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Bus und Bahn sollen Vorrang in Dresden bekommen

Straßenbahnen sollen schneller durch die Stadt kommen, deshalb starten die DVB noch in diesem Monat einen Test. Autofahrer müssen dann mitunter warten.

Von Christoph Springer
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Hier werden ab diesem Monat Vorrangschaltungen für die Straßenbahnen getestet.
Hier werden ab diesem Monat Vorrangschaltungen für die Straßenbahnen getestet. © Archiv/Sven Ellger

Dresden. Jahrelang wagte kaum jemand, diesen Begriff in öffentlichen Debatten zu verwenden. Selbst die Dresdner Verkehrsbetriebe (DVB) gingen damit ausgesprochen vorsichtig um. Einerseits galt es, im politisch konservativ dominierten Dresden eine große Gruppe potenzieller Wähler bei der Stange zu halten, und andererseits, die Stimmung im Rathaus zu berücksichtigen. Die war klar dem Auto zugewandt. Höchstens von "Beschleunigung" von Bussen und Bahnen wurde damals gesprochen, "Vorrang" an Kreuzungen war tabu.

Dass Ampelschaltungen so programmiert sein könnten, dass Busse und Bahnen zuerst oder wenigstens schneller als Autos über eine Kreuzung gelotst werden, galt zwar als machbar und wurde wenigstens hinter vorgehaltener Hand gelegentlich angesprochen, dass es dazu kommen würde aber stets verneint.

Straßenbahnen sind zu langsam

Das ist jetzt anders. Vor allem die Straßenbahnen sollen künftig schneller durch die Stadt kommen. Die aktuell reichlich 20 Stundenkilometer sind zu wenig, um wenigstens so attraktiv wie ein Pkw zu sein, schließlich ist man bei einer Autofahrt in Dresden im Schnitt rund fünf Stundenkilometer schneller unterwegs. DVB-Sprecher Falk Lösch kündigt deshalb eine "Beschleunigung" des Öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) an.

"Fast 28 Prozent der gesamten Fahrzeit von Bussen und Bahnen der Dresdner Verkehrsbetriebe gehen immer noch an Kreuzungspunkten verloren", rechnet er vor. Würden also die Ampeln "intelligenter und besser abgestimmt schalten", ließen sich Wartezeiten an den Kreuzungen für viele Linien und täglich Tausende von Fahrgästen verkürzen.

Das bedeutet nichts anderes, als dass die Fahrzeuge der DVB Vorrang bekommen sollen. Falls nötig, also wenn sie zum Beispiel schneller unterwegs sind, als laut Fahrplan vorgesehen, könnten sie durch intelligente Ampeln auch ausgebremst werden. Noch in diesem Monat starten die DVB einen Test. Am Straßburger Platz ist die gesamte Ampelanlage dann so programmiert, dass die Straßenbahnen im Zweifelsfall Vorrang bekommen.

"Insgesamt 30 neue Ampelanlagen im Stadtzentrum sind beauftragt", sagt Lösch, nach dem Straßburger Platz folgen Ampeln auf der Stübelallee und der Grunaer Straße. Ebenfalls vorgesehen seien "intelligente Ampeln" am Lennéplatz und auf der Wiener Straße, am Bahnhof Mitte sowie auf den nördlichen Abschnitten des Stadtrings. Damit sind die Strecken vom Albertplatz bis zur Marienbrücke und die Bautzner Straße bis zur Albertbrücke gemeint. "Ob und wie es weitergeht, wird vom Erfolg des neuen Projektes abhängen."

Längere Wartezeiten für Autos

Die Verantwortlichen des Unternehmens gehen davon aus, dass eine Bahn heute zehn bis 15 Sekunden braucht, um über eine Kreuzung zu kommen, und kündigen an, sofort danach werde die freie Kreuzung für den Autoverkehr freigegeben. So könnten auch Pkw-Fahrer Zeit gewinnen. Unter Umständen müssen sie aber länger warten, als bisher. Lösch: "Wenn es nötig ist, sollte der ÖPNV für eine Freischaltung durchaus nach einer Prioritätenliste besser bewertet werden."

Der Effekt könnte letztlich nicht nur eine höhere Attraktivität des ÖPNV sein, die DVB versprechen sich davon auch Einspareffekte. Denn wenn die Bahnen schneller unterwegs sind, also Fahrzeit sparen, kann das letztlich dazu führen, dass pro Tag weniger Bahnen und weniger Straßenbahnfahrer gebraucht werden. "Das spart je Abschnitt rund eine Minute Fahrzeit pro Fahrzeug, die Linien 6, 10, 11 und 13 wären sogar mehrere Minuten schneller unterwegs", haben die DVB für den Ampel-Test errechnet.

Fahrgäste werden gezählt

Doch es soll nicht bei Schaltzeiten bleiben, die für die DVB optimiert wurden. Parallel dazu wollen die Verkehrsbetriebe kontinuierlich erfassen, wie viele Fahrgäste in einer Straßenbahn sind. Das Ziel ist, dass auch einfließt, wie lange der Fahrgastwechsel an einer Haltestelle dauert. So könne die "effektive Freigabephase" einer Ampel berechnet werden. "Grün zeigt sie erst dann, wenn die Abfahrt realistisch ist, ohne andere Verkehrsteilnehmer zu lange aufzuhalten", übersetzt Lösch diese Idee.

Damit die Auslastung der Fahrzeuge automatisch erfasst werden kann, wird in 21 Straßenbahnen ab Anfang 2022 die dafür nötige Technik eingebaut. Herzstück sind dabei Lichtschranken an den Türen.

Vorfahrt für den Klimaschutz

Ende 2023 soll der Ampel-Zeit-Test in vollem Umfang laufen. Wann belastbare Ergebnisse vorliegen werden, ist noch nicht absehbar. Doch das Ziel ist klar: Falls nötig, müssen Autofahrer für die "Beschleunigung der Öffentlichen" kurz warten. Womöglich länger, als bisher. "Es gilt abzuwägen, welche Verkehrsmittel auch unter Klimaschutzaspekten an den Ampeln sinnvoll priorisiert werden", sagt Lösch. Er selbst beantwortet diese Frage. Es müssen die "klimafreundlichen" sein. Und das sind - nicht nur aus Sicht der DVB - Busse und Straßenbahnen.