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Stauwagen reinigt Dresdens Hauptkanal

Die Technik hat sich seit über 100 Jahren bewährt. Wie sie den Dreck aus dem Altstädter Hauptkanal holt.

Von Wasserkraft getrieben rollt dieser Stauwagen durch den Altstädter Hauptkanal. Vor der Unterführung des Niedersedlitzer Flutgrabens bringt Vorarbeiter Sebastian Härtel ihn wieder in die Spur.
Von Wasserkraft getrieben rollt dieser Stauwagen durch den Altstädter Hauptkanal. Vor der Unterführung des Niedersedlitzer Flutgrabens bringt Vorarbeiter Sebastian Härtel ihn wieder in die Spur. © Peter Hilbert

Dresden. Drückend heiß ist es an diesem Tag, als das orange leuchtende Kolonnenfahrzeug mit Vorarbeiter Sebastian Härtel, Konrad Jost und Florian Bastian am Alttolkewitzer Lidl-Parkplatz anrollt. Schweißtreibend wird es für sie, sich noch die grünen Gummi-Wathosen überzuziehen. Doch die sind an dem Tag nötig. Denn einige Steinwürfe entfernt geht es hinab in Dresdens größten Hauptkanal, den 17 Kilometer langen Altstädter Abfangkanal. Und der muss regelmäßig gereinigt werden, damit das Abwasser auch weiter gut abfließen kann.

Er beginnt in Kleinzschachwitz. Doch durch ihn fließen seit 2006 auch die Abwässer aus dem Gebiet Pirna und Heidenau. Damit die großen Kanäle sauber bleiben, werden besondere Geräte eingesetzt – die selbstfahrenden Stauwagen. Und das schon seit Ende des 19. Jahrhunderts.

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Die Technik ist schon alt. Hier wird ein Stauwagen für die beiden großen Dresdner Abfangkanäle präsentiert. Konstruiert wurde diese Technik 1905 von Adolf Börner. Sie hat sich im jahrzehntelangen Einsatz in Dresdens Unterwelt bewährt.
Die Technik ist schon alt. Hier wird ein Stauwagen für die beiden großen Dresdner Abfangkanäle präsentiert. Konstruiert wurde diese Technik 1905 von Adolf Börner. Sie hat sich im jahrzehntelangen Einsatz in Dresdens Unterwelt bewährt. © Archiv Stadtentwässerung Dresden

Die Wagen haben ein Schild, das sich dem Kanal anpasst. Zwischen Schild und Sohle bleibt nur ein zehn Zentimeter großer Spalt. Dadurch kann die Energie des Wassers genutzt werden. Und dies ganz umweltfreundlich. Das Abwasser staut sich dahinter und schiebt den Wagen nach vorn. Es fließt nur durch den kleinen Spalt darunter, wirbelt die Schmutz-Ablagerungen vorm Wagen auf und schwemmt sie fort. „Der Stauwagen spült den Dreck sozusagen vor sich her“, erläutert Vorarbeiter Sebastian Härtel das Prinzip.

Höher als 40 Zentimeter dürfen die Ablagerungen im Kanal nicht werden. „Sonst würde der Stauwagen steckenbleiben“, erklärt Kanalnetzmeister Frank Lieber. Deshalb rollt der Stauwagen auch jährlich durch den Abfangkanal.

Am 18. Juni war er an der Gasteiner Straße in Laubegast mit dem Kran in die Tiefe gehoben worden. Gibt es sehr große Ablagerungen im Kanal, kommt der Stauwagen nur drei Meter am Tag voran. Ist hingegen wenig Schmutz in der Betonröhre, können es 50 bis 100 Meter sein. Aber regelmäßig müssen Härtel und seine Kollegen die aufgewirbelten Dreckberge absaugen, die vor allem aus Sand bestehen.

Ein Blick in den zwei Meter hohen Altstädter Abfangkanal. Durch ihn fließt das Abwasser von Kleinzschachwitz bis zur Flügelwegbrücke.
Ein Blick in den zwei Meter hohen Altstädter Abfangkanal. Durch ihn fließt das Abwasser von Kleinzschachwitz bis zur Flügelwegbrücke. © Peter Hilbert

Mittlerweile hat der Stauwagen die 1,5 Kilometer bis zum östlichen Ende von Laubegast zurückgelegt. Der 31-Jährige kümmert sich mit seinen Kollegen an diesem Julitag darum, dass der Stauwagen weiter kommt. Am Abschlagsbauwerk unterquert der Kanal den Niedersedlitzer Flutgraben. Das sich die Röhre hier von zwei auf drei Meter aufweitet und niedriger wird, muss er unter dem Gewässer per Muskelkraft hindurchgeschoben werden. Für das Trio ein Kraftakt.

