merken
PLUS Sport

Wolfram belohnt sich mit EM-Bronze für viele Rückschläge

Seit Jahren kämpft der Dresdner Wasserspringer Martin Wolfram gegen Verletzungen und Zweifel. Nach vielen Pausen wird er nun bei der EM Dritter.

In der Springerhalle in seinem Rücken hat Martin Wolfram in den vergangenen Jahren immer wieder für seine Comebacks trainiert.
In der Springerhalle in seinem Rücken hat Martin Wolfram in den vergangenen Jahren immer wieder für seine Comebacks trainiert. © dpa-Zentralbild/Sebastian Kahnert

Die Emotionen spielen gerade ein bisschen verrückt bei Martin Wolfram. Vergangene Woche beim Weltcup in Tokio hätte er sich vor dem Vorkampf beinahe übergeben müssen vor lauter Aufregung. Als der überstanden war, flossen bei ihm Tränen der Erleichterung und Freude. Für einen Athleten, der bereits zweimal in einem olympischen Finale stand und bei Europameisterschaften auf dem Podium, sind das ungewöhnlich heftige Reaktionen.

Doch dieser Vorkampf war nicht irgendeiner. Er entschied darüber, ob Wolfram ein drittes Mal Olympische Spiele erleben kann. Und es kam ein weiterer wichtiger Punkt hinzu: Der Wettkampf habe ihm gezeigt, dass er alles richtig gemacht habe in den vergangenen Jahren, sagt der Dresdner und meint nicht die Trainingsinhalte, sondern die Entscheidung, nicht zu kapitulieren, sondern weiterzumachen. Trotz allem.

Arbeit und Bildung
Alles zum Berufsstart
Alles zum Berufsstart

Deine Ausbildung finden, die Lehre finanzieren, den Beruf fortführen - Hier bekommst Du Stellenangebote und Tipps in der Themenwelt Arbeit und Bildung.

Einen Tag später qualifizierte er sich im Halbfinale sogar für den Endkampf – und gewann den. „Ich wollte da 18. werden und bin Erster geworden“, sagt er noch immer ungläubig. Von Tokio aus ging es direkt weiter zur Europameisterschaft nach Budapest – mit der Goldmedaille im Gepäck, die im Wasserspringen auch bei Weltcups verteilt wird. „Ich schaue immer noch nach, ob sie wirklich da ist, oder ob ich mir das nur einbilde“, sagt er.

Am Freitagabend kam eine weitere Medaille dazu. In einem hochklassigen EM-Finale gewann Wolfram vom Dreimeter-Brett hinter den zwei dominierenden Russen Bronze. Allein der Weltcupsieg war für ihn schon „eine Belohnung für all die Rückschläge. Zu sehen, wie sich andere für mich freuen, berührt mich sehr.“ Der Dresdner feierte in Tokio ein Comeback, mal wieder, und noch dazu eins, an das er selbst nicht geglaubt hatte. Um das zu verstehen, muss man seine ganze Geschichte kennen, die eine ist, in der es viel um Schmerzen, Verletzungen und verpasste Höhepunkte geht.

Alles fängt an bei Olympia 2012 in London, als sich Wolfram im Finale vom Zehnmeter-Turm die Schulter auskugelt, trotzdem weiterspringt und unter Schmerzen Achter wird. Nach zwei Schulteroperationen im Abstand von einem Jahr feiert er 2015 sein erstes Comeback – und was für eins: Bei der EM in Rostock bekommt er reihenweise die Höchstnote Zehn für extrem schwierige Sprünge. Sogar die Konkurrenz applaudiert, und die Experten sind sich einig, dass er mit solch einer Leistung auch bei Olympia eine Medaille gewinnen würde, womöglich sogar Gold. Es kommt anders. Ein Jahr später in Rio de Janeiro hat er wieder Schmerzen in der Schulter und wird trotzdem Fünfter.

