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Blick in die Schatztruhe der Universität

Rund eine Million Objekte gehören zum Sammlungsschatz der TU Dresden. Jetzt wird er sichtbar – für die ganze Welt.

Wer sammelt das Nest eines Haussperlings? Die TU Dresden. Es ist eines von rund einer Million Objekte im Sammlungsbesitz der Hochschule.
Wer sammelt das Nest eines Haussperlings? Die TU Dresden. Es ist eines von rund einer Million Objekte im Sammlungsbesitz der Hochschule. © Kustodie TU Dresden

Es ist eine Expedition. Für die brauchen Interessierte jedoch keine spezielle Ausrüstung, sie müssen noch nicht einmal die eigene Wohnung verlassen. Diese Forschungsreise funktioniert von der Couch aus. Mit wenigen Klicks tauchen die Wissebegierigen ein in unbekannte Welten der Physik, der Farbenlehre oder der phonetisch-mechanischen Raffinessen. Die Entdeckungsreise passiert online. Eine neue Internet-Datenbank macht die Schätze der Technischen Universität Dresden nun für alle sichtbar. Lange verborgene Sammlungsstücke präsentiert die Hochschule jetzt im Netz. Die Welt gräbt sich dort in Zukunft durch fast eine Million Gegenstände. Die Ersten sind nun bereits zu sehen.

Insgesamt 40 technisch-naturwissenschaftliche Sammlungen besitzt die TU Dresden. Hinzu kommen Werke der sächsischen Kunst aus der Zeit nach 1945. Um all das kümmert sich die Kustodie der TU Dresden als zentrale Einrichtung.

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Internationaler Tag der Pflege
Internationaler Tag der Pflege

Der Internationale Tag der Pflege findet jährlich am Geburtstag von Florence Nightingale statt.

Mit der Einführung der „Universitätssammlungen Online“ möchte sie nun die Sichtbarkeit der einzigartigen Objekte über die Universitätsgrenzen hinaus erhöhen. „Um die Pflege und Verwaltung kümmern sich verschiedene Sammlungsbeauftrage in den einzelnen Instituten. „Mit der neuen Datenbank können wir all das viel effektiver verwalten“, sagt Kustodie-Direktorin Kirsten Vincenz. Dieser Überblick ermögliche es nun auch viel besser, die Bestände für Forschung und Lehre zu erschließen.

Das zugrunde liegende Datenbanksystem wurde vom Dresdner IT-Unternehmen Robotron gemeinsam mit den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden konzipiert und ist dort seit 2005 im Einsatz. Betreut wird die Datenbank durch das Zentrum für Informationsdienste und Hochleistungsrechnen der TUD, das als zentraler Projektpartner die notwendigen technischen Ressourcen zur Verfügung stellt. Investiert wurde eine Summe unter 100.000 Euro.

Bislang digitalisiert sind bereits 20.000 Sammlungsobjekte. Insgesamt sollen im Laufe der kommenden Jahre rund eine Million Datensätze entstehen. Online präsentiert werden derzeit bereits acht ausgewählte Sammlungen mit je etwa 20 Objekten.

Kunst mit Schwingung

Es ist keine Zeichnung und kein Druck. Was hier für Muster sorgt, ist Sand. Eine dünne Metallplatte wurde dafür mit dem Mineral bestreut. Mit einem Geigenbogen setzten sie TU-Wissenschaftler im Jahr 1957 in Schwingung. Je nach Stelle entwickeln sich durch die Wellen unterschiedlichste Muster. Danach wurde der Sand fixiert. Vorlage waren die Klangfiguren nach Ernst Florens Friedrich Chladni. Eine moderne Methode davon wird heute im Geigenbau verwendet. Mit einem Laserscanner erstellen Instrumentenbauer ein 3-D-Schwingungsprofil, um das Resonanzverhalten zu optimieren.

Sieht aus wie Kunst, ist aber pure Wissenschaft. Diese Klangbilder entsehen durch Schwingungen.
Sieht aus wie Kunst, ist aber pure Wissenschaft. Diese Klangbilder entsehen durch Schwingungen. © TU Dresden Kustodie

Sag mal "Mama"!

