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Warum eine Dresdnerin auf 15.000 Dollar verzichtet

Schwimmerin Leonie Kullmann will 2021 zu den Olympischen Spielen und sagt deshalb lukrative Wettkämpfe ab. Nicht nur sie steckt in einer Zwickmühle.

Leonie Kullman hat für Olympia ihr USA-Studium unterbrochen und trainiert in Berlin. Sie gehört zu den schnellsten deutschen Freistil-Schwimmerinnen.
Leonie Kullman hat für Olympia ihr USA-Studium unterbrochen und trainiert in Berlin. Sie gehört zu den schnellsten deutschen Freistil-Schwimmerinnen. © Mirko Seifert

Dresden. Eigentlich hätte Leonie Kullmann nun langsam angefangen, ihre Koffer zu packen. Fünf Wochen am Stück verreisen, da muss einiges verstaut werden. Ab dem 16. Oktober wollte die Dresdnerin bei der International Swimming League (ISL) antreten. Wegen der Pandemie wird die Wettkampfserie in diesem Jahr kompakt an einem Ort ausgetragen – in der Duna-Arena in Budapest, dem WM-Ort von 2017.

Doch Kullmann reist nicht nach Ungarn. Sie ist weder verletzt noch krank, die Umstände ihrer Absage zeigen vielmehr exemplarisch, in welchen Zwickmühlen deutsche Spitzensportler und die Verbände stecken. Man könnte es auch Dilemma nennen.

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Die ISL wurde vor einem Jahr vom ukrainischen Milliardär Konstantin Grigorishin gegründet. Der füllte eine Marktlücke, Schwimmwettkämpfe auf hohem Niveau existierten bis dahin außerhalb von Europa- und Weltmeisterschaften sowie Olympia quasi nicht. Die Stars der Szene tauchten – medial gesehen – einmal pro Jahr auf und danach wieder unter. Die Athleten wünschten sich mehr Präsenz, höhere Startgelder, größere Aufmerksamkeit. Die ISL erfüllt all diese Forderungen. Der Schwimm-Weltverband Fina versuchte, den unliebsamen Konkurrenten auszubremsen, scheiterte jedoch.

Vertrag war schon unterschrieben

Kullmann, mit 16 Jahren jüngste deutsche Schwimmerin bei den Sommerspielen 2016 in Rio de Janeiro, bewarb sich in diesem Jahr und erhielt eine Zusage vom ungarischen Team Iron, für das auch Superstar Katinka Hosszu startet. „Ich hatte im Juni sogar schon einen Vertrag unterschrieben“, erzählt die 21-Jährige. Die Serie, bei der von Sponsoren unterstützte Privatteams gegeneinander antreten, wäre sportlich reizvoll gewesen, schließlich ist es in diesem Jahr das einzige Format, bei dem die weltbesten Schwimmer gemeinsam am Start sind.

Vor allem wäre es finanziell lukrativ gewesen. „Ich hätte als Startgeld 15.000 Dollar erhalten“, erzählt Kullmann. Das sind umgerechnet 12.700 Euro. Hinzu wären bei vorderen Platzierungen Prämien gekommen. Aber daraus wird nun nichts. Nach einem Gespräch mit dem Bundestrainer Hannes Vitense einigten sich beide darauf, die Teilnahme abzusagen. Leicht fiel das Kullmann nicht. „Natürlich wäre ich gerne gestartet“, sagt sie, zeigt aber auch Verständnis für die Sicht des Bundestrainers: „Er hat da schon nicht unrecht.“

Sein wichtigstes Argument war der Trainingsausfall. Erst kürzlich hatte die Freistil-Spezialistin eine der begehrten Stellen in der Sportfördergruppe der Bundeswehr bekommen. Ein Glücksfall für Spitzenathleten, weil sie monatlich Gehalt erhalten und abgesichert sind. Andererseits musste Matrose Kullmann für vier Wochen die Grundausbildung in Hannover absolvieren – und verpasste viele Einheiten.

Dass aber Topsportler in Deutschland Soldaten werden müssen (oder auch Polizisten), um eine angemessene Förderung zu erhalten, gehört zu den Eigenheiten der deutschen Spitzensportförderung. Bis auf einen Lehrgang pro Jahr sind sie ohnehin für Training und Wettkämpfe vom Dienst freigestellt – und damit in der Armee kaum einsatzfähig. Würden Spitzenathleten direkt vom Staat unterstützt und nicht über den Umweg Bundeswehr, müssten sie auch nicht zu Lehrgängen.

Und Kullmann hätte wohl bei der ISL starten können. Wobei der Deutsche Schwimmverband (DSV) darauf Wert legt, keinem Bundeskader „die Teilnahme an der ISL untersagt“ zu haben. Vielmehr würde „der DSV mit seinen Olympia- und Perspektivkadern sowie den Trainern den Saisonverlauf in der Vorbereitung auf die Olympische Spiele 2021 in Tokio verbindlich abstimmen. Hier gibt es unterschiedliche Modelle in der Vorbereitung“, heißt es in der Antwort auf eine SZ-Anfrage.

„Ein nicht kalkulierbares Risiko“

Das erklärt auch, warum deutsche Spitzenschwimmer wie Ramon Klenz, Jacob Heidtmann und Marius Kusch ab nächster Woche in Budapest dabei sind. Kullmann dagegen absolviert gerade auf 2.100 Metern ein Höhentrainingslager im Schnalstal in Südtirol. Alles ist bereits auf die Spiele Ende Juli in Tokio ausgerichtet. Die Ergebnisse dort entscheiden mit darüber, wieviel Fördergelder der Schwimmverband künftig erhält. Die ISL spielt dabei keine Rolle. Auch das erklärt die Prioritäten.

Und es gibt noch ein Argument gegen Budapest: Die ungarische Hauptstadt ist Corona-Risikogebiet. Die Veranstalter versprechen, mit weltweit renommierten Wissenschaftlern ein Konzept erarbeitet zu haben, um die Gesundheit der Teilnehmer bestmöglich zu schützen. Aus Sicht des DSV stellt die Serie dagegen „ein nicht kalkulierbares Risiko dar und sollte aus medizinischer Sicht nicht durchgeführt werden. Schädigungen bei einer Infektion mit Sars-CoV-2 können bereits die Sportfähigkeit stark einschränken und ein vorzeitiges Ende der Karriere bedeuten.“

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Durch die Absage des Ungarn-Trips wird Kullmann nun auch bei den auf Ende Oktober verschobenen deutschen Meisterschaften in Berlin starten. Für Olympia kann sie sich dort jedoch noch nicht qualifizieren. Der Zeitraum, um die geforderten Normzeiten zu unterbieten, beginnt erst im Dezember. „Ich werde das Anfang nächsten Jahres angehen und mich dann auf die 200 Meter Freistil konzentrieren“, erklärt sie. Die Chancen, als eine der vier Schnellsten in der 4 x 200-Meter-Staffel dabei zu sein, ist höher als auf der 400-Meter-Einzeldistanz.

Nach Olympia bliebe dann Zeit für einen zweiten Anlauf zur International Swimming League. „Vielleicht klapp es ja nächstes Jahr“, sagt Kullmann.

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