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„Uns geht es scheinbar wie dem Führer"

Die Historikerin Francesca Weil hat die Kriegsjahre 1943 bis 1945 in Sachsen untersucht. Ihre Studie schließt jetzt eine Lücke.

„Wir sind ein armes, belogenes, betrogenes Volk geworden, von einer verantwortungslosen Regierung an den Abgrund gehetzt“, schreibt eine Dresdnerin im Juni 1945. Da liegt die Stadt wie hier auf diesem Foto aus jener Zeit weitgehend in Trümmern.
„Wir sind ein armes, belogenes, betrogenes Volk geworden, von einer verantwortungslosen Regierung an den Abgrund gehetzt“, schreibt eine Dresdnerin im Juni 1945. Da liegt die Stadt wie hier auf diesem Foto aus jener Zeit weitgehend in Trümmern. © dpa

Der Brief von Hildegard Menzel an ihren Ehemann Martin trägt das Datum 6. November 1943: „Uns geht es scheinbar wie dem Führer, auch für uns bedeutet das Jahr 1943 ein Unglücksjahr, und ich werde aber bestimmt froh sein, wenn es erst mal vorüber sein wird.“

Es sind Zeilen, die offenbar stellvertretend für das Denken vieler Sachsen in jener Phase des Zweiten Weltkrieges stehen. Diesen Schluss lässt die Studie von Francesca Weil zu. Die Historikerin vom Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung hat die Stimmungslage der sächsischen Bevölkerung von Anfang 1943 bis kurz nach der Befreiung untersucht. Gestützt hat sich die Wissenschaftlerin, die in Leipzig studiert und promoviert hatte, vor allem auf 31 Zeitzeugen, deren Tagebuchaufzeichnungen und Briefe.

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Die Menschen gehörten nicht nur zu verschiedenen Altersgruppen, sie stammen auch aus unterschiedlichen Lebensbereichen: Arbeiter und Angestellte, Führungskräfte aus Politik, Staat und Wirtschaft. Aus dem Puzzle ihrer Gedanken hat die Wissenschaftlerin ein Bild der späten sächsischen Kriegsgesellschaft zusammengesetzt. Umfassende Forschungen zum Kriegsalltag in Nazi-Deutschland gibt es bereits; allerdings berühren sie den Osten bestenfalls am Rande, sieht man einmal von Berlin ab. Weil schließt mit ihrer Arbeit eine Lücke.

Hoffen auf den Endsieg

Was die Briefeschreiberin Hildegard Menzel ein „Unglücksjahr“ nennt, hatte mit der katastrophalen Niederlage in der Schlacht von Stalingrad begonnen, die zum Wendepunkt des Zweiten Weltkriegs wurde. Zum Ende des Jahres verstärkten die Alliierten ihre Luftangriffe, die dann erstmals auch sächsische Städte trafen.

Typisch für das Denken ist der Brief, weil aus den wenigen Zeilen nicht nur Selbstmitleid spricht, sondern auch die vage Hoffnung, dass sich das „Kriegsglück“ schon irgendwie wenden würde. An den „Endsieg“ glaubten nicht nur fanatische Nazis wie Hellmut Böhme, der NSDAP-Kreisleiter in Freiberg und danach bis 1945 in Meißen war.

Mit solchen Fuhrwerken wurden 1945 Hab und Gut der Vertriebenen durch Görlitz transportiert. Der Obermarkt verkam damals zu einem Ort von Dreck und Elend.
Mit solchen Fuhrwerken wurden 1945 Hab und Gut der Vertriebenen durch Görlitz transportiert. Der Obermarkt verkam damals zu einem Ort von Dreck und Elend. © Ratsarchiv Görlitz

Annerose N. meinte, die vielen Entbehrungen dürften doch nicht umsonst gewesen sein. Bis zuletzt – das belegen Tagebuchaufzeichnungen und Briefe – waren viele Sachsen zutiefst überzeugt von der Nazi-Ideologie. Verbunden war das mit rassistischen und antisemitischen Einstellungen, die mehr oder weniger offen in ihren Aufzeichnungen zutage treten.

Propagandamaschinerie verliert Wirkung

Dabei zeichnete sich in Sachsen – wie auch in ganz Deutschland – schon im Sommer 1943 das Bild einer „allgemeinen schweren Depression“ ab, wie selbst NS-Funktionäre intern urteilten. Es handele sich nicht nur um einen Stimmungs-, sondern um einen Haltungseinbruch. Die NS-Propagandamaschinerie, die nach Stalingrad mit Durchhalteparolen und Siegesgewissheit trommelte, hatte nicht die gewünschte Wirkung. Längst wussten auch die Menschen in Sachsen, was sich in Köln, Hamburg oder Berlin Tag für Tag ereignete: Britische und amerikanische Bomber legten deutsche Städte in Schutt und Asche. Die Furcht vor alliierten Luftangriffen und der Vergeltung der Roten Armee war allgegenwärtig.

Pirna, Südvorstadt. Zerstörungen durch den Bombenangriff auf die Hermann-Göring-Siedlung am 15. Februar 1945.
Pirna, Südvorstadt. Zerstörungen durch den Bombenangriff auf die Hermann-Göring-Siedlung am 15. Februar 1945. © Stadtmuseum Pirna

Dass viele Sachsen weiter loyal dem NS-Regime folgten, mag nicht zu diesem allgemeinen Lagebild passen. Schwere Niederlagen an den Fronten und die Folgen der alliierten Bombardements schlugen nur selten in Verweigerung oder gar Protest um, resümiert die Autorin. Zudem beschreibt sie ein Phänomen: Der Mobilisierungsdruck von oben ging mit einer „Selbstmobilisierung von unten“ einher.

Verzweifelter Durchhaltewillen erschien den allermeisten als einziger Ausweg – bis zur Befreiung im Mai 1945. Rückhalt und Kraft fanden viele Menschen nicht nur im Familien- und Freundeskreis. Es waren auch die großen und kleinen Vergnügungen, die es trotz allem immer noch gab. Bezeichnend ist ein Tagebucheintrag des Lektors im Leipziger Insel-Verlag vom Mai 1945. Er erinnert sich an eine große Feier ein Jahr zuvor. Da habe man aber schon gewusst, dass es nicht gut enden könne. „Und doch lebte man, als ob alles in Ordnung wäre. Es ist das, was die anderen nicht verstehen: wie uns Deutschen das möglich war. Wie soll man das erklären?“

An den Abgrund gehetzt

Die Grundstimmung, die den Großteil der sächsischen Bevölkerung in den ersten Monaten der Besatzung erfasste, umschreibt Weil mit dem Begriff „nationales Selbstmitleid“. Dazu passt der Brief einer Dresdnerin, den sie im Juni 1945 an ihre Enkelin schrieb: „Wir sind ein armes, belogenes, betrogenes Volk geworden, von einer verantwortungslosen Regierung an den Abgrund gehetzt.“

Wie Millionen andere Deutsche litten auch die Menschen in Sachsen an den Folgen von Krieg und Zerstörung. Sie trauerten um ihre Angehörigen, bangten um die Zukunft – und sahen sich in erster Linie als Opfer. Nur wenige fragten nach den eigentlichen Ursachen für ihre Leiden und Entbehrungen. Dass der verbrecherische Eroberungs- und Vernichtungskrieg der Nazis dorthin zurückkehrte, von wo er seinen Ausgang nahm, darüber dachten die meisten nicht nach. Mit dem Krieg wollten sie im Nachhinein nichts mehr zu tun haben.

Das Buch: Francesca Weil. Uns geht es scheinbar wie dem Führer ... V&R unipress, 27,99 Euro

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