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Ist Dresdens autofreie Neustadt gescheitert?

Das Verkehrsexperiment ist abgesagt. Wäre es auch ohne Corona gescheitert? Es wurde zu lange nicht ernst genommen, sagt Organisatorin Judith Kleibs.

Judith Kleibs ist Initiatorin der Woche des guten Lebens. Im SZ-Gespräch erklärt sie, wie es mit dem Projekt "autofreie Neustadt" weitergeht.
Judith Kleibs ist Initiatorin der Woche des guten Lebens. Im SZ-Gespräch erklärt sie, wie es mit dem Projekt "autofreie Neustadt" weitergeht. © Sven Ellger

Dresden. Sieben Tage ohne Autos auf den Straßen: In dieser Woche hätte ein Verkehrsexperiment in der Dresdner Neustadt versucht, worüber sonst nur geredet wird. Im Rahmen des Modellprojekts "Die Woche des guten Lebens" wollten die Neustädter vom 2. bis 9. Mai ein autofreies Stadtviertel gestalten.

Doch daraus ist nichts geworden, coronabedingt musste das Modellprojekt abgesagt werden. Lag es nur an der Pandemie? Organisatorin Judith Kleibs blickt zurück auf ein Jahr voller Debatten über eine Verkehrswende in Dresden.

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Erst wurde die "Woche des guten Lebens" verschoben, jetzt haben Sie das Projekt ganz abgesagt. Ist das autofreie Verkehrsexperiment gescheitert?

Gescheitert ist nicht das richtig Wort. Das Projekt ist ja nicht gescheitert, wir haben die Genehmigung der Stadt vorliegen. Das heißt, wir waren ein offiziell genehmigtes Verkehrsexperiment, was es so noch nicht in Dresden gab.

Wir sind deshalb auch nicht gescheitert, weil wir dazu beigetragen haben, eine Debatte über eine Verkehrswende in Dresden anzuregen. So gesehen, hat es ganz viel angestoßen, aber ja am Ende muss man sagen: Verdammt! Die "Woche des guten Lebens" ist an Corona zugrunde gegangen.

Nach der ganzen Arbeit, die Sie da reingesteckt haben…

Nicht nur ich, an dem Projekt waren über 100 Ehrenamtliche beteiligt. Das ehrenamtliche Projektteam, dass die Idee zur "Woche des guten Lebens" hatte, sogar seit mehr als vier Jahren.

… was ist für Sie die "Woche des guten Lebens" geworden? Sie haben zu Beginn immer wieder gesagt, es geht nicht nur um eine autofreie Neustadt.

Ein Verkehrsexperiment ist eben mehr als ein Verkehrsexperiment. Es geht nicht nur darum, Autos weniger Platz einzuräumen, sondern nachhaltige Mobilitätsformen zu stärken und Aufenthaltsorte im öffentlichen Raum zu schaffen. Wenn man Stadtraum anders denkt und umstrukturiert, dann sind viele Menschen davon betroffen - im positiven und im negativen Sinne. Das Projekt war eine Art Plattform, um viele Neustädter zusammenzubringen.

Wer waren die Menschen, die sich engagiert haben?

Bei uns waren zum einen Menschen aktiv, denen es darum ging, dass der öffentliche Raum auch als Aufenthaltsort und Treffpunkt gesehen werden muss. Also dass zum Beispiel Theater auf der Straße möglich sein kann. Es ging darum, wie gemeinschaftlich das eigene Stadtviertel gestaltet werden kann. Für viele standen Fragen im Mittelpunkt wie: Wie können Cafés und Läden von dem Projekt profitieren? Wie kann die Stadt für Kinder und alte Menschen sicherer und schöner gemacht werden?

Das Projekt hat dazu beigetragen, das Bewusstsein zu schärfen, denn es geht nicht nur um autofreie Straßen - im Gegenteil: Es geht darum, dass sich alle in dem Stadtteil wohlfühlen und mit "alle" sind wirklich alle gemeint.

Welche Schwierigkeiten hatten Sie bei der Umsetzung des Projekts?