Sprechlaute künstlich zu erzeugen – das klappte schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Die Stimm-Mechanik des Gerätebauers Ganske aus dem Jahr 1913 sagt „Mama“ und „Papa“. Möglich wird das durch einen Blasebalg an der Unterseite. Die Luft strömt dann über eine geeignete Zungenpfeife, wodurch eine Lautfolge entsteht. Vorlage für diese Sprechmaschine waren Entwicklungen des Sonnebergers Hugo Hölbe, der schon im 19. Jahrhundert für dort ansässige Spielzeugfabrikanten Stimmen für Puppen und Stofftiere fertigte. Sprachsynthese der ersten Generation.

Künstliche Sprachlaute entstanden schon Anfang des 20. Jahrhunderts durch dieses Gerät.
Künstliche Sprachlaute entstanden schon Anfang des 20. Jahrhunderts durch dieses Gerät. © TU Dresden, Kustodie

Ein Hegel mit Klemperer

Ebenso wie der Schriftsteller Victor Klemperer und andere Wissenschaftler jüdischer Herkunft, wird der Psychologe und Professor für Psychotechnik Walter Blumenfeld 1935 aus dem Hochschuldienst der damaligen Technischen Hochschule Dresden entlassen und emigriert nach Peru. Klemperer schenkt ihm zum Abschied die Erstausgabe von Hegels „Phänomenologie“, ein Erbstück seines Vaters. Auf der Titelseite schreibt er die Widmung: „s. (seinem) l. (lieben) W. (Walter) Blumenfeld. auf Wiedersehen im freien Deutschland! V. (Victor) Klemperer Dresden 12/7 35.“

Diese ganz besondere Erstausgabe von Hegels "Phänomenologie" war ein Abschiedsgeschenk.
Diese ganz besondere Erstausgabe von Hegels "Phänomenologie" war ein Abschiedsgeschenk. © TU Dresden Kustodie

Neues Farbsystem

Im Jahr 1912 veröffentlichte der Auer Farbkartenhersteller Paul Baumann „Baumanns neue Farbkartonkarte“. Das neue Farb-Ordnungssystem hatte sich der Malermeister Otto Prase ausgedacht. Es enthielt 1.359 abgestufte Farbentöne, Messtafeln und genaue Angaben für die Pigmentmischung der dargestellten Farben. Im Besitz der TU Dresden befindet sich die Originalausgabe aus dem Nachlass von Paul Baumann. Die Farbkarten von Baumann und Prase wurden patentiert und mehrfach prämiert und waren lange Zeit wichtige Grundlagen für Industrie, Gewerbe und Handwerk.

Eine Revolution in der Farbenlehre. Diese Farbkarte aus Sachsen war lange Zeit sehr gefragt.
Eine Revolution in der Farbenlehre. Diese Farbkarte aus Sachsen war lange Zeit sehr gefragt. © TU Dresden Kustodie

Schmuckstück für Besonderes

1893 stiftete der sächsische König Albert eine Amtskette für den Hochschulrektor. Angefertigt wurde sie von Hofjuwelier G. A. Scharffenberg nach einem Entwurf des Bildhauers Reinhard Schauder. Die Kette besteht aus durchbrochenen Goldgliedern mit farbiger Emaillierung. Zentrales Element ist ein Bildnis König Alberts von Sachsen. Daran ist mit drei Ketten eine allegorische Darstellung der „Technischen Künste“ befestigt. Erst 2021 wurde die Kette restauriert. Um sie zu erhalten, kommt sie nur zu besonderen Anlässen zum Einsatz. Seit 2008 wird ansonsten ein Duplikat verwendet.

Der sächsische König Albert bezahlte die Rektorenkette. Heute gibt es auch ein Duplikat von ihr.
Der sächsische König Albert bezahlte die Rektorenkette. Heute gibt es auch ein Duplikat von ihr. © TU Dresden Kustodie

Wertvolles Klopapier

Der Energiewirtschaftler und spätere Dresdner Hochschullehrer Walther Pauer meldete sich 1914 als Kriegsfreiwilliger und geriet 1916 in französische Gefangenschaft. Dort befasste er sich theoretisch mit Gegendruck- und Entnahmedampfmaschinen. Der erste Entwurf seiner Arbeit wurde von den Franzosen beschlagnahmt, den zweiten verfasste er in Stenoschrift auf einer Klopapierrolle, die seit 2015 im Besitz der Kustodie der TU Dresden ist. Nach seiner Entlassung aus der Gefangenschaft im März 1920 konnte Walther Pauer mit dieser Arbeit im Dezember 1920 an der TH Dresden promovieren.

