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Crystal-Prozess: Überraschende Wende

In einem nicht enden wollenden Drogenprozess hat der Hauptangeklagte nun seinen langjährigen guten Kumpel und mutmaßlichen Komplizen schwer belastet.

Der wegen Mordes an seinen Kindern verurteilte Laurent F., hier vermummt in seinem eignen Prozess, könnte erneut in einem Drogenprozess aussagen müssen. Er wurde von seinem Kumpel Andre G., der seit Februar wegen Handels mit Crystal vor dem Landgericht
Der wegen Mordes an seinen Kindern verurteilte Laurent F., hier vermummt in seinem eignen Prozess, könnte erneut in einem Drogenprozess aussagen müssen. Er wurde von seinem Kumpel Andre G., der seit Februar wegen Handels mit Crystal vor dem Landgericht © Archivbild/Ronald Bonß

Dresden. Schon seit Februar steht Andre G. (47) vor dem Landgericht Dresden. Laut Anklage hat der Mann 2018 und Anfang 2019 im großen Stil mit Crystal gehandelt. Es geht um mehrere Kilo der Droge, die er bei einem Mittelmann in Polen besorgt und mit Hilfe eines alten Freundes eingeführt haben soll.  

Dass der Prozess von allen Seiten mit Engagement geführt wird, liegt auf der Hand. Für den in der Sowjetunion geborenen Deutschen Andre G. geht es mehr oder weniger um den Rest seines Lebens. Da er bereits mehrfach wegen schwerster Straftaten verurteilt worden ist, droht ihm neben einer neuen Haft auch eine Sicherungsverwahrung im Anschluss. 

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Diese Woche war das Urteil geplant. Doch es gab erneut Verzögerungen, Befangenheitsanträge, neue Beweisanträge - und eine handfeste Überraschung. G. bestreitet jegliche Beteiligung an den ihm vorgeworfenen Taten. Vielmehr sei sein guter Freund Laurent F., der in der Anklage als Kurier genannt wird, für die Taten verantwortlich. 

Doppelmord schlägt Kurierfahrt

Der 55-jährige Franzose Laurent F. ist kein Unbekannter. Er wurde erst im Mai dieses Jahres wegen zweifachen Mordes zu einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe verurteilt. F. hatte im Mai 2019 seine beiden zwei und fünf Jahre alten Kinder erdrosselt und versucht, seine von ihm getrennt lebende Ehefrau zu töten. In dem Schwurgerichtsprozess am Landgericht Dresden war F. auch beschuldigt worden, Anfang 2019 knapp ein Kilogramm Crystal und bereits Ende 2018 zweimal rund 400 Gramm Crystal aus Polen eingeführt zu haben.

F. hatte im Frühjahr als Zeuge im Prozess gegen Andre G. gesessen, aber dort – wenn auch wortreich – geschwiegen, um sich nicht selbst belasten zu müssen. Das war damals sein gutes Recht. Nun könnte sich das allerdings ändern, denn das Schwurgericht hat die „bewaffnete Einfuhr einer nicht geringen Menge Betäubungsmittel“ im Hinblick auf die Verurteilung wegen zweifachen Mordes eingestellt. Denkbar ist, dass das Gericht neben den von G.s Verteidiger Brunzel beantragten Zeugen auch Laurent F. nochmals in den Zeugenstand lädt.

Aus den Beweisanträgen des Verteidigers geht hervor, dass sein Mandant dem Franzosen eine größere Menge Geld geliehen habe. Damit soll Laurent F. seine Drogengeschäfte finanziert haben - bis er im Januar 2019 bei einer von der Polizei überwachten Beschaffungsfahrt erwischt wurde.

Gute Freunde seit Jahrzehnten

Andre G. und Laurent F. sind seit den 90er-Jahren dicke Kumpels, saßen teilweise gemeinsam im Knast. Im Prozess gegen F. hatte ein Ermittler berichtet, dass Andre G. sich sehr positiv über F. und seine Familie geäußert habe. F. wiederum hatte gesagt, dass er G. in all den Jahren immer wieder unterstützt habe.

