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So läuft das Training im Ausnahmezustand

Beim Besuch in der einzigen Halle in Ostsachsen, in der noch geschwommen und gesprungen wird, zeigt sich das ganze Dilemma des Sports in der Pandemie.

Sieht aus wie immer, ist es aber nicht. In Dresden und der Region darf derzeit nur am Landesstützpunkt geschwommen werden.
Sieht aus wie immer, ist es aber nicht. In Dresden und der Region darf derzeit nur am Landesstützpunkt geschwommen werden. © Jürgen Lösel

Dresden. Die großen Fensterfronten erlauben einen Blick in die hell erleuchtete Schwimmhalle. Drinnen stehen Trainer am Beckenrand, stoppen Zeiten und zeigen ihren Schützlingen, was sie noch wie verbessern könnten. Eigentlich ein ganz normales Bild, in diesen Novembertagen ist es aber ein außergewöhnliches.

Der Ende vergangenen Jahres eröffnete Neubau des Schwimmkomplexes am Freiberger Platz in Dresden ist die wahrscheinlich einzige Halle in Ostsachsen, in der noch geschwommen wird. Möglich macht dies eine Ausnahmeregelung der Corona-Schutzverordnung des Freistaates, die es Leistungssportlern trotz des allgemeinen Verbots erlaubt, weiter zu trainieren.

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Klingt einfach, war es in der Umsetzung jedoch nicht, weil in der Verordnung neben den Olympia- und Bundeskadern auch die „Kader in einem Nachwuchsleistungszentrum“ genannt werden. „Das ist eine Begrifflichkeit, die fast nur im Fußball verwendet wird. Bei den meisten anderen Sportarten gibt es Stützpunkte“, erklärt Dirk Oehme, stellvertretender Fachwart beim Sächsischen Schwimmverband. Bis geklärt war, welche Kinder und Jugendlichen mit dieser Formulierung gemeint sein könnten, verging gut eine Woche.

Julia Feist betreut die Wassersprung-Talente am Dresdner Bundesstützpunkt. Sie macht sich Sorgen, dass der Nachwuchs künftig wegbleibt.
Julia Feist betreut die Wassersprung-Talente am Dresdner Bundesstützpunkt. Sie macht sich Sorgen, dass der Nachwuchs künftig wegbleibt. © Matthias Rietschel

In Dresden trainieren 60 Talente ab der 5. Klasse am Landesstützpunkt Schwimmen. Bis jetzt durften aber nur 28, die älter als 13 und damit mindestens D-Kader sind, nachmittags in die Halle. Die Jüngeren mussten draußen bleiben. Oehme, der beim Dresdner SC den Schwimm-Nachwuchs leitet, fand das unlogisch und unsinnig. „Sie alle gehen ans Sportgymnasium oder die Sportoberschule, sitzen also in der Klasse zusammen und gehen zweimal in der Woche beim Profil-Sportunterricht gemeinsam vormittags zum Schwimmtraining in die Halle. Warum dürfen sie das dann nicht auch nachmittags?“, fragte er und war nicht der Einzige, der das nicht verstand. Lehrer und Eltern hakten ebenfalls beim für den Sport zuständigen Innenministerium nach.

Das lenkte ein, seit Freitag steht fest, dass in Dresden Kadersportler ab der 5. Klasse wieder trainieren dürfen. Dass es weiterhin Grenzen geben muss, sieht Oehme ein. „Wenn unterhalb der 5. Klassen die Kinder aus 15 verschiedenen Grundschulen zum Training kommen, ist das natürlich problematisch. Infiziert sich da einer, müssten womöglich 15 Klassen in Quarantäne.“