Im Notfall passt der Grundstein der beruflichen Zukunft auch auf eine Klopapierrolle, bewies der spätere Hochschullehrer Walther Pauer.
Im Notfall passt der Grundstein der beruflichen Zukunft auch auf eine Klopapierrolle, bewies der spätere Hochschullehrer Walther Pauer. © TU Dresden Kustodie

Die kleine Revolution

Zugegeben, unter klein und handlich versteht der Mensch heute anderes. Der Kleinrechner D 4a war im Jahr 1963 aber trotzdem eine Revolution. Von Nikolaus Joachim Lehmann am Institut für Maschinelle Rechentechnik konzipiert und entwickelt, war er deutlich kleiner als seine riesigen Vorgängermodelle. Insgesamt entstanden am IMR vermutlich sechs Exemplare. In einer überarbeiteten Version wurde der Rechner kommerziell ab 1966 als Cellatron C 8201 bis Cellatron C 8205 in Zella-Mehlis gefertigt – cirka 3.000 Exemplare wurden davon hergestellt.

Noch weit entfernt vom PC, aber seiner Zeit schon weit voraus: der D 4a aus Dresden.
Noch weit entfernt vom PC, aber seiner Zeit schon weit voraus: der D 4a aus Dresden. © TU Dresden Kustodie

Ein Buch, das spricht

Im thüringischen Sonneberg wurden im 19. Jahrhundert Stimmen für Puppen und Spieltiere produziert. Der dortige Verleger Theodor Brand ließ sich 1878 ein Patent für die Vereinigung von Abbildungen mit Stimmen in Form eines Buches erteilen. Sein sprechendes Bilderbuch wurde ein Erfolg und jahrzehntelang in mehreren Sprachen weltweit verkauft. Die Historische akustisch-phonetische Sammlung der TU Dresden besitzt eine Spezialsammlung der Bücher. Darunter auch ein seltenes kleines Buch in Englisch, das für den Export bestimmt war und nach 1910 hergestellt wurde.

Das sprechende Bilderbuch war international ein Verkaufsschlager und wurde berühmt.
Das sprechende Bilderbuch war international ein Verkaufsschlager und wurde berühmt. © TU Dresden Kustodie

Glühlampe mal anders

Sieht futuristisch aus, ist aber schon älter. Diese Glühlampe ermöglicht Experimente mit verschiedenen Füllgasen und Drücken. Heute befindet sie sich in der Sammlung Physikalischer Geräte der TU Dresden. Eine normale Glühlampe ist dafür vermutlich von einem Glasbläser mit einem Glasrohrstutzen mit Glasschliff versehen worden. Dadurch lassen sich Experimente mit verschiedenen Gasdrücken beziehungsweise Gasen durchführen. Da der Glühfaden sofort verbrennen würde, darf diese Lampe nur unter Vakuum oder mit reaktionsträgem Inertgas betrieben werden.

Sieht verrückt aus, hatte für experimentelle Zwecke aber durchaus ihre Vorteile: eine speziell angefertige Glühlbirne.
Sieht verrückt aus, hatte für experimentelle Zwecke aber durchaus ihre Vorteile: eine speziell angefertige Glühlbirne. © TU Dresden Kustodie

Ei, was macht das denn hier?

Was will eine Technische Universität denn mit einem Vogelnest? Das denken vermutlich viele, wenn sie dieses Exemplar in der neuen Datenbank der Unisammlungen entdecken. Es ist Teil der Forstzoologischen Sammlung der TU Dresden. Das Nest des Haussperlings mit vier Eiern gehört zur Vogelsammlung und ist eines von rund 50 Nestern, die nach dem Weißeritzhochwasser 2002 aus den Lagern gerettet werden konnten. Die Forstzoologische Sammlung war damals zu großen Teilen im Erdgeschoss verschiedener Gebäude untergebracht und erlitt durch die Wassermassen viele Verluste. Die Herkunft der meisten Vogelnester ist weitestgehend unbekannt. Das älteste Nest ist aber wahrscheinlich das eines Rohrsängers. Es ist aus dem Jahr 1858 und stammt aus Halle.

Das Nest des Haussperlings wäre in den Archiven der TU Dresden im Jahr 2002 durch das Weißeritzhochwasser fast zerstört worden. Nun ist es doch noch zu sehen.
Das Nest des Haussperlings wäre in den Archiven der TU Dresden im Jahr 2002 durch das Weißeritzhochwasser fast zerstört worden. Nun ist es doch noch zu sehen. © Kustodie TU Dresden

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