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Strafprozess: Keine Verteidiger zu finden

Erst nach zweieinhalb Monaten in Haft durften zwei frisch verurteilte Ladendiebe die Heimreise von Dresden aus antreten.

Prozess am Amtsgericht Dresden: Zwei Ladendiebe saßen zweieinhalb Monate in Untersuchungshaft. Kurz vor Silvester durften sie zu ihren Familien reisen.
Prozess am Amtsgericht Dresden: Zwei Ladendiebe saßen zweieinhalb Monate in Untersuchungshaft. Kurz vor Silvester durften sie zu ihren Familien reisen. © Symbolfoto: Sebastian Schultz

Dresden. So genannte beschleunigte Verfahren sollen Täter abschrecken, weil sie mit ihrer sofortigen Verhaftung und einem schnellen Urteil rechnen müssen. Zudem entlasten sie Staatsanwälte und Richter, weil Kleinkriminelle nicht über Monate und Jahre Ermittlungsverfahren aufhäufen können, ehe sie vor Gericht landen. Andererseits profitieren auch Gauner von diesem Tempo. Sie haben es schnell hinter sich. Manchmal sind ausländische Täter keine 24 Stunden nach ihrem Diebstahl schon auf dem Weg nach Hause.

So stand es eigentlich auch zwei Georgiern bevor, als sie am 14. Oktober in der Centrum-Galerie beim Stehlen erwischt und von der Polizei festgenommen wurden. Sofort veranlassten die Beamten nach Rücksprache mit der Justiz ein beschleunigtes Verfahren. Am 15. Oktober war die Anklage fertig, doch der Prozess fand erst am Dienstag, zweieinhalb Monate später, vor dem Amtsgericht Dresden statt.

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So lange saßen die beiden in der Dresdner Justizvollzugsanstalt fest. Angeblich hatte sich kein Verteidiger für die Diebe gefunden, hieß es. Bei drohenden mehrmonatigen Freiheitsstrafen stehen Angeklagten Verteidiger zu, doch im Oktober sei es schwierig gewesen, Anwälte zu finden. Die Frage, warum es dann aber zweieinhalb Monate Haft - einschließlich Corona-Quarantäne im Dresdner Gefängnis - wurden, blieb jedoch offen.

Laut Anklage hatten beide Männer keine gültigen Aufenthaltspapiere und sollen unabhängig voneinander aus Polen eingereist sein. Computer-Ingenieur Davit A. (25) habe im Karstadt-Sport eine „North Face“-Winterjacke für 220 Euro gestohlen. In der Umkleidekabine habe Dachdecker Varlami P. (31) mit einem Seitenschneider die Diebstahlsicherung entfernt.

Eine aufmerksame Verkäuferin hatte die Diebe bemerkt. Bei einer Durchsuchung stellte man bei P. noch eine Mütze sicher, die ebenfalls in dem Laden entwendet worden war. A. habe darüber hinaus zuvor zwei Pullover und ein T-Shirt im Wert von 94 Euro in einer New-Yorker-Filiale entwendet, indem er die Diebstahlsicherungen offenbar mit Gewalt aus den Textilien gerissen hatte.

Gemeinsame Jobsuche?

Wie schon bei ihrer ersten Vernehmung im Oktober gaben die Täter auch im Gericht alle Taten zu. Sie hätten sich in Dresden verabredet und dann am Hauptbahnhof getroffen, um gemeinsam auf Jobsuche zu gehen, behaupteten sie. Die Kleidung hätten sie gestohlen, weil sie gefroren hätten. Belege für die Jobsuche fanden sich nicht. P. sagte, er habe einige Jahre in Stettin als Dachdecker gearbeitet. A. sei erst im August 2020 wegen eines Jobs von Georgien nach Polen gereist, habe damals 1.000 US-Dollar monatlich verdient.

Strafrichter Roland Wirlitsch nahm den Angeklagten nicht alles ab. Der Tatablauf, das arbeitsteilige Vorgehen in der Umkleidekabine und der mitgebrachte Seitenschneider sprächen dafür, dass die zumindest in Deutschland nicht vorbestraften Männer schon über ein gewisses Maß an Erfahrung verfügten, so der Richter.

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Wirlitsch verurteilte die Angeklagten zu Bewährungsstrafen von zehn beziehungsweise acht Monaten, wie von der Staatsanwältin gefordert. Die Verteidiger Andreas Gumprich und Peter Hollstein hatten auf deutlich niedrigere Strafen plädiert. Die Urteile sind rechtskräftig – und die Angeklagten längst auf dem Heimweg. Eine Bewährungsauflage war, dass sie sich sofort zur Ausländerbehörde begeben und sich dort eine Grenzübertrittsbescheinigung abholen.

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