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Eislöwen: Erst die Kündigung, jetzt Wiedersehen vor Gericht

Thomas Pielmeier war Kapitän der Dresdner Eislöwen, doch nun hat ihn der Verein fristlos entlassen. Es geht um den Gehaltsverzicht wegen Corona.

Thomas Pielmeier ist nicht nur wegen des roten Rauschebartes und seiner Tattoos ein auffälliger Spieler bei den Eislöwen gewesen. Doch nun gibt es Streit.
Thomas Pielmeier ist nicht nur wegen des roten Rauschebartes und seiner Tattoos ein auffälliger Spieler bei den Eislöwen gewesen. Doch nun gibt es Streit. © Thomas Kretschel

Dresden. Es ist ein schwebendes Verfahren. Erst am 9. März 2021 wird vor dem Arbeitsgericht darüber verhandelt, ob es rechtens ist, dass die Dresdner Eislöwen ihrem nun ehemaligen Kapitän fristlos gekündigt haben. Thomas Pielmeier geht davon aus, dass sein im Februar 2019 geschlossener Vertrag bis 31. März 2021 gilt - und der Angreifer würde auch gerne bis dahin für den Eishockey-Zweitligisten spielen.

Das wiederholt der 33 Jahre alte Bayer mehrmals während des Gesprächs mit der SZ. "Es ist nicht so, dass ich zu Hause sitze und mir sage: Ich habe einen Vertrag und lege zufrieden die Füße hoch", meint Pielmeier. "Ich würde sehr gerne für die Eislöwen auflaufen, aber man lässt mich nicht. Man will nicht mehr, dass ich Teil der Mannschaft bin." Stattdessen liegt er mit dem Klub im Rechtsstreit, was auch für ihn "einen faden Beigeschmack" hat, weil "der Verein auch für mich viel getan hat".

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Im Frühjahr 2017 wechselte der Mann mit dem roten Rauschebart als sein Markenzeichen nach Dresden. Vorher hatte der gebürtige Deggendorfer insgesamt 409 Partien in der ersten Liga bestritten, unter anderem für Ingolstadt und Schwenningen. Bei den Eislöwen gehörte er in den vergangenen drei Jahren zu den Stamm- und Führungsspielern, auch wenn seine Trefferquote zuletzt nachgelassen hatte. Das ist jedoch nicht der Grund für die juristisch noch nicht endgültige Trennung.

Maik Walsdorf, Geschäftsführer der Eislöwen, verweist auf die finanziellen Verluste durch die Corona-Pandemie. Es sei bereits im März klar gewesen, dass es im Budget für die nächste Saison Einschnitte geben muss, die Gehälter für die Profis sollten um 20 Prozent gekürzt werden. "Mit allen Spielern - bis auf den einen - haben wir in den Verträgen eine Lösung gefunden", betont der 33 Jahre alte Manager. Lediglich Pielmeier habe signalisiert, dass er auf den bisherigen Konditionen besteht. "Damit war für uns das Vertrauensverhältnis gestört und die Zusammenarbeit mit dem Spieler, der noch dazu Kapitän war, nicht mehr möglich."

"Bereits 2019 auf Geld verzichtet"

Pielmeier schildert den Konflikt anders. Er sei bereit gewesen, auf Gehalt zu verzichten, wenn auf die aufschiebende Bedingung verzichtet worden wäre. Die war allerdings laut Walsdorf eine Vorgabe der Liga. Die neuen Verträge sollten demnach jeweils erst vier Wochen vor dem tatsächlichen Saisonstart in Kraft treten. "In Dresden haben wir das auf sechs Wochen ausgedehnt", sagt der Geschäftsführer. Der Spieler fürchtete allerdings, dass die Spielzeit wegen der Corona-Beschränkungen komplett ausfallen könnte. "Dann wäre ich anderthalb Jahre ohne Vertrag gewesen. Darauf konnte ich mich nicht einlassen", sagt Pielmeier.

In der Corona-Krise hat Eislöwen-Geschäftsführer Maik Walsdorf alle Spieler vom Gehaltsverzicht überzeugt – bis auf einen.
In der Corona-Krise hat Eislöwen-Geschäftsführer Maik Walsdorf alle Spieler vom Gehaltsverzicht überzeugt – bis auf einen. © Matthias Rietschel

Wie weit er dem Klub finanziell entgegengekommen wäre, sagt er nicht. Der Verzicht wäre in seinem Fall aber deutlich höher gewesen als die vom Klub angegebenen 20 Prozent vom Gehalt. Mehrere Bonuszahlungen wie die Miete für die Wohnung wären weggefallen, erklärt der Profi. "Ich habe aber in dem 2019 geschlossenen Vertrag bereits auf Geld verzichtet, um die Wohnung behalten zu dürfen."

