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Verflucht noch mal!

Die Gotteslästerung auf dem heiligen Rasen hatte jetzt für einen italienischen Fußballstar Konsequenzen. Dabei hat das Verdammen eine lange Tradition.

Blasphemie auf dem Rasen: Italiens Torwartlegende Gianluigi Buffon wurde erst kürzlich deswegen bestraft.
Blasphemie auf dem Rasen: Italiens Torwartlegende Gianluigi Buffon wurde erst kürzlich deswegen bestraft. © dpa/Reuters/John Sibley

Der Fußballgott lässt sich zur Blasphemie hinreißen. Im Dezember 2020 spielte die Mannschaft von Juventus Turin gegen Parma. Das Auswärtsspiel endete an jenem Samstagabend mit einem 4:0 für Juve. Doch es ist ein anderes Ereignis aus der Partie, über das auch Monate später noch gesprochen wird. Torwart-Idol und Juventus-Urgestein Gianluigi Buffon hatte während des Spiels einen Disput mit seinem damaligen Mannschaftskollegen Manolo Portanova.

Es waren anscheinend keine netten Worte, die er für ihn fand. Eine Videosequenz gibt es davon zwar nicht, wohl aber eine Tonaufnahme. Die bewegte den italienischen Fußballverband dazu, eine Untersuchung einzuleiten. Der Verdacht: Gotteslästerung. Die ist auf italienischem Fußballrasen nämlich verboten und wird bestraft.

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Es ist nicht der erste Fall dieser Art in der dortigen Fußballwelt, erzählt Gerd Schwerhoff, Inhaber der Professur für Geschichte der Frühen Neuzeit an der TU Dresden. Mit Schmähungen und Beleidigungen kennt er sich aus – wissenschaftlich natürlich. Seit 2017 ist er Sprecher des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanzierten Sonderforschungsbereichs "Invektivität". Wissenschaftler der Fakultät Sprach-, Literatur- und Kulturwissenschaften sowie der Philosophischen Fakultät beschäftigen sich mit der Geschichte der Beleidigungen, von der Römischen Republik bis in die Gegenwart.

Fluchen statt fromme Reden

Mit dem Thema Blasphemie hatte sich Schwerhoff vor Jahren schon in seiner Habilitation beschäftigt. „Vorher war ich bei Recherchen darauf gestoßen, dass die Menschen im 15., 16. und 17. Jahrhunderts sehr viel geflucht haben“, erzählt er. In historischen Gerichtsakten las er unter anderem über die Flüche, die nicht selten zu Strafen führten. „Ich fand das erstaunlich, weil man immer denkt, die Leute damals wären sehr fromm gewesen.“ Im Rahmen des Sonderforschungsbereichs vertiefte er seine Untersuchungen zum Thema. „Letztlich ist Gotteslästerung eine Form der Herabsetzung, eine Variante von Hate Speech, wie es heute heißt.“

Veröffentlicht hat der Historiker seine Recherchen nun im Buch „Verfluchte Götter. Die Geschichte der Blasphemie“. Darin zeichnet er die Entwicklungen von der Antike bis in die heutige Zeit nach. „Schon im Alten Testament spielt das Thema Gotteslästerung eine Rolle“, erläutert er. In Jesus‘ Aussage, er sei Gottes Sohn, der Messias sogar, sahen seine Kritiker eine blasphemische Äußerung. Auch wenn es das Wort Blasphemie damals noch nicht gab.

Das Christentum selbst erntete in seiner Anfangszeit ebenfalls Hohn und Spott. Die älteste Darstellung des gekreuzigten Jesus von Nazareth ist das sogenannte Spottkreuz aus der Zeit um das Jahr 200. An der Wand einer Offiziersanwärterschule aus dem alten Rom fanden Archäologen eine Zeichnung. Darauf zu sehen ist Christus mit einem Eselskopf, daneben ein Betender. Darunter steht geschrieben: „Alexamenos betet seinen Gott an“. Aber was für ein Gott soll das sein, der den Kopf eines Esels trägt? Doch das Christentum war nicht nur Opfer.

