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Trotz Pegida: Mehr internationale Studierende an der TU

Eine Studie bringt den Rückgang beim Zuzug junger Menschen mit Pegida in Verbindung. An der TU Dresden scheint dieser Trend aber rückläufig zu sein.

Mariam Sayed hat sich nicht von Dresdens rechtem Image von einem Studium an der TU abschrecken lassen. Und es nicht bereut.
Mariam Sayed hat sich nicht von Dresdens rechtem Image von einem Studium an der TU abschrecken lassen. Und es nicht bereut. © privat

Dresden. Es war ein Weckruf für alle Dresdner Hochschulen: Eine Studie des ifo-Instituts kam zu dem Schluss, dass sich aufgrund des vermeintlichen rechten Images der Stadt immer weniger junge Menschen für ein Studium in der sächsischen Landeshauptstadt entschieden. Der Grund hierfür: Dresden sei wegen der Pegida-Proteste in den Fokus der öffentlichen Debatte geraten und leide seitdem unter einem ausländerfeindlichen Image. Dies gelte der Studie zufolge vor allem für Studienanfänger aus dem Ausland und den alten Bundesländern. Sie entschieden sich seit 2015 deutlich seltener für ein Studium in Dresden.

Wie hat die Technische Universität als größte Hochschule in Dresden auf diesen Trend reagiert? Was bewegt junge Studierende, die heute nach Dresden kommen? Und haben nicht auch die steigenden Mieten einen Einfluss auf den Zuzug junger Menschen? Eine Analyse.

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Das Image: TU Dresden ist sich des Problems bewusst

Mit den Ergebnissen der Studie konfrontiert, antwortet die Pressesprecherin der TU Dresden, Claudia Kallmeier, dass der Universität das Problem durchaus bewusst sei. Man würde das Thema sehr ernst nehmen und auch weiterhin öffentlich für Werte wie Weltoffenheit und Toleranz werben, sowie internationale Studierende gezielt unterstützen.

Als Beispiel hierfür habe die TU das Dresden-Concept Welcome Center ins Leben gerufen, um internationale Wissenschaftler und deren Familien dabei zu unterstützen, in Dresden anzukommen. Dazu beantwortet die Servicestelle der Initiative alle nicht-akademischen und praktischen Fragen, um den Neuankömmlingen den Aufenthalt in Dresden so angenehm und einfach wie möglich zu gestalten.

Internationale Studierende und Wissenschaftler, die sich angegriffen, belästigt oder diskriminiert fühlen, können sich darüber hinaus an die Kontaktstelle der Initiative "We care" wenden, um sich Hilfe zu holen.

Kallmeier führt an, dass die Bestrebungen von Bewegungen wie Pegida konträr zum Selbstverständnis einer weltoffenen, toleranten und vielfältigen Gesellschaft stünden, für die sich auch die TU Dresden einsetze. "Exzellente Wissenschaft braucht Internationalität und Offenheit. Daher hat sich die TU Dresden von Anfang an gegen ausländerfeindliche Hetze und nationalistisches Gedankengut gestellt und tut dies auch weiterhin", so Kallmeier.

Die Zahlen: Problem trifft eher auf Studierende aus alten Bundesländern zu

Wie es scheint, zahlt sich das Engagement der TU Dresden aus. Denn nachdem die Zahl der internationalen Studierenden nach 2015 tatsächlich auch an der TU deutlich zurückgegangen war, stieg sie ab dem Wintersemester 2016/17 wieder an. Zwar sei die Zahl zuletzt aufgrund der coronabedingten Einreisebeschränkungen wieder gesunken, doch verzeichne man zum derzeitigen Bewerbungszeitpunkt schon wieder über 60 internationale Bewerbungen mehr als im Vorjahr.

Ein ähnlicher Positivtrend lässt sich seit dem vergangenen Semester bei den Zahlen der Studienanfänger aus den alten Bundesländern beobachten. Zuvor war der Einbruch aber sehr deutlich sichtbar. Zwar ist zu beachten, dass der hohe Ausgangswert von 2013/14 auch auf die doppelten Abiturjahrgänge aufgrund der Schulreform in Bayern und anderen Bundesländern zurückzuführen ist. Dennoch scheint das rechte Image der Stadt bis zum Wintersemester 2019/20 viele von einem Studium an der TU abgehalten zu haben.