Tatsächlich sollten die 1.300 Euro Miete nicht mehr komplett vom Verein bezahlt werden. Nach Aussage von Walsdorf wollte Pielmeier jedoch auch das volle Gehalt beziehen, wenn eine Saison gespielt wird. Die Änderungskündigung sah vor, dass die Summe von 3.250 Euro pro Monat - damit gehört zum oberen Gehaltsdrittel in der Mannschaft - auf 2.600 Euro (jeweils netto) gekürzt wird. Pielmeier ließ das anwaltlich prüfen. "Weil ich als Einziger mein Recht wahrgenommen habe, sieht man sich leider vor Gericht", sagt er. Die Richterin am Arbeitsgericht sah die Einschnitte als sozial ungerechtfertigt an und bestätigte in der vorigen Woche: Die Eislöwen müssen den Vertrag mit Pielmeier zu den im Februar 2019 ausgehandelten Konditionen erfüllen.

"Wir werden juristisch weiter prüfen, welche Möglichkeiten für uns bestehen, weil uns bisher keine schriftliche Urteilsbegründung vorliegt", sagt Walsdorf - und er kündigt an: "Wir werden alles ausreizen, um gegen das jetzige Urteil vorzugehen." Was die soziale Komponente betrifft, widerspricht er dem Urteil aus, wie er betont, "moralischen Gesichtspunkten". Erstens würden alle anderen Spieler die Einschränkungen mittragen, "und dann kommt einer und tut das nicht. Das wirkt auf alle anderen schon befremdlich." Zweitens seien 2.600 Euro netto plus Auto und Mietbeteiligung "gut sozial verträglich".

Pielmeier argumentiert, dass es ihm in erster Linie um diese aufschiebende Wirkung gegangen sei. Wenn die Saison abgesagt worden wäre, hätte er wahrscheinlich im Dezember Hartz IV beantragen müssen. Und er führt einen weiteren Aspekt an. "Dresden ist unsere zweite Heimat geworden, meine Frau Leni hat einen Job und wir bekommen Mitte März nächsten Jahres hier unser Baby", erzählt er.

"Zeit mit den Jungs in der Kabine vermisse ich sehr"

Privat ist er also glücklich, sportlich scheint er in Dresden allerdings keine Zukunft mehr zu haben, dessen ist er sich bewusst: "Wie es danach weitergeht, müssen wir schauen." Nach Aussage von Walsdorf habe man in vielen Gesprächen versucht, Pielmeier zu überzeugen, den von den Eislöwen eingeschlagenen Weg mitzugehen. "Es hat mich persönlich gewurmt, dass der Eindruck entsteht, der Verein könne sich nicht in die Lage der Spieler versetzen", sagt der Geschäftsführer. Eine außergerichtliche Einigung wäre nach wie vor sein Wunsch.

Pielmeier hat versucht, sich per einstweiliger Verfügung ins Training einzuklagen, aber daraufhin die fristlose Kündigung bekommen. Er trainiert selbstständig, geht laufen, hat sich ein Spinningrad und einige andere Utensilien besorgt. "Weil die Fitnesstudios gerade zu sind, bin ich ja nicht der Einzige, der sich zu Hause fit halten muss", meint er - und sagt, was ihm am meisten fehlt außer dem Gefühl, auf dem Eis zu stehen: "Die Zeit mit den Jungs in der Kabine vermisse ich sehr."

Manchmal hat er gemeinsam mit seinem Bruder Timo Pielmeier trainiert. Der frühere Nationaltorwart, der mit der Auswahl bei Olympia in Pyeongchang 2018 Silber gewonnen hatte, war bereits im Juli beim ERC Ingolstadt suspendiert worden. Zur Begründung hieß es in der Pressemitteilung des Erstligisten: "Während seit Wochen 14 Profis des ERC die obige Gehaltsumwandlung (25 Prozent/d. Red.) akzeptiert haben, konnte sich allein Torhüter Timo Pielmeier bis zuletzt nicht dazu entschließen, sich an dieser Maßnahme zu beteiligen."

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Nun läuft die Saison mit allen Unwägbarkeiten in der Corona-Krise. Thomas Pielmeier könnte sich einen anderen Klub suchen, aber das ist für ihn keine Option. "Ich werde den Verein nicht wechseln, weil ich mit den Eislöwen einen bestehenden Vertrag habe und den unbedingt erfüllen will." Das habe er signalisieren wollen, indem er sich ins Training eingeklagt und den Prozess gewonnen hat. Am nächsten Tag erhielt er die fristlose Kündigung, darf nicht in die Eishalle. Über die am 9. März verhandelt wird. Dann ist die Saison zwar noch nicht gelaufen, aber für einen Spieler, der so lange keine Eiszeit hatte, kaum noch zu starten.

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