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Kommt ein Baum zur Post

Der Tharandter Forstgarten verschickt Pflanzen in alle Welt. Ein Couvert reicht schon für einen kleinen Wald.

Große Frucht und kleiner Samen: Der Zapfen der Jeffrey-Kiefer, den Heike Gerhardt hier zeigt, ist so ziemlich das Größte, was der Tharandter Forstgarten an Zapfen zu bieten hat.
Große Frucht und kleiner Samen: Der Zapfen der Jeffrey-Kiefer, den Heike Gerhardt hier zeigt, ist so ziemlich das Größte, was der Tharandter Forstgarten an Zapfen zu bieten hat. © Daniel Schäfer

Wenn in diesem Garten Früchte geerntet werden, geschieht etwas Seltsames: Statt Fruchtfleisch und Saft zu gewinnen, Kerne und Steine wegzuwerfen, verfährt man genau anders herum: Alles Pflücken und Waschen, Schälen und Pulen, Backen und Passieren dient nur dazu, die ungenießbaren Bestandteile zu erhalten. Manchmal lässt man die Früchte sogar gären, um leichter an ihr Innenleben zu kommen. Ulrich Pietzarka, der wissenschaftliche Gartenchef, lächelt süffisant. "Es gibt wunderschöne Sauereien."

Im Forstbotanischen Garten Tharandt nimmt man solche "Sauereien" auf sich. Die Gärtner ernten nicht für die Marmelade, sondern für die genetische Vielfalt. Das Saatgut ihrer Bäume und Sträucher verschicken sie in alle Welt, nach Mailand in Italien, nach Gent in Belgien, nach Linz in Österreich, nach Tartu in Estland oder nach Bischkek in Kirgistan. Um die tausend Samenportionen gehen pro Saison auf die Reise.

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Teil des Tharandter Samenkatalogs: die Schindelrindige Hickory-Nuss. Sie kommt in den mittleren und südlichen US-Bundesstaaten vor.
Teil des Tharandter Samenkatalogs: die Schindelrindige Hickory-Nuss. Sie kommt in den mittleren und südlichen US-Bundesstaaten vor. © Daniel Schäfer

Er ist da, er findet statt, "live und in Farbe", sagt Kustos Ulrich Pietzarka. Er meint den Klimawandel. "Wir werden uns daran anpassen müssen." Auch im Pflanzenbau, egal ob im Wald, auf dem Feld, im Stadtpark oder im Obstgarten. Dafür wird man natürliche Ressourcen nutzen, altbekannte aber auch neue. Die einzige Möglichkeit zur Anpassung liegt in der genetischen Vielfalt, sagt der Kustos. Diese zu erhalten leiste der Forstgarten einen Beitrag.

Kommerzielle und Privatkunden scheiden aus

Er tut das im Verbund mit den botanischen Gärten des Globus, viele davon organisiert im IPEN, dem internationalen Netzwerk für den Austausch von Pflanzen, das mehr als 600 Mitglieder hat. Es geht um den sicheren Verkehr von genetischem Material, aber auch um das Benefit-Sharing, also um die faire Beteiligung von Ursprungsländern an der Nutzung ihrer Ressourcen.

So sehen die Samenkapseln des Schneeglöckchenbaums aus. Im Tharandter Forstgarten wächst das größte Exemplar Deutschlands.
So sehen die Samenkapseln des Schneeglöckchenbaums aus. Im Tharandter Forstgarten wächst das größte Exemplar Deutschlands. © Daniel Schäfer

Geliefert werden die Sämereien kostenfrei, allerdings nur an öffentliche Gärten, Forschungs- und Lehreinrichtungen. Kommerzielle Akteure oder Privatleute werden nicht bedient. "Das könnten wir auch gar nicht leisten", sagt Ulrich Pietzarka. Für das Pflücken der Früchte haben zwei seiner Gärtnerinnen ein gewisses Zeitbudget zur Verfügung. "Aber dann fängt die Arbeit erst richtig an." Allein um die Samen von den Schuppen einer Zapfe zu trennen, können Stunden vergehen.

Geschichten von Bäumen und ihren Menschen

Was der Forstgarten an Samen gewonnen hat, wird kurz vor Jahresende in einem Katalog, dem Index seminum, veröffentlicht. Ab Januar beginnt der Versand. Dieses Jahr sind 235 Pflanzenarten im Angebot. Das entspricht in etwa dem Schnitt der vergangenen Jahre. Nicht jede Pflanze liefert jedes Jahr zuverlässig Früchte. Spätfröste oder Dürre können die Ernte stark mindern. Und auf gute Jahre folgt oftmals eine Flaute, sagt Ulrich Pietzarka. "Die Pflanzen haben sich dann verausgabt."