Seither werden wieder etwas mehr Studierende aus den alten Bundesländern gezählt. Im vergangenen Wintersemester waren es 1.355, etwa doppelt so viele wie im Wintersemester zuvor.

Die Wahrnehmung: Bewusste Entscheidungen für Dresden

Eine angehende Studentin aus Bayern, die sich nicht vom Image der sächsischen Landeshauptstadt hat abschrecken lassen, ist Emily Fleury. Die 19-Jährige hat vor, ab September in Dresden Kunstgeschichte zu studieren. "Ich habe mich mehr für die Stadt Dresden entschieden als für die Technische Universität selbst. Dresden ist nicht sehr bekannt für seine künstlerischen Studiengänge."

Zwar kommt ihre Familie ursprünglich aus Leipzig, doch hat sie bis jetzt lange Zeit in München gelebt. Als einen der Gründe, weshalb sie sich für Dresden entschieden hat, nennt sie: "Ich glaube, weil Dresden so eine starke rechte Szene hat, ist es umso wichtiger, hierherzuziehen, um die Stadt nicht den Rechtspopulisten zu überlassen."

Auch Mariam Sayed aus Kairo hat sich bewusst für die Landeshauptstadt entschieden. Sie studiert seit 2019 Informatik an der TU Dresden. Um einen Studienplatz an einer deutschen Hochschule zu bekommen, hat sie viel getan: "Ich war drei Jahre jede Woche in der Schule und habe am Wochenende Sprachkurse belegt, um Deutsch zu lernen. In dieser Zeit habe ich viel mehr gearbeitet, als meine Klassenkameraden."

Ihr Fleiß wurde belohnt: Neben Dresden hatte sie auch Zusagen für ein Studium in München und Aachen. Für die sächsische Landeshauptstadt entschied sie sich, da schon ihr Opa hier studiert und ihr die Stadt von Anfang an gefallen hat. Mit Rassismus und Ausgrenzung hat sie bislang nur wenige Erfahrungen machen müssen. "Ich habe es ein paar Mal erlebt, dass ein Mann zu mir sagte: Sprich Deutsch. Aber mir passiert sowas nicht oft. Ich glaube, das liegt daran, dass ich tatsächlich gut Deutsch spreche."

Insgesamt berichtet die gläubige Muslima eher positiv von ihrem Leben in der Stadt: "Ich glaube, solange man fleißig ist und viel arbeitet, werden das die Leute schätzen", sagt sie.

Die anderen Faktoren: Wohnkosten für Studenten unterdurchschnittlich hoch

In den Facebook-Kommentaren unter dem Artikel vom 19. August über die Ergebnisse der Ifo-Studie fragten sich einige Leser, ob denn nicht auch der stetig steigende Mietspiegel der Stadt einen Einfluss auf den ausbleibenden Zuzug gehabt haben könnte. Dies scheint jedoch nur bedingt der Fall zu sein. So stiegen die Mietpreise in Dresden in den vergangenen Jahren zwar kontinuierlich an, doch auch nicht mehr als in anderen Städten der gleichen Größe. Zumindest Mariam Sayed und Emily Fleury bestätigen, dass sie keine großen Probleme hatten, eine Wohnung zu finden, und die Mietpreise in Dresden generell eher erschwinglich sind.

Zu diesem Schluss kommt auch das Portal WG-Suche.de. Die Betreiber der Seite haben sich die Mühe gemacht, die Durchschnittsmieten für ein WG-Zimmer in allen deutschen Hochschulstandorten zu vergleichen. Laut der Übersicht bezahlen Studierende in Dresden für ein WG-Zimmer durchschnittlich 324 Euro Warmmiete monatlich. Damit liegt die Stadt im unteren Mittelfeld und weit abgeschlagen hinter Städten wie München, Stuttgart oder Frankfurt am Main.

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Etwas günstiger wohnen kann man stattdessen in Halle an der Saale, in Leipzig oder Erfurt. Insgesamt aber blieb Dresden, wie auch der Großteil anderer ostdeutscher Städte 2020, mit einer Durchschnittsmiete von 6,17 Euro pro Quadratmeter unter der Durchschnittsmiete in den deutschen Großstädten, die bei 7,11 Euro pro Quadratmeter liegt, wie der F+B-Mietspiegelindex zeigt.

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