Dass die Verwaltung bis zum Ende nicht richtig verstanden hat, wie Ehrenamt funktioniert. Und wir als Bürgerprojekt natürlich nicht, wie die Verwaltung arbeitet. Das Problem war, dass da zwei unterschiedliche Kulturen aufeinandergetroffen sind. Es war ein langer Kampf. Und bis zuletzt muss ich sagen: Die Stadt hat sich bemüht, uns zu unterstützen, aber es ist auch wirklich einiges schiefgelaufen. Uns hat die Verwaltung lange nicht ernst genommen. Sie haben nicht verstanden, was es bedeutet, ein Projekt dieser Größenordnung hauptsächlich mit ehrenamtlichen Stunden umzusetzen. Die Genehmigung haben wir viel zu spät erhalten.

Wann haben Sie die Genehmigung für das Projekt bekommen?

Sechs Wochen bevor es eigentlich stattfinden sollte. Also am 19. März. Das ist extrem wenig Zeit, um 15.000 Neustädter gut darüber informieren zu können, was genau während des Verkehrsexperiment auf sie zukommt und sie für das Projekt zu gewinnen. Wir hatten das Dilemma, dass wir aufgrund der ausstehenden Genehmigung keine klaren Ansagen machen konnten. Das hat man uns auch vorgeworfen.

Haben Sie eine neue Verwaltungssprache gelernt?

Ja! Ich weiß jetzt definitiv den Unterschied zwischen Sondernutzungsgenehmigung und verkehrsrechtlicher Anordnung.

Wünschen Sie sich etwas von der Stadtverwaltung?

Die Verwaltung hat sich wirklich bemüht, aber am Ende glaube ich trotzdem, dass sie uns als Bürgerprojekt nicht ganz verstanden hat. Es sollte mehr Strukturen für Bürger innerhalb der Verwaltung geben, damit man ernst nimmt, dass Bürger die Stadt gestalten wollen.

War es auch eine Schwierigkeit, dass sich Menschen partout gegen das Projekt gestellt haben?

Es gibt definitiv einige Menschen in der Neustadt, die das Projekt komplett abgelehnt haben. Wir sind allerdings nur relativ wenig mit ihnen in Kontakt gekommen. Sie sind nicht unseren Einladungen nachgekommen, mit uns auf Veranstaltungen oder bei einem Telefonat zu diskutieren.

Warum nicht?

Corona hat eine persönliche, bürgernahe Öffentlichkeitsarbeit tatsächlich deutlich erschwert, was ein Grund dafür sein könnte, warum es wenig Kontakt mit Kritikern gab. Außerdem hätte es vielen geholfen, wenn wir früher klare Lösungen hätten vorschlagen können. Es ist ja auch umständlich, seinen Alltag eine Woche anders zu strukturieren. Dadurch, dass wir selbst erst so spät Klarheit hatten, in welchem Umfang das Verkehrsexperiment umsetzbar ist, war das nur begrenzt möglich.

Wird es eine Verschiebung der "Woche des guten Lebens" geben?

Nein. Wir als Zukunftsstadtprojekt werden nicht verlängert, die Projektgelder sind alle. Aber der Stadtbezirksbeirat Neustadt hat uns Mut gemacht und Interesse an einer Zusammenarbeit nach der Pandemie signalisiert.

Ist das realistisch?

Wir sind ja jetzt alle eingeübt, die Verwaltung weiß, was auf sie zukommt, wir wissen, was auf uns zukommt. Und es kann jetzt nicht mehr argumentiert werden, dass ein autofreies Verkehrsexperiment nicht genehmigt werden kann, denn es ist ja passiert. An sich ist die Idee einer autofreien Neustadt für ganz viele Leute trotzdem sehr mächtig und attraktiv. Und ja, eine Neuauflage nach der Pandemie, warum nicht?

Und glauben Sie, dass es irgendwann eine autofreie Neustadt geben wird?

Ich glaube, dass die Zeichen dafür besser stehen. Es gibt bereits Bemühungen von vielen Seiten, eine autofreie Louisenstraße einzurichten. Ich denke, die Debatte hat dazu beigetragen, dass es solche Vorhaben in Zukunft leichter haben.

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Die "Woche des guten Lebens" findet vom 2. bis 9. Mai trotzdem statt: als digitale Veranstaltungsreihe zum Thema Verkehrswende und Stadtgestaltung.

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