Zuerst befreit der Vorarbeiter den Stauwagen von Schwimmstoffen – alte Lappen und vieles mehr, was hängengeblieben ist. „Da ist alles dabei. Wir hatten sogar schon eine Unterhose herausgeholt“, erzählt der Vorarbeiter.

Der Wagen steht quer. Mithilfe seiner Kollegen setzt er ihn erst einmal wieder in die Spur. Das ist nicht einfach. Samt Ballast ist das Gefährt immerhin 600 bis 700 Kilogramm schwer, schätzt Härtel. Teils schiebend, teils ziehend bugsieren sie den Stauwagen dann die 20 Meter unter dem Flutgraben hindurch. Was immerhin drei Stunden dauert. Schließlich können sie in dem 1,2 Meter hohen Abschnitt nur gebückt arbeiten. Sonst ist das in der zwei Meter hohen Röhre nicht nötig. Also sind einige Pausen nötig.

Am Regenüberlauf-Bauwerk gegenüber vom Tolkewitzer Johannisfriedhof werden die Dreckberge aus dem Kanal abgesaugt.
Am Regenüberlauf-Bauwerk gegenüber vom Tolkewitzer Johannisfriedhof werden die Dreckberge aus dem Kanal abgesaugt. © Peter Hilbert

Auf der anderen Seite verjüngt sich der Kanal wieder, sodass der Wasserdruck den Stauwagen vorwärtstreibt. Die nächste Station wird dann das unterirdische Regenüberlauf-Bauwerk an der Tolkewitzer Straße gegenüber vom Johannisfriedhof sein. Härtel schätzt, dass für die einen Kilometer lange Unterwelt-Tour etwa zwei Wochen nötig sein werden. Dort wird das große Hochdrucksaug- und Spülfahrzeug mit einem Neun-Kubikmeter-Kessel die Dreckberge absaugen, die vor allem aus Sand bestehen.

Hier befreit Vorarbeiter Härtel den Stauwagen von Schwimmstoffen. Hängengeblieben sind alte Lappen und vieles mehr.
Hier befreit Vorarbeiter Härtel den Stauwagen von Schwimmstoffen. Hängengeblieben sind alte Lappen und vieles mehr. © Peter Hilbert

Bei jeder Ladung kommen etwa vier bis fünf Kubikmeter reiner Schlamm und Sand zusammen, erklärt der Kanalnetzmeister. „Dieses Jahr wird es reichen, wenn wir zweimal absaugen“, sagt Lieber. Im vergangenen Jahr war es mit rund 100 Kubikmetern viel mehr.

Denn die Stadtentwässerung hatte bis Januar 2020 unter der Kreuzung Tolkewitzer/Wehlener Straße ein Nadelöhr im Abfangkanal beseitigt. Ist die Röhre sonst zwei Meter hoch, so maß sie dort nur 1,5 Meter und verlief zudem in einem rechtwinkligen Bogen. Deshalb wurde ein 46 Meter langer Tunnel für den Kanal unter der Kreuzung gebaut.

Der Bau dieses Stollens hatte 2,6 Millionen Euro gekostet. Vor dem einstigen Nadelöhr hatte sich viel Dreck abgelagert. Denn zuvor konnte der Stauwagen wegen des Bogens immer erst dahinter eingehoben werden. Da war auf einer Länge von drei Kilometern – trotz der regelmäßigen Reinigung mit dem Saug- und Spülfahrzeug – viel Dreck im Kanal liegengeblieben. „Das war die erste Grundreinigung“, erklärt Meister Lieber.

Er rechnet damit, dass der Stauwagen frühestens zum Jahresende sein Ziel erreichen wird. Das ist am Kanalnetzstützpunkt an der Weißeritzstraße vor der Yenidze. Dort wird er mit dem Kran aus dem Kanal gehoben. Dann ist Dresdens größter Hauptkanal wieder einmal vom Dreck befreit.

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