merken
PLUS Dresden

„Sie haben eine Familie kaputt gemacht“

Nach fünf Monaten endete der Prozess um den tödlichen Raser-Unfall in Dresden. Der Hauptangeklagte bleibt in Haft.

Die beiden Angeklagten müssen sich bereits seit Anfang Februar vor dem Landgericht Dresden verantworten
Die beiden Angeklagten müssen sich bereits seit Anfang Februar vor dem Landgericht Dresden verantworten © SZ/Schneider

Dresden. Lange fünf Monate verhandelte das Landgericht Dresden um Frage, warum genau der sechsjährige Ali im August 2020 sterben musste. Am Montag urteilten die Richter, dass der Junge Opfer eines Autorennens geworden war, das sich die beiden Angeklagten, Mohammad F. (32) und Mohamed A. (24), geliefert hatten. Die Angeklagten wurden am Abend wegen eines verbotenen Kraftfahrzeugrennens mit Todesfolge schuldig gesprochen. Wegen des Zuschauerinteresses hatte das Gericht die Sitzung am Mittag in das Prozessgebäude des Oberlandesgerichts am Dresdner Hammerweg verlegt.

Wandern
Schritt für Schritt
Schritt für Schritt

Gerne an der frischen Luft und immer in Bewegung? Wanderwege, Tipps und Tricks finden Sie hier.

Am Sonnabend, 22. August, hatte sich Ali mit Freunden abends im Lidl-Markt an der Budapester Straße in Dresden ein Eis gekauft. Doch er sollte nicht mehr lebend nach Hause kommen. Der Sechsjährige wurde beim Überqueren der mehrspurigen Budapester Straße unweit seiner Wohnung von einem Mercedes erfasst, der mit hohem Tempo stadteinwärts fuhr. Aufgrund der Wucht des Aufpralls wurde das Kind etwa 20 Meter weit gegen den Fahrgastunterstand der Haltestelle Schweizer Straße geschleudert. Er war sofort tot.

Die Ermittlungen ergaben, dass Mohammad F. am Steuer des Mercedes und Mohamed A. in einem BMW sehr schnell unterwegs waren. Sie hatten einige Hundert Meter zuvor mehrere Autos überholt. Der BMW soll zuletzt auf der zweispurigen Straße annähernd gleichauf mit dem Mercedes gewesen sein. Alis Mutter, die Nebenklägerin, sagte am Ende zu den Männern: „Nichts auf der Welt wird mir meinen Sohn zurückbringen. Wir sind aus Syrien geflohen, um unsere Kinder zu schützen. Wegen Ihres dummen Verhaltens und weil Sie verantwortungslos waren, haben Sie eine Familie kaputt gemacht.“.

Angeklagte hatten lange geschwiegen

Das Zitat nahm der Vorsitzende Richter Thomas Mrodzinsky in seiner Urteilsbegründung auf und betonte, dieses Verhalten habe einem Kind das Leben gekostet. Ohne jeglichen Zweifel sei das Geschehen als Autorennen zu qualifizieren, so der Vorsitzende.

Dazu gebe es neben Zeugenaussagen genügend objektive Beweise, darunter die Videoaufnahmen eines Autohandels am Beginn der Budapester Straße, die zeigten, wie schnell die Angeklagten schon dort unterwegs waren, und das Gutachten eines Verkehrssachverständigen. Er errechnete eine Aufprallgeschwindigkeit von mindestens 73 Stundenkilometern, mit der Ali erfasst wurde, und ein vorangegangenes Mindesttempo von 89. A. muss, um F. einzuholen, zwischenzeitlich mehr als 100 gefahren sein, was sich aus dem Abstand und den Geschwindigkeiten der Autos anhand der Videoaufnahmen ergab.

Die Angeklagten hatten seit dem Prozessauftakt Anfang Februar geschwiegen. Erst am Montag räumte A. ein, an einem Rennen teilgenommen zu haben. Das habe er erst jetzt verstanden. Er habe an der Ampel vor der Budapester Straße neben dem Mercedes seines Freundes gestanden und sich „provoziert gefühlt“. Er habe ihm zeigen wollen, dass er „auch schnell fahren könne“ und „unter allen Umständen an dem Mercedes „dranbleiben wollen“.

Mohammad F. dagegen erklärte am Montag, er habe den BMW des Mitangeklagten auf der Fahrt gar nicht wahrgenommen. Er entschuldigte sich für die schlimmen Folgen des Unfalls, bestritt aber seine Mitwirkung an einem Rennen. Er könne es nicht rückgängig machen.

Der Unfallfahrer bleibt in Haft

Beide Angeklagte sind Syrer, die in Dresden arbeiten und nicht vorbestraft sind. Bevor F. 2015 nach Deutschland kam, hatte er Archäologie studiert und arbeitete zuletzt als Bauhelfer und im Nebenjob Kurierdienstfahrer. A. brach sein Studium der englischen Literatur im zweiten Semester aufgrund des Bürgerkriegs ab. Er arbeitete in Dresden als Barkeeper in einem Hotel und derzeit bei einem Kurierdienst.

Mohammad F. wurde zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren und neun Monaten verurteilt und soll in Haft bleiben. Das Gericht wertete strafschärfend, dass der Angeklagte zur Tuningszene zähle und mehrfach beim Provozieren von Kfz-Rennen aufgefallen sei. Mohamed A. erhielt zwei Jahre Haft, die das Gericht zur Bewährung aussetzte. F. darf vor Ablauf von fünf Jahren keine neue Fahrerlaubnis erteilt werden, A. muss drei Jahre darauf warten.

Beide Autos, ein Mercedes 200 CDI und ein BMW 250 D wurden eingezogen. Richter Mrodzinsky sagte, die Angeklagten hätten erkennen müssen, wie gefährlich es sei, zu dieser Uhrzeit in der Innenstadt mit solchen Geschwindigkeiten zu rasen. Sie hätten die Tötung eines Menschen daher billigend in Kauf genommen.

Weiterführende Artikel

Tödliches Wettrennen: Urteile rechtskräftig

Tödliches Wettrennen: Urteile rechtskräftig

Ein kleiner Junge ist auf der Budapester Straße in Dresden gestorben. Nun hat der Hauptangeklagte seine Strafe akzeptiert und die Revision zurückgenommen.

Tödliches Rennen in Dresden: Zweifel an Zeugenaussagen

Tödliches Rennen in Dresden: Zweifel an Zeugenaussagen

Ein Verteidiger möchte die Aussagen von Belastungszeugen auf ihre Glaubwürdigkeit prüfen lassen. Andere Prozessbeteiligte wundern sich.

Prozess um tödlichen Unfall: Die Suche nach Wahrheit

Prozess um tödlichen Unfall: Die Suche nach Wahrheit

Ein sechsjähriger Junge stirbt bei einem möglichen illegalen Autorennen auf der Budapester Straße in Dresden. Zum Prozessauftakt sagt auch seine Mutter aus.

Die Staatsanwaltschaft hatte Haftstrafen von vier beziehungsweise zweieinhalb Jahren für die beiden Syrer gefordert. F.s Verteidigung plädierte auf eine Haftstrafe von zweieinhalb Jahren, F. sei zu schnell gefahren, aber habe sich kein Rennen geliefert. A.s Verteidiger hatte zwei Jahre mit Bewährung gefordert. Die Urteile sind noch nicht rechtskräftig.

Mehr zum Thema Dresden