Kürzere Öffnungszeiten, um Geld zu sparen

Die Bäder GmbH, die Dresdens Schwimmhallen betreibt, verweist auf die geltenden Regelungen, die bindend seien. Anders als in den anderen sechs Dresdner Hallen, wo die Technik heruntergefahren wurde, das Wasser nur noch 20 Grad warm ist und auch die Luft kühler als sonst, werde die Halle 1 am Freiberger Platz weiter „unter Volllast betrieben“, wie Geschäftsführer Matthias Waurick erklärt. Allerdings zu verkürzten Zeiten. Statt um 19 Uhr gehen nun schon um 17.30 Uhr die Lichter aus. Das spart Geld. Das Personal, das am Eingang kontrolliert, die Anlagen überwacht und nach dem Training die Halle sauber macht, ist jetzt ausschließlich für die Kadersportler da. Die Vereine und Verbände zahlen zwar Nutzungsgebühren, doch die sind subventioniert und decken die Kosten nicht annähernd. Einnahmen aus dem öffentlichen Schwimmen, dem Saunabetrieb und der Gastronomie fehlen derzeit. „Die entstehenden Mehrkosten werden wir als Unternehmen diesen Monat noch abfedern“, erklärt Waurick. Wie es bei einer möglichen Verlängerung des Lockdowns weitergehen könnte, lässt er offen.

Das Abtauchen gehört zum Wasserspringen, ist für Europameisterin Tina Punzel aber auch in diesen Zeiten keine Option. Sie hofft, im Februar endlich wieder einen Wettkampf zu haben.
Das Abtauchen gehört zum Wasserspringen, ist für Europameisterin Tina Punzel aber auch in diesen Zeiten keine Option. Sie hofft, im Februar endlich wieder einen Wettkampf zu haben. © Thomas Eisenhuth

Nebenan in der Halle der Wasserspringer wird ebenfalls weiter trainiert – aber sogar nur bis 17 Uhr. „Das ist problematisch, weil unsere Athleten teilweise erst 15.30 Uhr aus der Schule kommen. Samstags und an den Feiertagen ist nun auch zu“, erklärt Trainerin Julia Feist. „Dadurch verlieren wir etwa ein Drittel der Umfänge.“ Unterhalb der 5. Klasse ging auch bei den Springern bis Freitag gar nichts. Und das hat hier noch gravierendere Folgen, schließlich geht es in der Sportart schon mit vier, fünf Jahren los, in der 4. Klasse haben die Talente bereits fünf Mal in der Woche Training. „Wir können nur hoffen, dass sie trotz allem bei der Stange bleiben“, erklärt Feist, die einst selbst zum Nationalkader gehörte. „Aber die Eltern merken jetzt natürlich, wie angenehm es ist, das Kind nicht jeden Tag chauffieren zu müssen.“ Online-Angebote als Ersatz könnten das Training im Wasser nicht ansatzweise ersetzen.

An anderen Orten viel weniger Einschränkungen

Auch die Sichtung von Talenten ist nun stark eingeschränkt. „Da werden Lücken gerissen, die nicht mehr zu schließen sind. Das könnte für uns existenziell werden“, erklärt Feist und meint damit die Zukunft als Bundesstützpunkt. Der ist noch bis 2024 gesichert, daran hängen Fördergelder und damit Trainerstellen. Die Sorge ist auch deshalb so groß, weil es an den anderen Wassersprung-Standorten deutlich weniger Einschränkungen gibt. An den Bundesstützpunkten in Leipzig und Rostock etwa dürften auch die Kleinsten weiter springen, die Hallen dort haben – das gilt auch für die Schwimmer – länger geöffnet.

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Bei Tina Punzel sind nicht die Zeiten das Problem, sondern die fehlenden Wettkämpfe. Den letzten hatte die Europameisterin im Februar beim Internationalen Springertag in Rostock. Das könnte – nach dann einem Jahr Pause – auch der nächste sein. „Ich bin zwar wieder auf einem ganz guten Niveau, aber es fehlen die Spitzen, die Höhepunkte. Dadurch ist alles ein bisschen eintönig, das Training plätschert so dahin“, findet die 25-Jährige. „Aber wir machen das Beste draus.“ Das gilt auch für die Schwimmer, die kurz vor Weihnachten ihr 27. Christstollen-Schwimmfest ausrichten wollen. 350 Teilnehmer haben sich bereits angemeldet. „Noch ist nichts abgesagt“, sagt Oehme. „Wir sind Berufsoptimisten.“

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