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Eine Feminismus-Forscherin für Dresden

Nikita Dhawan soll neue Politik-Professorin an der TU Dresden werden. Doch das Berufungsverfahren ist umstritten.

Nikita Dhawan, geboren 1972 in Thane (Indien), lehrt derzeit an der Universität Gießen.
Nikita Dhawan, geboren 1972 in Thane (Indien), lehrt derzeit an der Universität Gießen. © imago

Dresden. Es ist etwas still geworden um die Dresdner Politikwissenschaft, doch das könnte sich bald ändern. Die Professoren Werner J. Patzelt und Hans Vorländer, bundesweit bekannt durch ihre Pegida-Erklärungsversuche, sind emeritiert. Das Land hat inzwischen andere Sorgen als sächsische Islamgegner. Die Suche nach den Nachfolgern für Patzelt und Vorländer hat sich durch die Corona-Krise verzögert, soll aber bald abgeschlossen sein. Dabei gibt es bei einem der beiden Berufungsverfahren offenbar Unstimmigkeiten.

Nach Informationen der Sächsischen Zeitung aus Hochschulkreisen hat die indische Wissenschaftlerin Nikita Dhawan den Ruf auf den Lehrstuhl für Politische Theorie und Ideengeschichte an der TU Dresden erhalten. Sie könnte Vorländers Nachfolgerin werden. Derzeit ist sie Direktorin des Instituts für Politikwissenschaft an der Universität Gießen und forscht dort vor allem zu den Themen Feminismus, Gender Studies, Menschenrechte, Migration und Kolonialismus. Vorlesungen hält sie auf Englisch. Ihre Berufung wäre ein Signal für ein neues Image des Instituts, das lange Zeit von seinem konservativen Gründungsdirektor Patzelt geprägt worden war. Doch die Personalie ist umstritten, weil es Zweifel am Auswahlverfahren gibt.

Corona verzögert das Verfahren

Die Berufung einer Professur an einer deutschen Universität ist ein langer, komplizierter, bürokratischer Prozess – auch deshalb, damit es fair und transparent zugeht. Die Berufungsordnung der TU Dresden mit ihren 22 Paragrafen soll vor allem für „Qualitätssicherung“ und „Gleichbehandlung aller Bewerberinnen und Bewerber“ sorgen, wie es in der Präambel heißt. Die Berufungskommission setzt sich unter anderem zusammen aus Professoren, akademischen Mitarbeitern und Studenten. Dazu kommt mindestens ein externes Mitglied, also ein Professor oder eine Professorin von einer anderen Universität.

In der Berufungskommission zur Nachfolge Vorländers saß als externes Mitglied der Politikprofessor Hubertus Buchstein, Inhaber des Lehrstuhls für Politische Theorie und Ideengeschichte an der Universität Greifswald. Wie die SZ aus dem Umfeld der Universität erfuhr, hat Buchstein die Kommission schon im Mai vorigen Jahres verlassen. Er war mit bestimmten Umständen des Verfahrens nicht einverstanden.

Im Januar 2020 hatten sich in Dresden sechs Bewerberinnen und Bewerber mit Vorträgen präsentiert. „Vorsingen“ nennt man das an der Universität. Die siebte Bewerberin konnte zu diesem Termin im Januar nicht erscheinen, weil sie im Ausland war: Nikita Dhawan. Für sie sollte es einige Wochen später einen zusätzlichen Termin geben. Dann kam der Corona-Ausbruch dazwischen, Lockdown auch an den Universitäten. Um Nikita Dhawan doch noch „vorsingen“ lassen zu können, entschied man sich in der Kommission schließlich, sie per Videokonferenz anzuhören, allerdings erst im Juni.

Dieser zeitliche Abstand von mehreren Monaten sowie das Video-Format ließen offenbar zumindest bei Hubertus Buchstein Zweifel aufkommen, ob alle Bewerberinnen und Bewerber noch fair vergleichbar wären. Aus diesem Grund erklärte er gegenüber der Vorsitzenden der Berufungskommission seinen Rückzug aus dem Gremium. Auf Nachfragen der SZ will sich Buchstein dazu nicht weiter äußern.

Vertraulichkeit und Transparenz

Die Beratungen von Berufungskommissionen sind grundsätzlich nicht öffentlich. Dennoch kursieren Interna auf den Fluren der Fakultät. Im Raum steht die Vermutung, dass Nikita Dhawan als Wunschkandidatin trotz Zweifeln am Verfahren durchgebracht werden sollte. Nach SZ-Informationen wurden andere Mitglieder der Berufungskommission von der Vorsitzenden nicht offiziell über die Gründe von Buchsteins Austritt und dessen Zweifel informiert.

Auch aus dem Kreis der Bewerberinnen und Bewerber, die im Januar zum Vortrag in Dresden waren, hat die SZ erfahren, dass sie keine Informationen zu diesem Vorgang erhalten haben. Der Umgang mit Vertraulichkeit einerseits und Transparenz andererseits wird an den Universitäten unterschiedlich praktiziert. In der Berufungsordnung der TU Dresden wird ausdrücklich verlangt, dass „das Verfahren transparent ist und die Bewerberinnen bzw. Bewerber zeitnah über den Verfahrensstand informiert werden“.

Die Deutsche Vereinigung für Politikwissenschaft (DVPW) empfiehlt in einem Leitfaden „allen politikwissenschaftlichen Instituten eine möglichst transparente Darstellung der ablaufenden Prozesse in Bewerbungsverfahren, da dies die Einhaltung von Verfahrensregeln und eine angemessene Kommunikation der Entscheidungen an Bewerber*innen maßgeblich stärkt sowie zur Legitimität des Verfahrens und seines Ausgangs beiträgt“. Über die besonderen Umstände des Verfahrens wurden die Mitbewerberinnen und Mitbewerber in diesem Fall aber offenbar im Unklaren gelassen.

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Vorsitzende der Berufungskommission war Anja Besand, Professorin für Didaktik der politischen Bildung der TU Dresden. Die SZ hat sie um Stellungnahme zu den Unstimmigkeiten gebeten. Sie wollte sich dazu nicht äußern, weil das Verfahren „formal abgeschlossen“ und sie deshalb nicht mehr Vorsitzende sei. Fragen dazu an die TU wurden von der Pressestelle mit dem Hinweis beantwortet, in einem „noch laufenden Auswahlverfahren“ dürften aus verfahrensrechtlichen Gründen keine Details bekannt gegeben werden. Mitgeteilt wurde, dass ein Ruf ergangen ist und Verhandlungen geführt werden. Ein „zeitnaher Abschluss“ werde angestrebt.

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