSV Planeta Radebeul seine Karriere begann.

Wulff vermutet, dass seine Sehnen aufgrund seiner ungewöhnlichen Körpergröße auch entsprechend anfälliger sind. „Das kann schon damit zusammenhängen. Ich bin ja nicht der Beweglichste“, erklärt er offen. Auch deshalb hat Trainer Stefan Poser irgendwann entschieden, dem früheren Hürdenläufer die Hindernisse einfach aus dem Weg zu räumen. Keine schlechte Entscheidung, wie sich jetzt zeigt. „Herr Poser hat sicher einen sehr großen Anteil an meiner Entwicklung, er betreut mich jetzt seit vier Jahren und hat mich ein ganzes Stück nach vorn gebracht“, sagt Simon Wulff. Allerdings ist daran auch ein Haken. Eben weil Wulff früher über Hürden sprintete, wurde er in die Trainingsgruppe von Poser eingegliedert. Die Gruppe der Flachsprinter betreut beim DSC die ehemalige Weltklasse-Langsprinterin Claudia Marx. Unter anderem hat sie auch Wulffs Klubkollegen Dominick Wache unter ihren Fittichen, der in Heilbronn Vierter über 100 Meter wurde und über 200 Meter Silber gewann. Die beiden besten DSC-Sprinter trainieren getrennt. Eine skurrile Situation. Aber aufgrund in Teilen unterschiedlicher Auffassungen eben auch reizvoll.

Eine historische Rekordmarke im Blick

Dennoch will der U20-Staffel-Europameister des Vorjahres an der Situation etwas ändern. „Ich hätte es schon gern, wenn wir öfter gemeinsam trainieren können. Wir haben in den letzten Wochen hin und wieder Starts zusammen absolviert. Es wäre gut und wichtig, wenn das öfter passieren würde“, sagt er. Beide könnten von der Konkurrenzsituation profitieren. „Wenn man mal einen schlechten Tag erwischt, ist da einer, der sofort an dir vorbeizieht. Das pusht doch“, denkt Wulff und erwartet dazu in den kommenden Wochen Gespräche. „Die Trainingsgruppen sind über Jahre so gewachsen. An sich steht einem gemeinsamen Training nichts im Weg, da bin ich emotionslos“, sagt Claudia Marx.

Wulff, dessen Eltern nach der Wende von Hamburg nach Dresden zogen, lässt jedenfalls nichts unversucht, um noch schneller zu werden. Gegen seine Verletzungsanfälligkeit trainiert zusätzlich zu den eigentlichen DSC-Einheiten, dazu gehört auch Yoga, noch regelmäßig mit Personalcoach Phillip Schmidt. „Er kann mich individuell so betreuen, dass ich mehr Kraft und Widerstandsfähigkeit habe, das Programm ist exakt auf mich abgestimmt“, erklärt Wulff. Dessen Vater Jörn, Ex-Handballer und jetzt als Holzkaufmann aktiv, kommt für die Privat-Einheiten auf.

Denn sein Sohn verfolgt große Ziele. „Es ist immer noch kein Deutscher unter 10 Sekunden gelaufen, das wäre sicher ein Ziel, was man irgendwann mal angreifen könnte“, sagt Simon Wulff.

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