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Warum die Wasserspringer so lange warten müssen

Seit mehr als einem Jahr keinen großen Wettkampf mehr - und nun die nächste Absage: Ein Dresdner Trio will zu Olympia nach Tokio, muss sich aber gedulden.

Tina Punzel hat bereits einen Olympia-Quotenplatz für Deutschland erkämpft. Die Absage des Qualifikationswettkampfes in Tokio trifft sie trotzdem.
Tina Punzel hat bereits einen Olympia-Quotenplatz für Deutschland erkämpft. Die Absage des Qualifikationswettkampfes in Tokio trifft sie trotzdem. © Foto: Photoarena/Thomas Eisenhuth

Dresden. Nein, es war kein Aprilscherz. Martin Wolfram recherchierte sicherheitshalber im Internet, doch es änderte nichts: Der einzige Olympia-Qualifikationswettkampf der Wasserspringer, der am 18. April in Tokio beginnen sollte, wurde kurzfristig abgesagt. „Es hieß, das Hygienekonzept sei für die Vielzahl an Athleten nicht ausreichend gewesen“, erklärt der 29-Jährige und ist hörbar fassungslos. Genauso wie der Bundestrainer. „Jetzt hängen wir in der Luft. Die Kurzfristigkeit der Absage ist bei allem Verständnis für eine schwierige Gesamtsituation natürlich enttäuschend,“, sagt Lutz Buschkow.

Die geplante Reise zum Weltcup in der Olympiastadt stand von Beginn an unter ungünstigen Vorzeichen. Lange war unklar, ob die deutsche Nationalmannschaft nach der Ankunft für 14 Tage in Quarantäne muss. Dann wurde das geplante Vorbereitungscamp in Fuji gestrichen. Und nun die komplette Absage. Für die Springer ist das fast schon tragisch. Mehr als ein Jahr lang haben sie ihre internationalen Konkurrenten nicht mehr gesehen, die letzte Gelegenheit vor der Corona-Pause bot sich beim Springertag in Rostock. Das war Ende Februar 2020. Seitdem: kein Olympia, keine EM, kein Grand Prix, kein Weltcup – nichts. Nur Training und interne Wettkämpfe.

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Um zu sehen, was die Konkurrenz so drauf hat, surft Wolfram regelmäßig durch die sozialen Medien und findet dort Handy-Aufnahmen. „Aber ob dieser Sprung nur ein gelungener war in einer langen Serie von schlechten, sehe ich natürlich nicht“, sagt er. Und daran wird sich so schnell auch nichts ändern. Die Frage ist nur: Wann, wo und wie sollen die Olympia-Startplätze nun ausgesprungen werden? „Es gibt da nur zwei Möglichkeiten: Entweder zu einem späteren Termin in Tokio oder an einem anderen Ort“, glaubt Wolfram.

Martin Wolfram will zu seinen dritten Olympischen Spielen. Vorher muss er sich vom Dreimeter-Brett dafür qualifizieren.
Martin Wolfram will zu seinen dritten Olympischen Spielen. Vorher muss er sich vom Dreimeter-Brett dafür qualifizieren. © Foto: Photoarena/Thomas Eisenhuth

Bisher haben die deutschen Springer lediglich zwei Plätze durch Tina Punzel und Patrick Hausding sicher, jeweils im Einzel vom Dreimeter-Brett. Zwölf wären maximal möglich. Um die restlichen zu holen, nominierte Buschkow 15 Athleten – darunter mit Saskia Oettinghaus, Punzel und Wolfram ein Trio aus Dresden. Die 22-jährige Oettinghaus war 2019 von Rostock nach Dresden gewechselt und will versuchen, den zweiten Startplatz vom Brett zu sichern. Dafür müsste sie ins Halbfinale kommen, unter die besten 18.

Das ist auch das Ziel von Wolfram, der zu den wenigen Sportlern gehörte, die über die Verschiebung der Spiele um ein Jahr nicht unglücklich waren. Im Januar 2020 musste er sich zum vierten Mal einer Schulter-Operation unterziehen, konnte erst seit September wieder voll trainieren. Seitdem feilt er an einem neuen Sprung, dem viereinhalbfachen Salto. Vier Drehungen und noch eine halbe zwischen dem Absprung aus drei Metern Höhe und dem möglichst spritzerarmen Eintauchen – das klingt nicht nur spektakulär, das ist es auch. „Die Trefferquote an guten Versuchen nimmt allmählich zu“, sagt er.

Für ihn wären es bereits die dritten Olympischen Spiele. 2012 in London war er mit ausgekugelter Schulter auf Platz acht gesprungen, vier Jahre später in Rio de Janeiro auf Rang fünf. Beide Male noch vom Zehnmeter-Turm, das erlauben seine verletzungsanfälligen Schultern aber nicht mehr. Nicht nur wegen der neuen Disziplin werden es für ihn – die erfolgreiche Quali vorausgesetzt – andere Spiele. Falls sie überhaupt stattfinden, was nach dem abgesagten Weltcup wieder etwas ungewisser scheint. „Die Eröffnungs- und Schlussfeier werden sicher nicht so sein, wie wir das alle kennen. Damit fällt ein bisschen das weg, was Olympia ausmacht“, findet er.

Saskia Oettinghaus würde gerne zum ersten Mal zu Olympia. Dafür müsste sie einen Quotenplatz vom Brett erkämpfen.
Saskia Oettinghaus würde gerne zum ersten Mal zu Olympia. Dafür müsste sie einen Quotenplatz vom Brett erkämpfen. © Foto: Ronald Bonß

Vom vor zwei Wochen verkündeten Einreiseverbot von Olympia-Touristen ist er indirekt betroffen. Seine Freundin und deren Mutti hatten sich bereits Tickets gesichert. Die müssen sie nun wieder zurückgeben. „Das ist natürlich sehr schade, auf der anderen Seite kann ich die Regel auch verstehen“, erklärt er. Punzels Eltern waren schon 2016 dabei. „Ich persönlich finde das Verbot deshalb nicht so schlimm“, meint die 25-Jährige. „Aber für die, die das erste Mal Olympia erleben, ist es natürlich sehr schade.“

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Zum Weltcup-Team gehören auch Timo Barthel, der von 2012 bis 2018 in Dresden trainiert hatte, und Lena Hentschel. Die Berlinerin, seit zwei Jahren Wahl-Dresdnerin, ist Punzels Synchronpartnerin vom Dreimeter-Brett. Das Nationalteam bereitet sich nun in Dresden auf den Quali-Weltcup vor – wann und wo der auch stattfindet.

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