Die älteste Darstellung von Jesus am Kreuz ist gleichzeitig eine gotteslästerliche. Das Spottkruzifix zeigt Christus mit Eselskopf.
Die älteste Darstellung von Jesus am Kreuz ist gleichzeitig eine gotteslästerliche. Das Spottkruzifix zeigt Christus mit Eselskopf. © dpa PA/akg-images

Gerade in den Anfängen dieser neuen Religion wurde Gotteslästerung ebenfalls dazu genutzt, andere Götter und Religionen herabzusetzen. Auch im Christentum selbst war sie Abgrenzungsinstrument für die Gemeinschaften innerhalb des Glaubens. „Letztlich hat die Blasphemieanklage immer auch das Potenzial, andere zu denunzieren“, sagt der TU-Professor.

Zum juristischen Delikt machte der römische Kaiser Justinian die Blasphemie im 6. Jahrhundert zum ersten Mal. Die Pest und Hungersnot hatten damals im Römischen Reich gewütet. Für den Kaiser ein untrügliches Zeichen, dass Gott zornig auf die Menschen war. Verbale Beleidigungen gegen ihn wurden auch deshalb unter Strafe gestellt. „Man könnte sagen, das war eine Art politisches Katastrophenmanagement“, sagt Schwerhoff. Und es war ein Beispiel für die Herrschenden im Mittelalter, in dem Gerichte über Gotteslästerung urteilten.

In ernsten Fällen endeten die Verurteilten am Galgen oder die Zunge wurde ihnen zerschnitten. Während der Reformation fielen die Strafen für Gotteslästerung ebenfalls hart aus. Später zweifelten die Menschen aber immer öfter daran, ob sich ein allmächtiger Gott überhaupt durch lästerliche Reden beleidigen lässt. Immer mehr rückte in den Mittelpunkt, dass solche Schmähungen eher die Gläubigen treffen als ihren Gott selbst.

Das Jahr 1989 stellt für Schwerhoff und seine Betrachtungen zur Blasphemie eine Zäsur dar. Der indisch-stämmige Schriftsteller Salman Rushdie hatte kurz vorher seinen Roman „Satanische Verse“ veröffentlicht. Die darin von ihm geschilderte Lebensdarstellung des Propheten Mohammed war für den damaligen iranischen Staatschef Chomeini ein Vergehen gegen den Islam, den Propheten und den Koran. Mittels einer Fatwa verurteilte er Rushdie im Februar 1989 zum Tod. „Dieses Ereignis machte die Blasphemie zu einem globalen Thema“, beschreibt der Geschichtsprofessor die Bedeutung.

In jüngster Vergangenheit haben die Geschehnisse rund um die Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen und das Attentat auf die Redaktion der französischen Zeitung „Charlie Hebdo“ diese Problematik weiter sichtbar gemacht. Einige Muslime sehen in den Karikaturen einen Angriff des Westens auf den Islam. „Der Blasphemie-Konflikt wird dabei zum Sinnbild für einen kulturellen Grundkonflikt.“ Gerade die mediale Präsenz, vor allem auch in den sozialen Netzwerken im Internet, befeuere die Situation noch.

Gotteslästerung ist heute noch eine Straftat

In vielen europäischen Staaten existieren auch heute noch rechtliche Bestimmungen, die Gotteslästerung unter Strafe stellen – auch in Deutschland. In Paragraf 166 des Strafgesetzbuches wird sie sogar mit einer Geldstrafe oder mit bis zu drei Jahren Gefängnis gedroht. „Er wird aber schon seit Langem kaum mehr angewendet“, sagt Gerd Schwerhoff.

Im italienischen Fußball existiert ein Kodex, der die Blasphemie auf dem Rasen verbietet. Und daran hält sich der dortige Fußballverband auch penibel. So musste Gianluigi Buffon letztlich in zweiter Instanz die Zahlung von 5.000 Euro Strafe und die Sperre für ein Spiel hinnehmen. Die Strafe für Gotteslästerung gilt auch für Fußballgötter.

Gerd Schwerhoff: Verfluchte Götter.
Die Geschichte der Blasphemie.
S. Fischer Verlage, 528 Seiten, 29 Euro.

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