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Warum eine Dresdnerin in Neuseeland warten muss

Am anderen Ende der Welt hofft Klippenspringerin Iris Schmidbauer, dass es bald wieder Wettkämpfe gibt. Erst dann kann sie wieder von ihrem Sport leben.

Vor der Kulisse des Guggenheim-Museums in Bilbao absolvierte Iris Schmidbauer ihren bisher letzten Wettkampf. Das war im September 2019.
Vor der Kulisse des Guggenheim-Museums in Bilbao absolvierte Iris Schmidbauer ihren bisher letzten Wettkampf. Das war im September 2019. © www.redbullmediahouse.com

Wenn sie aus dem Fenster ihres Zimmers blickt, sieht Iris Schmidbauer viel Grün, grasende Pferde sowie die Silhouette der Millionenstadt Auckland. Und das Meer. Es gibt schlechtere Aussichten. Was nach einem Traumtrip ans andere Ende der Welt klingt, war eigentlich ganz anders geplant – vor allem viel kürzer.

Es sollte ein Abenteuerurlaub werden, mit dem Rucksack Neuseeland entdecken. Mitte Oktober, nach dem Ende der Saison, stieg sie in den Flieger. Zurückgekehrt nach Dresden ist sie seitdem noch nicht, aus ein paar Wochen wurde fast ein Jahr. Einen Termin für den Rückflug gibt es noch nicht. „Ich bin länger geblieben, weil es mir hier so gut gefällt“, sagt sie. Aber das ist nur die halbe Wahrheit.

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Seit Monaten keinen Wettkampf

Alles hängt natürlich auch mit Corona zusammen und damit, was die Pandemie durcheinanderwirbelt. Ihren Beruf kann die 25-Jährige seit Monaten nicht mehr ausüben. Schmidbauer ist Klippenspringerin, sie bekommt Geld dafür, sich bei Wettkämpfen aus 21 Metern Höhe ins Wasser zu stürzen. Auf diesem Gebiet gehört sie zu den Besten in der Welt. In der von Red Bull gesponserten Serie ergatterte sie durch ihre Leistungen im vergangenen Jahr erstmals einen der begehrten acht festen Startplätze, ist nicht mehr auf Einladungen, Wildcards genannt, angewiesen.


Im Mai sollte es in Bali losgehen – und spätestens dann der verlängerte Neuseeland-Aufenthalt beendet sein. Die Flüge waren schon gebucht, die Koffer fast gepackt. Dann wurde erst der Auftakt verschoben und schließlich die gesamte Saison komplett abgesagt. Für die Münchnerin, die seit Januar 2019 in Dresden lebt, ist das doppelt ärgerlich: Es gibt keine Wettkämpfe und damit auch keine Einkünfte. „Finanziell ist das schon blöd, ich verdiene so nichts“, sagt sie. Red Bull bezahlt den Springern nicht nur Flüge und Hotels, sondern auch Prämien, die Sieger bekommen eine kleine fünfstellige Summe – aber nur, wenn an den atemberaubenden Kulissen tatsächlich gesprungen wird.

Iris Schmidbauer zählt zu den besten Klippenspringerinnen der Welt.
Iris Schmidbauer zählt zu den besten Klippenspringerinnen der Welt. © Foto: Graeme Murray

Um sich das Zimmer am Rande der Hafenstadt Auckland und ein gebrauchtes Auto leisten zu können, haben „die Großeltern ausgeholfen“, sagt sie. Außerdem ging sie auf Jobsuche. Von Montag bis Freitag arbeitet die studierte Sporttherapeutin jetzt in einer Praxis, erstellt dort Reha-Programme und Fitnesspläne. Einmal in der Woche kellnert sie außerdem in einem Club. „Da beginnt der Tag morgens um sieben mit dem Training und endet vier Uhr nachts nach dem Aufräumen in der Bar“, erzählt Schmidbauer. Ein finanziell sorgenfreies Leben sieht anders aus.

Doch im Prinzip kennt sie das nicht anders. High Diving, wie die Extremsportart offiziell heißt, ist nicht olympisch, damit gibt es keine Fördergelder. Vom Deutschen Schwimmverband (DSV), der fürs Klippenspringen zuständig ist, habe sie „noch keinen einzigen Cent erhalten“. Dabei wurde die Disziplin 2013 ins offizielle Programm der Schwimm-Weltmeisterschaften aufgenommen, Schmidbauer startete 2017 in Budapest und wurde Zehnte. Im vorigen Jahr im südkoreanischen Gwangju kam sie auf Platz acht. Mit solchen Ergebnissen würden die Kollegen von den olympischen Wassersprung-Disziplinen mit einem Platz in der Sportfördergruppe der Bundeswehr belohnt – und entsprechend ihres Dienstgrades entlohnt, auch in den wettkampffreien Corona-Zeiten.


Bei den Klippenspringern fiel nicht nur die Red-Bull-Serie aus, sondern auch der vom Schwimmweltverband für Mitte Juli geplante Weltcup im russischen Kazan. Und wie es weitergeht, ist völlig unklar. Die WM 2021 in Fukuoka (Japan) wurde wegen der Olympiaverschiebung bereits auf 2022 vertagt. „Ich sorge mich, was mit der Saison nächstes Jahr wird“, sagt Schmidbauer. „Momentan reicht es bei mir mit dem Geld gerade so.“

Nach Dresden war die Bayerin umgezogen, um am Bundesstützpunkt trainieren und sich verbessern zu können. Der Plan ging auf, findet sie. Doch nun fehlt die Aussicht auf Wettkämpfe, also ein konkretes Ziel – und damit der Antrieb, nach Dresden zurückzukehren.

Training mit dem Nationalteam

In Auckland hat sie sich stattdessen ihr eigenes Trainingsumfeld aufgebaut. In einer Schwimmhalle trainiert sie gemeinsam mit dem neuseeländischen Wassersprung-Nationalteam. „Die sind zwar nicht ganz so gut wie das deutsche, aber eine hat sich schon für Olympia qualifiziert“, vergleicht Schmidbauer.

Wie in Dresden steigt sie dann auf den Zehnmeter-Turm hoch und teilt ihre Sprünge in zwei Phasen, die sie nacheinander übt und im Freien dann zusammensetzt. „Da gibt es einige Klippen hier und auch einen exakt 21 Meter hohen Wasserfall. Das ist ideal, weil ich schon drinbleiben muss im Angst-Überwinden-Modus.“ Jeder Sprung aus solchen Höhen sei noch immer eine Überwindung.

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Trainieren kann sie natürlich nur, wenn es die Vorschriften erlauben. Zwei Lockdowns gab es schon in Neuseeland, der erste dauerte sechs Wochen, der zweite drei. „Sie sind da sehr streng hier. Außer zum Einkaufen darf man nicht aus dem Haus“, erzählt sie. „Sie versuchen so, das Virus komplett auszurotten. Das wäre auch beinahe gelungen, aber es kam zurück.“Und wann kommt sie zurück nach Dresden? „Ich weiß es einfach nicht. Fest steht nur, dass ich nicht für immer hierbleiben will.“ Vorerst genießt sie weiter ihre grandiose Aussicht aufs Meer, indem sie Surfen gelernt hat. „Auf dem Brett fühle ich mich wie beim Klippenspringen: wild und frei.“ Es klingt wie ein Lebensmotto.

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