Diese Kätzchen der Weißerle sind zum Trocknen ausgelegt, damit sie ihre Samen freigeben. Der Baum wächst im Westen der USA.
Diese Kätzchen der Weißerle sind zum Trocknen ausgelegt, damit sie ihre Samen freigeben. Der Baum wächst im Westen der USA. © Daniel Schäfer

Pro Adressat werden maximal dreißig Positionen eingepackt - ein kleines Wäldchen. Erledigt wird das in der Samenkammer. Hier sitzt Heike Gerhardt zwischen Kästen, Beuteln und Dosen und arbeitet die Bestellzettel ab. Eine schöne Abwechslung ist das, sagt sie, zur körperlich schweren Arbeit. Und während sie so sitzt und das Saatgut eintütet, fallen ihr manchmal Geschichten ein zu den Bäumen, oder zu den Menschen, die sie nach Tharandt brachten. Manchen Baum hat sie selbst mit eingepflanzt.

Samen aus Kleinamerika ist begehrt

Verschickt wird grundsätzlich nur Saatgut von Pflanzen, deren Herkunft verbürgt ist. Genaue Aufzeichnungen darüber gibt es im Tharandter Garten erst seit den 1970ern. Doch mit dem Aufbau des Forstparks, wo 2001 die Wälder Nordamerikas zu wachsen begannen, hat die Sammlung einen enormen Gewinn an Pflanzen von Originalstandort erfahren. Die mehr als 13.000 Pflanzplätze sind mit Gewächsen besetzt, deren Samen Tharandter Gärtner persönlich in Amerika eingesammelt haben.

Früchte der Schwarznuss. Der Baum ist für sein schönes schweres Holz bekannt, das gern im Möbelbau eingesetzt wird.
Früchte der Schwarznuss. Der Baum ist für sein schönes schweres Holz bekannt, das gern im Möbelbau eingesetzt wird. © Daniel Schäfer

Viele dieser Pflanzen tragen nun selbst Früchte und werden gern bestellt. Das kann man am Arbeitsplatz von Heike Gerhardt sehen. Hier liegen Samen der Schwarznuss, zu Hause im Osten der USA und in Texas. Daneben Hickory-Nüsse, zu finden in den mittleren und südlichen US-Bundesstaaten. Und es gibt den Samen des Mammutbaums, der an der Westküste wächst. Er kommt erst ans Licht, wenn die Hitze der Waldbrände die Zapfen öffnet. In Tharandt wird das Naturereignis im Backofen simuliert, oder im Kochtopf.

Krankheitserreger dürfen nicht reisen

Doch selbst Riesen wie der Mammutbaum passen in die Versandtasche, die nicht größer ist als eine Tüte Kamillentee. Die Pflanzen als Samen zu verschicken, ist das Billigste und - vor allem - das Sicherste, sagt Kustos Pietzarka. Samen sind von Haus aus zum Überdauern gemacht. Man kann sie säubern und trocknen und braucht keine Erde. Ohne Erde ist die Wahrscheinlichkeit, dass Krankheitserreger - Bakterien oder Pilze - mit auf die Reise gehen, sehr viel geringer, sagt er. "Wir müssen die Risiken minimieren."

Samen des Fünfgriffligen Weißdorns. Balkan, Türkei und Kaukasus gehören zum originalen Verbreitungsgebiet des Strauchgewächses.
Samen des Fünfgriffligen Weißdorns. Balkan, Türkei und Kaukasus gehören zum originalen Verbreitungsgebiet des Strauchgewächses. © Daniel Schäfer

Es ist wahrscheinlich, dass der Tharandter Forstgarten künftig ein noch beliebterer Lieferant für Samen wird. In letzter Zeit hat Ulrich Pietzarka intensiv den russischen Fernen Osten bereist und Saatgut aus der sogenannten Ussuri-Taiga mitgenommen, ein riesiges Gebiet unberührter Natur an der Grenze zu China. Manche Samen sind in Tharandt schon aufgegangen, einige Pflanzen wachsen bereits im Freiland.

Fernost könnte heimische Wälder bereichern

Pietzarka findet die fernöstliche Taiga deshalb so spannend, weil sie einerseits sehr artenreich und andererseits an Klima-Extreme angepasst ist. Es sei also denkbar, die hiesigen Wälder mit Baumarten von dort zu ergänzen, um sie klimastabil zu machen. Außerdem hat er jede Menge attraktive, hier aber kaum bekannte Pflanzen gesehen, die im Gartenbau der Zukunft Karriere machen könnten.

So sieht es aus, wenn Bäume zur Post kommen. Diese Sendung ist für einen botanischen Garten im Herzen Transsilvaniens bestimmt.
So sieht es aus, wenn Bäume zur Post kommen. Diese Sendung ist für einen botanischen Garten im Herzen Transsilvaniens bestimmt. © Daniel Schäfer

Aber jetzt müssen die Bäume der Gegenwart erst mal zur Post. Hundert bis hundertfünfzig Tüten schätzungsweise. Gerade hat Heike Gerhardt die Tüte für den rumänischen Gradina Botanica Borza zugenietet. Darin Samen der Koreanischen Tanne, der Garry-Eiche und der Bärentraube. "Samenproben ohne Wert" steht neben der Adresse aufgestempelt. Die Leute in Transsilvanien werden das anders sehen. Und die Forstgartenvögel auch. Was bis April nicht aus der Samenbank verschwunden ist, kriegen sie zu fressen.

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