Die Frage drängt sich also auf, ob das Tischtuch zwischen den beiden Männern nun tatsächlich durchtrennt ist, oder ob sie einen Dreh gefunden haben, damit G. seinen Kopf aus der Schlinge ziehen kann. Eine denkbare Möglichkeit: F. nimmt die Drogendeals auf sich, weil er keine höhere Strafe als lebenslänglich bekommen kann. Über eine solche Wendung hatten Prozessbeobachter bereits im Februar spekuliert.

In dem Drogenprozess gegen Andre G. hat es vergangene Woche jedoch zunächst aus anderen Gründen gekracht. Der Grund: Die Kammer hatte das Verfahren gegen den Mitangeklagten Dominik H., einen 38-jährigen Deutsch-Polen, der nicht in Haft sitzt, abgetrennt. Während die Beweisaufnahme gegen G. aus Sicht des Gerichts abgeschlossen ist, werde in der Sache gegen H. noch ein Zeuge aus Polen benötigt.

Der habe jedoch eine Reise nach Deutschland abgelehnt und könne daher nur noch per Video-Konferenz vernommen werden. Das sei die einzige Möglichkeit, die Fragen zu klären. Weil die Vorbereitung einer solchen internationalen Rechtsangelegenheit einige Wochen Vorbereitung erfordert, wollte die Kammer zumindest das Verfahren gegen Andre G. beenden. Daher die Abtrennung am Mittwoch.

Kritik von den Verteidigern

Die Entscheidung erregte heftige Kritik der Verteidiger beider Angeklagten. Sie halten das Gericht für befangen und argumentierten, dass es schlechterdings nicht denkbar sei, das Verfahren gegen einem Mitbeschuldigten abzutrennen.

Als das Gericht am Donnerstag die Beweisaufnahme im Prozess gegen den alleinigen Angeklagten Andre G. schließen wollte, stellte Verteidiger Brunzel mehrere Beweisanträge. Die Zeugen, die er anführte, sollen nun belegen, dass nicht sein Mandant, sondern allein Laurent F. für die Taten verantwortlich sei.

Andre G. hat zwar „nur“ drei Verurteilungen in seinem Vorstrafenregister. Die jedoch haben es in sich und führen ins Dresdner Rotlichtmilieu der 90er-Jahre. So hat er im Juni 1996 in Pieschen zwei Prostituierte und ihren Zuhälter erschossen und war dafür 1999 wegen Mordes in drei Fällen ebenfalls zu einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe verurteilt worden. Darin enthalten ist eine frühere Verurteilung von viereinhalb Jahren Haft aus dem Jahr 1997 wegen gefährlicher Körperverletzung, Freiheitsberaubung und versuchter räuberischer Erpressung.

Ende 2013 kam er auf Bewährung aus dem Gefängnis. Doch es ging nicht lange gut. Im August 2015 kassierte G. weitere zwei Jahre und neun Monate wegen bewaffneter Einfuhr und Besitzes größerer Mengen Crystal.

Wenn sein Mandant nun wieder verurteilt werden sollte, wird er neben der neuen Freiheitsstrafe auch noch Reste seiner früheren Freiheitsstrafen, die zur Bewährung ausgesetzt worden waren, abzusitzen haben, sagte Brunzel. Für eine anschließende Sicherungsverwahrung sieht er keinen Grund.

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Das einzige, was dem Gericht nur blieb, war, neue Verhandlungstage zu finden. Vorerst hat die Kammer also zwei Verfahren in der gleichen Sache parallel am Laufen. Wie eng die Planung der Kammer ist, zeigen zwei geplante Sitzungs"tage", die erst abends um 18 Uhr abends beginnen sollen. Gewonnen ist daher bislang nichts. 

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