Bei der EM in Budapest gewinnt Wolfram Bronze vom Dreimeter-Brett. Es ist seine erste internationale Medaille seit 2015.
Bei der EM in Budapest gewinnt Wolfram Bronze vom Dreimeter-Brett. Es ist seine erste internationale Medaille seit 2015. © Foto: dpa/Hiro Komae

Nach der dritten Operation ist die Turmkarriere auf Anraten der Ärzte vorbei. Für immer. Die Kräfte, die nach einem Flug aus zehn Metern Höhe beim Eintauchen wirken, sind Gift für seine lädierten Schultern. „Es ist wie eine Liebe, die nicht sein soll“, vergleicht er die Trennung. „Ich habe lange gebraucht, um das zu akzeptieren.“

Doch das Stehaufmännchen unter den Wasserspringern gibt nicht auf, sondern macht vom Dreimeter-Brett weiter. Für diese Disziplin ist er mit seinen 1,64 Meter eigentlich zu klein und zu leicht. „Mir fehlt dadurch die Kraft, um das Brett beim Abspringen ausreichend zum Durchbiegen zu bringen“, sagt er. So habe er weniger Zeit für die Drehungen und Schrauben, die Eleganz leide darunter.

Trotzdem will er unbedingt zu seinen dritten Spielen. Im Januar 2020 kugelt er sich beim Training erneut die Schulter aus. Wolfram zweifelt, diesmal ernsthaft: „Wozu habe ich das alles gemacht? Welchen Sinn macht es jetzt noch? Olympia kann ich vergessen“, erinnert er sich. Corona ist da noch kein großes Thema und die Verschiebung der Spiele gar keins. Wenig später ist das anders, plötzlich hat der Sportsoldat trotz der vierten Operation wieder eine Perspektive. Seine Freundin Elisa, die früher selbst Wasserspringerin war und jetzt in Dresden Talente betreut, macht ihm Mut, bestärkt ihn. Genauso wie sein Trainer Boris Rozenberg, der zwar als harter Hund gelte, aber auch eine andere Seite habe, versichert Wolfram.

Bei den Olympischen Spielen 2012 in London kugelte sich Wolfram die linke Schulter aus, sprang weiter, hatte aber enorme Schmerzen und musste behandelt werden.
Bei den Olympischen Spielen 2012 in London kugelte sich Wolfram die linke Schulter aus, sprang weiter, hatte aber enorme Schmerzen und musste behandelt werden. © Foto: dpa/Barbara Walton

Trotzdem bleiben Zweifel, ob er es auch vom Brett in die Weltspitze schaffen wird. „Wenn ich ehrlich bin, habe ich nicht mal daran geglaubt, dass ich mich in Deutschland zu einem der beiden Besten in dieser Disziplin hocharbeiten kann“, erklärt er rückblickend. Deshalb waren der Sieg beim Weltcup und Bronze bei der EM so wichtig. Deshalb die Emotionen und Tränen. Deshalb das ungläubige Bestaunen der Medaillen.

Weiterführende Artikel

Warum ein Wasserspringer zum Nachtspringer wird

Warum ein Wasserspringer zum Nachtspringer wird

Damit es der Dresdner Martin Wolfram ein drittes Mal zu Olympia schafft, klingelt sein Wecker jetzt schon um zwei Uhr. Es ist nicht das Einzige, an das er sich gewöhnen muss.

Grübeln über die Sinnfrage

Grübeln über die Sinnfrage

Der Dresdner Wasserspringer Martin Wolfram verpasst erneut den wichtigsten Wettkampf des Jahres.

„Ich bleibe dem Wasserspringen auf jeden Fall erhalten“

„Ich bleibe dem Wasserspringen auf jeden Fall erhalten“

Martin Wolfram versucht sich mal wieder an einem Comeback – und hat einen Plan B.

In den vergangenen Jahren musste er oft die Frage hören, warum er mit solch einer Verletzungshistorie nicht einfach aufgehört hat. „Wenn man etwas macht, das man so liebt, dann will man dieses Kapitel selbst beenden“, erklärt er. „Ich will aufhören, wenn ich es für richtig halte.“ Ob das nach seinen dritten Spielen soweit sein wird, lässt er offen. Vielleicht ist ja auch eine erste Medaille bei einer Weltmeisterschaft ein Ziel, wobei er findet, dass sich „Sportler nicht nur über Medaillen definieren sollten. Die Öffentlichkeit tut es – und das ist das Problem.“

Pläne nach dem Karriereende gibt es bereits. Wolfram will Trainer werden, der Verband unterstützt ihn dabei. Eins wird er seinen künftigen Schützlingen ganz sicher erklären: Dass man nach Rückschlägen nicht so schnell aufgeben soll.

Mehr zum Thema Sport